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2.7.2004 | Von:
Reinhard Zedler

Neue Wege der Berufsausbildung

Struktur der Berufsausbildung

Innerhalb des Berufsbildungswesens in Deutschland hat die Berufsausbildung im dualen System traditionell einen hohen Stellenwert. Nach wie vor stellt diese Form der beruflichen Qualifizierung in Betrieb und Berufsschule für über 60 Prozent der 16- bis 20-jährigen Jugendlichen den Einstieg in das Berufs- und Arbeitsleben dar. Ende des Jahres 2002 gab es insgesamt 1 622 441 Auszubildende bzw. Schüler.

Um das duale System der Berufsausbildung herum sind in vielen Jahren zahlreiche andere Organisationsformen der Berufsausbildung entstanden.[4] Exemplarisch seien verschiedene Formen der Verbundausbildung - Berufsausbildung in außerbetrieblichen Bildungsstätten, wie im Handwerk - und Bildungsgänge in schulischer Trägerschaft, besonders in Berufsfachschulen, die zu einem eigenen Abschluss führen oder die Zulassung zur Kammerprüfung ermöglichen, genannt.

In rechtlicher Hinsicht verdeutlichen diese Berufsfachschulen, dass sich auch der Staat in der Berufsausbildung engagiert und Verantwortung übernimmt, nicht nur die Wirtschaft. Dagegen wird immer auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes verwiesen, wonach Berufsausbildung allein Sache der Wirtschaft sei. In diesem Urteil vom 10. Dezember 1980 zur Berufsausbildungsabgabe nach dem Ausbildungsplatzförderungsgesetz heißt es: "In dem in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden dualen Berufsausbildungssystem mit den Lernorten Schule und Betrieb (Behörde) liegt die spezifische Verantwortung für ein ausreichendes Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen der Natur der Sache nach bei den Arbeitgebern, denn nur sie verfügen ... typischerweise über die Möglichkeit, Ausbildungsplätze zu schaffen und anzubieten."[5]

Aber seit diesem Urteil vom Dezember 1980 hat sich die Ausbildungslage geändert. Denn nach der Vereinigung Deutschlands hatte der Staat in verschiedener Weise die Berufsausbildung in den ostdeutschen Ländern gefördert - mit verschiedenen Programmen, die vielen tausend Jugendlichen erst eine Ausbildung ermöglichten. Unter rechtlichem Aspekt bedeutet diese staatliche Förderung, dass die Wirtschaft nicht die alleinige, sondern nur eine Teil-Verantwortung für Ausbildung hat. Insgesamt gesehen ist die Berufsausbildung junger Menschen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der die Wirtschaft allerdings eine besondere soziale Verantwortung zu tragen hat.

Neben der rechtlichen Struktur ist der pädagogische Aspekt der dualen Berufsausbildung bedeutsam. Die Verbindung von Betrieb und Berufsschule, mithin von Theorie und Praxis, ist - wie auch der internationale Bildungsvergleich zeigt - das tragende Prinzip eines modernen Berufsbildungssystems.

Gegenwärtig wird vielfach gefordert, dass die Berufsausbildung im dualen System reformiert werden muss. Dabei wird die fortwährende Modernisierung der Berufsausbildung verkannt. Dieser Prozess ist in vollem Gange. Betroffen sind: die Modernisierung der Ziele der Berufsausbildung, die Neuerungen bei den Ausbildungsordnungen und Lehrplänen der beruflichen Schulen, neue ganzheitliche Prüfungsformen und Zusatzqualifikationen als weiterer Anreiz für leistungsstärkere Jugendliche.[6] Diese Modernisierung wird erweitert durch beachtliche, innovative Modelle von Verbänden. Besonders herauszustellen ist die Ausbildungs- und Qualifizierungsinitiative "Start 2000Plus" des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Diese Initiative umfasst 13 Programme, z.B. einen Grundausbildungslehrgang Metall, das Berufspraktische Jahr, die Berufsvorbereitung in Kooperationsklassen oder die Verbundausbildung. Auch der Kölner Arbeitgeberverband ist in der Berufsausbildung initiativ, etwa in der Qualifizierung jugendlicher Ausländer.

Seit vielen Jahren sind um die duale Berufsausbildung zahlreiche andere Organisationsformen entstanden. Von den bereits genannten Formen sind hier besonders die Bildungsgänge in schulischer Trägerschaft wichtig. Sie führen entweder zu einem eigenen Abschluss oder ermöglichen die Zulassung zur Kammerprüfung. In quantitativer Hinsicht hat die Zahl der Berufsfachschüler, die einen beruflichen Abschluss außerhalb des dualen Systems anstreben, zugenommen. So gab es im Schuljahr 2002/2003 rund 191 000 Schüler an Berufsfachschulen, die an Ausbildungsgängen für Berufe außerhalb des dualen Systems teilnahmen. Die Zahl der Berufsfachschüler ist in diesem Schuljahr um 8,6 Prozent gestiegen.

