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2.7.2004 | Von:
Werner Schönig
Oliver Farhauer

Bildungsförderung, Verteilungspolitik und soziale Durchlässigkeit

Zur Theorie und Empirie eines vernachlässigten Handlungsfeldes

Bildungsinvestitionen aus theoretischer Sicht

Die Vertragstheorie

Faire Chancengleichheit kann als das zentrale Gerechtigkeitskriterium in modernen Gesellschaften gelten, wenn Grundsätze für Verfassungsregeln diskutiert werden. Danach muss jedem Individuum die Möglichkeit offen stehen, eine beliebige gesellschaftliche Position zu besetzen. Die Besetzung jeder Stellung in der Gesellschaft soll nach liberaler Grundüberzeugung zum einen allen Individuen möglich sein und zum anderen von ganz bestimmten individuellen Merkmalen abhängen. Zu diesen relevanten Merkmalen gehören neben der natürlichen Begabung vor allem die erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse eines Individuums sowie seine Leistungsbereitschaft. Alle übrigen individuellen Eigenschaften, wie beispielsweise Religion, Alter, Geschlecht, Herkunft, Vermögen etc., sind dagegen als irrelevante Faktoren bei der Besetzung von gesellschaftlichen Positionen anzusehen.[3] In der Realität sind die Kriterien für die Vergabe gesellschaftlicher Positionen jedoch nicht nur die individuellen Fähigkeiten der Individuen, sondern es spielen auch soziale und ökonomische Merkmale eine Rolle. Wie "gerecht" eine Gesellschaft ist, bestimmt sich daher letztlich am Grad ihrer "Durchlässigkeit" (Robert K. v. Weizsäcker), die wiederum daran gemessen wird, wie stark die Einkommen und Vermögen einer Kindergeneration mit jenen ihrer Eltern korrelieren. Ein empirischer Vergleich der Durchlässigkeit der Sozialordnung mit anderen europäischen Ländern stellt der Bundesrepublik ein schlechtes Zeugnis aus.

Aus Sicht der Vertragstheorie muss zur Gewährleistung fairer Chancengleichheit die marktwirtschaftliche Steuerung um institutionelle Rahmenbedingungen ergänzt werden. John Rawls als einer der Hauptvertreter dieser theoretischen Sichtweise vertritt die Ansicht, dass rechtliche Diskriminierungsverbote nicht ausreichen, um den Einfluss irrelevanter Faktoren auf die Besetzung von gesellschaftlichen Positionen auszuschalten. Ein zentrales Problem bei der Realisierung von Chancengleichheit besteht darin, dass Merkmale wie die Herkunft (Familie) die Chancen in der Gesellschaft sowohl positiv als auch negativ stark beeinflussen. So wirken natürliche Faktoren (Erbgut) und das soziale Umfeld (Vermögensausstattung in der Familie) in starker Weise auf die individuellen Chancen des Aufbaus von Humankapital, das für die Erreichung angesehener gesellschaftlicher Positionen unabdingbar ist.

Der Einfluss relevanter ökonomischer Vermögensmerkmale soll durch staatliche Umverteilungsmaßnahmen (Differenzprinzip) kompensiert werden. Aufgrund der unterschiedlichen familiären Milieus wird eine aktive staatliche Bildungspolitik gefordert, die den Individuen wenigstens einigermaßen gleiche Chancen bei der Aneignung der relevanten Merkmale (Fähigkeiten und Kenntnisse) einräumt. Konsequent zu Ende gedacht, würde eine solche Politik jedoch auf Spannungsfelder treffen, die der praktischen Umsetzung entgegenstehen:

- In modernen Gesellschaften haben die Privatsphäre und die elterliche Entscheidungskompetenz einen hohen Stellenwert, andererseits sind die Ursachen für schichtspezifischen Bildungsattentismus (zu geringe Inanspruchnahme von Bildungsangeboten durch sozial benachteiligte Familien) tief verwurzelt. Einer radikalen Herauslösung der Kinder aus ihren Familien stehen ethische und verfassungsrechtliche Verbote entgegen.

