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2.7.2004 | Von:
Alexander Reinberg
Markus Hummel

Fachkräftemangel bedroht Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft

Folgerungen und Lösungsansätze

Wie die skizzierten Fakten nahe legen, ist kein einfacher Königsweg in Sicht, um den drohenden Fachkräftemangel abzuwenden. Notwendig ist vielmehr ein ganzes Bündel gegensteuernder Maßnahmen. Zu diesem Strategiebündel zählen neben der vorrangigen Ausschöpfung von Potenzialen an qualifizierten Arbeitslosen insbesondere:

Die Verbesserung der Beschäftigungsperspektiven älterer Arbeitnehmer

Wenn auf mittlere bis lange Sicht die Zahl der qualifizierten Erwerbspersonen nicht nur immer kleiner wird, sondern wenn diese auch immer älter werden, muss auch die betriebliche Personalpolitik reagieren. In den letzten Jahren wurde die Weiterentwicklung betrieblichen Know-hows vor allem über die Einstellung von jungen, frisch ausgebildeten Berufsanfängern sicher gestellt. Ältere Mitarbeiter wurden dagegen vermehrt in den Vorruhestand gelockt oder in die Arbeitslosigkeit entlassen.

Dieser Weg wird künftig in die Sackgasse führen. Weil das Potenzial an jungen Fachkräften immer kleiner wird, müssen die Erhaltung und Weiterentwicklung der beruflichen Kompetenz älterer Mitarbeiter wieder stärker in den Vordergrund rücken.[5] Dies kann nicht Aufgabe der Betriebe alleine sein. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ein lebenslanges Lernen müssen geschaffen werden.

Bessere Erwerbsmöglichkeiten und -bedingungen für Frauen

Weil Frauen die Chancen der Bildungsexpansion verstärkt nutzten und heute bereits dabei sind, die Männer auf vielen Ebenen der Qualifizierung zu überholen, werden sie langfristig zu einer immer breiteren Säule des qualifizierten Erwerbspersonenpotenzials. Ohne stärkere Einbindung der Frauen in den Arbeitsmarkt ist der Mangel programmiert. Unerlässlich ist deshalb die Ausweitung "frauengerechter" Arbeitsplätze, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen (flexiblere Arbeitzeiten, Kinderbetreuung, neue Familienmodelle).[6]

Gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland

Dass der hohe demografisch bedingte Bedarf an Fachkräften in Deutschland langfristig durch Zuwanderung ausgeglichen werden kann, ist eher unwahrscheinlich. Andere Nationen stehen vor ähnlichen Problemen. Die internationale Konkurrenz um die "hellen Köpfe" wird sich in Zukunft wohl eher noch verstärken. Dennoch ist eine gesteuerte Zuwanderung gekoppelt an eine adäquate Integrationspolitik wohl ein unerlässlicher Baustein, um den drohenden Fachkräftemangel zu mildern.

Nachqualifizierung von Erwerbspersonen ohne abgeschlossene Berufsausbildung

Nur etwa 13 Prozent der Personen ohne Berufsausbildung besitzen keinen allgemein bildenden Schulabschluss. Gut zwei Drittel verfügen über einen Hauptschulabschluss und ein kleiner Teil sogar über einen höheren Bildungsabschluss. Von mangelnder Bildungsfähigkeit kann also beim Großteil dieser Gruppe kaum gesprochen werden. Außerdem sind etwa ein Drittel derselben jünger als 35 Jahre und haben ohne zusätzliche Qualifizierung ein risikoreiches Erwerbsleben vor sich. Dieser Personenkreis sollte nicht länger als Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt angesehen, sondern als echte Bildungsreserve behandelt werden - eine Forderung, von der wir heute allerdings noch weit entfernt sind.[7]

Mit den genannten vier Maßnahmen kann das Problem nicht gelöst werden. Es sind folglich notwendig

Verstärkte Bildungsanstrengungen auf allen Ebenen

Wenn Deutschland als Hochtechnologie- und Hochlohnstandort auch in Zukunft seine Position behaupten will, wird es letztendlich nicht darum herum kommen, seinen dringend benötigten Fachkräftenachwuchs weitgehend selbst zu qualifizieren. Bei mittel- bis langfristig drastisch sinkenden Jahrgangsstärken ist dies nur durch verstärkte Bildungsanstrengungen der nachrückenden Generationen zu erreichen. Wie gezeigt werden konnte, ist aber genau dies derzeit nicht in Sicht, ist doch statt der Bildungsexpansion von einst in weiten Teilen Stagnation zu verzeichnen.

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels hätte ein Erlahmen der Bildungsanstrengungen langfristig den Verlust an Humankapital zur Folge. Deshalb ist eine breit angelegte Bildungsoffensive auf allen Ebenen der allgemeinen und beruflichen Qualifizierung sowie der Weiterbildung dringend erforderlich. Sie sollte möglichst bald einsetzen. Denn Qualifizierungsprozesse sind langfristiger Natur. Die bildungspolitischen Entscheidungen von heute werden erst mittelfristig auf dem Arbeitsmarkt wirksam.

Aber noch ist es nicht zu spät. Über längere Zeit haben wir noch hohe Bestände an Qualifizierten mittleren und höheren Alters, deren berufliche Kompetenz durch verstärkte Fortbildung erhalten und weiterentwickelt werden muss. Der demographische Rückgang bei den Jugendlichen wird erst Ende diesen Jahrzehnts einsetzen. Diese Zeit gilt es zu nutzen.

IAB im Internet

http://www.iab.de Hier finden Sie u. a. verschiedene Publikationen zum Thema


Fußnoten

5.
Vgl. Barbara Koller/Hans-Eberhard Plath, Qualifikation und Weiterbildung älterer Arbeitnehmer, in: Arbeitsmarktrelevante Aspekte der Bildungspolitik, Beiträge zur Arbeitsberichtserstattung (BeitrAB), (2001) 245.
6.
Vgl. Gerhard Engelbrech/Maria Jungkunst, Erwerbsbeteiligung von Frauen: Wie bringt man Beruf und Kinder unter einen Hut?, in: IAB-Kurzbericht, (2001) 7.
7.
Vgl. Alexander Reinberg/Ulrich Walwei, Qualifizierungspotenziale von "Nicht-formal-Qualifizierten", in: IAB-Werkstattbericht, (2000) 10.