Unter den stark besetzten Ausbildungsgängen außerhalb des dualen Systems sind besonders zu nennen die Ausbildung zum Kinderpfleger, zum Technischen Assistenten für Informatik und Assistenten für Wirtschaftsinformatik, Kaufmännische und Wirtschaftsassistenten, Sozialassistenten und Sozialpädagogische Assistenten sowie Altenpfleger.[7] Solche voll qualifizierenden Berufsausbildungen an Schulen werden bildungspolitisch als eine wichtige Ergänzung der dualen Berufsausbildung gewertet.

Neben den vollqualifizierenden Berufsfachschulen gibt es Berufsfachschulen, die einen Ausbildungsabschluss gemäß Berufsbildungsgesetz/Handwerksordnung in Vollzeitform vermitteln. Hier wurden im Jahr 2002 rund 33 000 Schülerinnen und Schüler gemeldet und damit ist die Schülerzahl gegenüber dem Vorjahr um 4,2 Prozent gesunken. Insgesamt wurden lediglich 8 Prozent der Schüler von Berufsfachschulen in einem anerkannten Ausbildungsberuf ausgebildet.

Analysen von Berufsforschern zeigen, dass lediglich 12 Prozent der Absolventen von Berufsfachschulen auf dem Arbeitsmarkt landen; für über 80 Prozent handelt es sich um eine Teilphase in der beruflichen Qualifizierung.[8] So kann z.B. ein Absolvent einer Realschule zwei Jahre eine kaufmännische Berufsfachschule besuchen. Anschließend bewirbt er sich um eine Ausbildung als Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Damit hat der Jugendliche den Ausbildungsgang an der Berufsfachschule nur als Überbrückung bis zur Aufnahme einer dualen Berufsausbildung genutzt.

In einer Zeit knapper Ausbildungsressourcen sind diese "Warteschleifen" weder bildungsökonomisch gerechtfertigt noch mit Blick auf die vergleichende Bildungsforschung legitimiert. So ist es bildungsökonomisch nicht zu billigen, wenn ein Jugendlicher nach der Absolvierung einer Berufsfachschule oder einer hochwertigen Assistentenausbildung anschließend erneut eine Ausbildung im dualen System absolviert, während andere Jugendliche gar keine Ausbildung erhalten.[9] Auch aus Sicht der vergleichenden Berufsbildungsforschung sind diese Warteschleifen bis zur Aufnahme einer dualen Berufsausbildung nicht gerechtfertigt. Im internationalen Vergleich verfügt ein hoher Anteil von Absolventen des Sekundarbereichs II in Deutschland über eine Doppelqualifikation; dieser Anteil liegt fast doppelt so hoch wie im internationalen Mittel.[10] Die Folge ist, dass die Absolventen von Berufsfachschulen und einer dualen Berufsausbildung später in den Arbeitsmarkt eintreten als die Absolventen in anderen Ländern. Im internationalen Maßstab werden solche Doppelqualifikationen nicht eigens bewertet. So weist die OECD nur idealtypische Bildungsverläufe ohne Wiederholungen aus. Es ist deshalb erforderlich, die knappen Ausbildungsressourcen in Deutschland besser auszuschöpfen und Doppelqualifikationen möglichst zu vermeiden.


Fußnoten

4.
Vgl. Dieter Euler, Berufsausbildung zwischen Krisenverwaltung und Reformgestaltung, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Berufsausbildungskonferenz "Ausbilden jetzt - Erfolg braucht alle", Bonn 2004, S. 23.
5.
Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Urteil vom 10. Dezember 1980. Berufsausbildungsabgabe nach dem Ausbildungsplatzförderungsgesetz, 55. Band, Tübingen 1981, S. 312f.
6.
Vgl. Andreas Schelten, Einführung in die Berufspädagogik, Stuttgart 2004(3), S. 82ff.
7.
Vgl. Gisela Feller, Berufsfachschulen: Glänzendes oder stumpfes Element im Berufsbildungssystem?, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung, (Anm. 4), S. 108.
8.
Vgl. Werner Dostal, Die arbeitsmarktpolitische Rolle der Berufsfachschule, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm. 4), S. 112.
9.
Vgl. D. Euler (Anm. 4), S. 23.
10.
Vgl. Dirk Werner u.a., Berufsbildung: Bedarfsorientierung und Modernisierung, in: Hans-Peter Klös/Reinhold Weiß (Hrsg.), Bildungs-Benchmarking Deutschland, Köln 2003, S. 344f.