- Einerseits soll Bildung auf dem Arbeitsmarkt verwertbar sein und für die zukünftigen Anforderungen des Arbeitsmarkts qualifizieren, andererseits sind die Konturen der zukünftigen Anforderungsprofile denkbar vage. "Lebenslanges Lernen" hilft hier nicht weiter, solange auch die Zugänge zur Fortbildung ungleich verteilt sind.

- Als illusorisch könnte sich auch der zeitliche Rahmen der Umsetzung erweisen: Einerseits stehen Bildungspolitiker unter kurzfristigem Erfolgsdruck, andererseits braucht Bildung und ihre Verwertung auf dem Markt Zeit. Letztlich kann ihr Erfolg nur durch einen Vergleich der Lebenseinkommen nachgewiesen werden.

Ungeachtet dieser Spannungsfelder ist unbestreitbar, dass sowohl bei der Herstellung von Chancengleichheit als auch bei der Absicherung der Lebensrisiken (Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit, Pflegebedürftigkeit, Unfall etc.) in modernen Gesellschaften der Bildungspolitik eine zentrale Rolle zukommt. Nur wenn durch entsprechende bildungspolitische Maßnahmen für Chancengleichheit gesorgt wird, ist eine konsensuale Einigung auf ein marktwirtschaftlich organisiertes Wirtschaftssystem möglich.

Die Arbeitsmarkttheorie

Eine die Bildung des Individuums in den Vordergrund stellende Theorie für den Arbeitsmarkt ist die Humankapitaltheorie. Diese setzt Sachkapitalinvestitionsentscheidungen mit der individuellen Entscheidung über Bildungsinvestitionen gleich. Dadurch wird Arbeitskraft zum Investitionsgut, in das zur Verbesserung des Arbeitsvermögens und der Produktivität investiert werden kann. Nach dem einzelwirtschaftlichen Optimierungskalkül wird solange in Humankapital investiert, bis die Grenzkosten der Investitionstätigkeit dem Gegenwartswert der sich daraus ergebenden Grenzerträge entsprechen. Anders ausgedrückt werden so lange Investitionen in Ausbildung getätigt, bis die erwarteten Erträge der Ausbildungsinvestition deren Kosten übersteigen. Diese Investitionen steigern nun die Produktivität des Arbeitnehmers, so dass er nach der Grenzproduktivitätstheorie einen höheren Lohn erzielen kann. So lassen sich unterschiedliche Lohnstrukturen erklären.

Verliert ein Arbeitnehmer im dynamischen Wirtschaftsprozess durch einen Schock - beispielsweise einen konjunkturellen Abschwung - seinen Arbeitsplatz, setzt ein Degenerationseffekt des Humankapitals ein. Zum einen verlieren die Individuen während der Arbeitslosigkeit sowohl berufsfachliche als auch überfachliche Qualifikationen. Zum anderen sind nach Überwindung des Schocks die Anforderungen am Arbeitsplatz häufig nicht mehr identisch mit jenen vor dem konjunkturellen Schock, da Aufschwungphasen häufig durch vermehrten technischen Fortschritt gekennzeichnet sind. Die Arbeitslosen haben während der Arbeitslosigkeit keine Möglichkeit des on-the-job-trainings, weshalb sie sich gegen den Degenerationsprozess ihres Humankapitals kaum wehren können.

Die beschränkten kognitiven Fähigkeiten der Menschen stehen einer zeitnahen Neu- bzw. Umqualifizierung entgegen.[4] Insofern stellt sich die Frage, wie die arbeitslos gewordenen Individuen wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Humankapitaltheoretisch betrachtet müssen sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Rahmen einer Erwerbstätigkeit weiterqualifizieren, um eine Arbeitslosigkeit zu verhindern bzw. in den ersten Arbeitsmarkt reintegriert zu werden. Dabei fällt auf, dass einem Individuum mit einem höheren Bildungsniveau die Anpassung an ein verändertes Anforderungsprofil, d.h. die Aneignung veränderter Fähigkeiten und Fertigkeiten, schneller gelingt.[5] Letztlich spricht aus Sicht der Arbeitsmarkttheorie einiges dafür, Bildungspolitik auf hohem Niveau zu betreiben. Durch sie kann Arbeitslosigkeit präventiv verhindert oder zumindest verkürzt werden.

