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2.7.2004 | Von:
Reinhard Zedler

Neue Wege der Berufsausbildung

Ursachen für den Angebotsrückgang am Ausbildungsmarkt

Die schwierige wirtschaftliche Lage hat sich entsprechend negativ auf die Entwicklung des Ausbildungsstellenmarktes ausgewirkt. Verschiedene Faktoren sind dafür verantwortlich. So trägt die Krise des Arbeitsmarktes wesentlich dazu bei, dass die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sinkt. Für den Zeitraum der letzten Jahre lässt sich eine hohe Korrelation zwischen Arbeitslosenrate und Angebot an Ausbildungsstellen nachweisen. Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass es im Jahr 2003 rund 40 000 Unternehmensinsolvenzen gab. Damit sind nicht nur Arbeits-, sondern auch Ausbildungsplätze verloren gegangen. Angesichts der derzeit schwachen wirtschaftlichen Zukunftserwartungen und geringer Zuversicht sinkt auch die vorausgesehene Entwicklung des Fachkräftebedarfs; denn wenn nicht sicher ist, ob ein Betrieb die kommenden Jahre wirtschaftlich überlebt, wird er aus Verantwortung keine Auszubildenden einstellen. Aus dieser Sicht fördert eine bessere gesamtwirtschaftliche Lage das Angebot an Ausbildungsplätzen.

Hinzu kommt der generelle Strukturwandel der Wirtschaft vom Industrie- zum Dienstleistungssektor. Die Berufsausbildung im dualen Ausbildungssystem hatte entwicklungsgeschichtlich ihre stärkste Verankerung im produzierenden Gewerbe. Im Strukturwandel verlieren ausbildungsstarke Branchen wie die Industrie an Bedeutung, hingegen wachsen viele junge dynamische Betriebe im Dienstleistungsbereich. Diese rekrutieren ihre Mitarbeiter oft auf anderen Wegen, etwa über Praktika. Sie haben noch keine Ausbildungskultur. Deshalb müssen neue Ausbildungsberufe entwickelt werden, um das Ausbildungspotenzial des Dienstleistungssektors besser auszuschöpfen - etwa für die Automatenwirtschaft oder die Altenpflege.[11]

Außerdem hat sich die Kosten-Nutzen-Relation der Ausbildung für die Betriebe verschlechtert.[12] Eine objektive Beurteilung des Verhältnisses ist zwar schwierig, weil sehr verschiedene Dimensionen des Nutzens bedacht werden müssen, von der Wettbewerbsfähigkeit bis zur Unternehmenskultur. Zudem ist die Kostenseite gut überschaubar, hingegen bleiben die Vorstellungen vom Nutzen oft diffus. Aber ungeachtet dieser Schwierigkeiten sind die Kosten der Ausbildung in den vergangenen 10 bis 15 Jahren wesentlich gestiegen, der Nutzen aber nicht in gleicher Weise. So wird bezüglich der Kostenerhöhung darauf hingewiesen, dass die Ausbildungsvergütungen sich seit 1976 mehr als verdreifacht hätten, während die Löhne und Gehälter für die Fachkräfte nur um den Faktor 2,5 gestiegen seien.[13] Trotzdem rechnet sich die Ausbildung und hat einen Nutzen. Nach Auffassung mancher Experten ist die Zukunft des dualen Systems von der Einschätzung des Nutzens der beruflichen Ausbildung abhängig (Helmut Pütz).[14] Deshalb bleibt es eine wichtige Aufgabe, Betriebe bei der Kalkulation des Ausbildungsnutzens mit geeigneten Instrumenten zu unterstützen.[15]

Neben diesen wirtschaftlichen Faktoren sehen viele Betriebe in der mangelnden Qualifikation von Schulabgängerinnen und -abgängern ein starkes Hindernis.[16] Auf diese Ausbildungshürde hatte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln seit vielen Jahren in verschiedenen Studien hingewiesen;[17] aber die Ergebnisse dieser Untersuchungen haben nicht zu nachhaltigen Bildungsmaßnahmen in Schulen geführt. Erst die PISA-Studien haben die Verantwortlichen für allgemein bildende Schulen zu Reformen veranlasst. Die schlechten Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien waren nicht mehr zu ignorieren: 20 bis 25 Prozent eines Altersjahrgangs zählen zur PISA-Risikogruppe und verfügen nicht über die erforderliche Ausbildungsreife, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufsausbildung ist.

Insgesamt sind also die Gründe für das geringere Ausbildungsangebot vielschichtig. Das vom Deutschen Bundestag beschlossene Berufsausbildungssicherungsgesetz greift hier zu kurz. Mit der Formel: "Wer nicht ausbildet, soll zahlen" wird die komplizierte Ausbildungssituation nicht gelöst. Zudem wird völlig verkannt, dass das System der dualen Ausbildung nicht wundersam zwischen einem schlechten Schulsystem und einem zunehmend schwierigeren Arbeitsmarkt eine solide Brücke schlagen kann. Die Kernfrage ist daher: Welche Handlungsoptionen ergeben sich für die Berufsausbildung der nächsten vier bis fünf Jahre?


Fußnoten

11.
Vgl. Reinhold Weiß (Hrsg.), Aus- und Weiterbildung für die Dienstleistungsgesellschaft, Köln 1997, S. 19.
12.
Vgl. Hans Dietrich/Susanne Koch/Michael Stops, Ausbildung muss sich lohnen - auch für die Betriebe, in: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg 2004.
13.
Vgl. Ludger Wößmann, Entwicklung betrieblicher Kosten und Nutzen der Berufsausbildung, in: ifo-Schnelldienst, (2004) 57, S. 22.
14.
Vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Nutzen der beruflichen Bildung, Bielefeld 1998, S. 7.
15.
Vgl. Ursula Beicht/Günter Walden/Hermann Herget, Kosten und Nutzen der betrieblichen Ausbildung in Deutschland, Bielefeld 2004.
16.
Vgl. Dirk Werner, Angebotsrückgang am Ausbildungsmarkt: Ursachen und Maßnahmen, in: Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), iw-trends, 30 (2003) 2, S. 60.
17.
Vgl. Uwe Göbel, Was Ausbilder fordern - was Schüler leisten, Köln 1982; Michaele Gartz/Marion Hüchtermann/Barbara Mrytz, Schulabgänger. Was sie können und was sie können müssten, Köln 1999.