Die Sicht der Wachstumstheorie

Moderne wachstumstheoretische Ansätze implizieren einen wesentlichen Einfluss des Humankapitals auf die Wachstumsrate des Sozialproduktes. So legt die endogene Wachstumstheorie eine Wirtschaftspolitik nahe, die zur Bildung von Humankapital anregt.[6] Die Empfehlungen für eine konkrete Bildungspolitik unterscheiden sich jedoch.

Einige Autoren sind der Meinung, dass die Vorteile von Bildungsinvestitionen zum überwiegenden Teil bei denjenigen entstehen, die diese durchführen, wodurch Humankapitalinvestitionen nur einen internen Effekt ausübten. Die investierenden Wirtschaftssubjekte steigerten durch eine qualifizierte Ausbildung ihre Produktivität, diese werde aber in einem marktwirtschaftlichen System durch eine höhere Entlohnung entgolten. Somit liege keine Rechtfertigung vor, wirtschaftspolitische Eingriffe zur Bildungsförderung durchzuführen. Die Autoren sehen die staatliche Aufgabe hauptsächlich darin, eine Basisbildung bereitzustellen, die es den Wirtschaftssubjekten möglich mache, rationale Entscheidungen zu treffen, sowie entsprechende Leistungsanreize aufrechtzuerhalten, die dem Wirtschaftssubjekt die Investitionen in sein Humankapital attraktiv erscheinen lasse.

Andere Ökonomen schreiben Bildungsinvestitionen positive externe Effekte zu. Danach verbessere sich durch Humankapitalinvestitionen nicht nur die Produktivität des investierenden Individuums, sondern sie übe auch einen positiven Einfluss auf Dritte aus. So profitierten von den Bildungsinvestitionen beispielsweise auch Kollegen am Arbeitsplatz, Familienangehörige oder auch Nachbarn und Freunde durch einen Einfahrungsaustausch über das neu erlangte Wissen. Werden diese Externalitäten, also die positiven Wirkungen auf Dritte, anerkannt, werden wirtschaftspolitische Empfehlungen zur Förderung der Bildungsaktivität abgegeben.

Bei beiden Positionen ist zu beachten, dass nicht alle Bildungsinvestitionen zwangsläufig die Produktivität der Bevölkerung verbessern. Sie haben jedoch durchaus positive Effekte innerhalb der Gesellschaft; beispielsweise steigern philosophische, religiöse und literarische Fähigkeiten das Humankapital, wirken sich aber nicht unbedingtproduktivitätssteigernd aus.[7] Ökonomische Effekte sind insofern in gänzlich "unökonomischen" Bereichen zu erwarten (politisches System, Humanität der Erziehung). Sie sind dort hochwirksam, allerdings nicht unmittelbar verteilungsrelevant.


Fußnoten

3.
Vgl. Oliver Farhauer, Sozialpolitische Implikationen ausgewählter vertragstheoretischer Lehren, in: Sozialer Fortschritt, 51 (2002) 1, S. 12 - 15.
4.
Vgl. ders., Qualifizierung, Betriebsspezifität und Arbeitslosigkeit. Wirkungen der Globalisierung, Neuen Ökonomie und Europäisierung auf den Faktor Arbeit, Europäische Schriften zu Staat und Wirtschaft, Band 12, Baden-Baden 2003.
5.
Vgl. Werner Schönig, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik für die Informationswirtschaft. Studie im Auftrag der Abteilung Wirtschaftspolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Reihe Internetökonomie, Bd. 3, Bonn 2001.
6.
Vgl. Oliver Farhauer, Folgt aus der Theorie des endogenen Wachstums eine neue Wirtschaftspolitik? Wirtschaftspolitische Relevanz und ihre empirische Bedeutung, in: Konjunkturpolitik, 47 (2002) 3, S. 214 - 250.
7.
Vgl. N. Gregory Mankiw/David Romer/David N. Weil, A Contribution to the Empirics of Economic Growth, in: Quarterly Journal of Economics, 107 (1992), S. 407 - 437.