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2.7.2004 | Von:
Reinhard Zedler

Neue Wege der Berufsausbildung

Neue Anforderungen an die Berufsausbildung

Die Berufsausbildung steht vor neuen Herausforderungen. Diese betreffen die veränderten Qualifikationsanforderungen, die Aufgaben von Betrieb und Berufsschule und die demographische Entwicklung. In den Betrieben verändern sich technische Verfahren, Produktionsprozesse und Formen der Arbeitsorganisation ständig. Sie werden immer komplexer, womit sich in der gesamten Berufswelt die Anforderungen verändern.[18] Die Aufgabe der Berufsausbildung besteht darin, die Qualifizierung diesen Entwicklungen rasch, effektiv und dynamisch anzupassen. Nur so können die Fachkräfte zeitgemäß ausgebildet werden.

Aber nicht nur die Betriebe, sondern auch die Berufsschulen sind durch diese Veränderungen herausgefordert. Die Berufsschule hat systembedingt immer Mühe, bei beschleunigter Veränderungsrate auf dem neuesten technischen Stand zu bleiben. Zudem fallen Unterrichtsstunden aus, wenn es in bestimmten Fachbereichen zu wenig Lehrer und Lehrerinnen gibt. Vor allem in den IT-Fächern fehlt nicht selten pädagogisches Fachpersonal. Auch für die Fächer Elektrotechnik und Maschinenbau werden ebenso dringend Pädagogen gesucht wie für kaufmännische Ausbildungsfächer.

Angesichts dieser skizzierten Veränderungen ist der Bildungsauftrag von Betrieb und Berufsschule neu zu überdenken. Sicher können komplexe Aufgaben heute im Betrieb nicht ohne theoretische Vermittlung gelöst werden, wie umgekehrt komplexe Theorie in der Berufsschule nicht ohne Praxis vermittelt werden kann. Bei einer Konvergenz der Bildungsinhalte und der -formen zwischen Betrieb und Berufsschule stellt sich aber die Frage nach der Differenz zwischen beiden Bildungsbereichen.[19] Außerdem hat sich heute die Berufsausbildung von einer Ausbildung von Jugendlichen zu einer Berufsausbildung junger Erwachsener verändert, da das durchschnittliche Alter der Auszubildenden 19,3 Jahre beträgt. Diese Entwicklung fordert von Ausbildern und Lehrern, jugendgemäße durch erwachsenenspezifische Lehrmethoden zu ersetzen und zunehmend binnendifferenzierte Unterrichtsformen einzusetzen.

Neben diesen Veränderungen stellt die demographische Entwicklung eine große Herausforderung für das gesamte Bildungswesen dar und damit auch für die Berufsausbildung. Es wird damit gerechnet, dass im Jahr 2020 über ein Drittel der Erwerbsbevölkerung über 50 Jahre alt sein wird; im Jahr 2002 waren es 22 Prozent. Der Anteil der 30- bis 39-Jährigen sinkt von derzeit 30 auf 23 Prozent. Das Erwerbspersonenpotenzial geht ab dem Jahr 2010 dramatisch zurück, wenn keine Umsteuerung vollzogen wird.[20]

Diese absehbaren Entwicklungen stellen eine einzigartige Herausforderung für das Bildungswesen dar. Das bedeutet für die Schulen, dass die Rate der nicht-berufsbildungsfähigen unter den lernschwachen Schülern - derzeit 20 bis 25 Prozent - drastisch gesenkt werden muss. Die demographische Entwicklung stellt die Berufsausbildung vor die Aufgabe, alle Anstrengungen zu unternehmen, um möglichst alle Begabungspotenziale auszuschöpfen.

Eine langfristige Vorausschätzung der Lehrstellen-Nachfrage hat das Bundesinstitut für Berufsbildung bereits im Jahr 2001 vorgelegt. Demzufolge wird es auf dem Ausbildungsmarkt auch künftig weiter deutliche regionale Unterschiede geben. Während die Bewerberzahl in Ostdeutschland in den kommenden Jahren zunächst leicht sinken und ab 2005 dramatisch zurückgehen wird, steigt in Westdeutschland die Zahl der Ausbildungsplatz-Nachfrager bis 2008 zunächst an (vgl. Tabelle 1, s. PDF).

Ausgehend von dieser demographischen Entwicklung hat das Bundesinstitut für Berufsbildung neuerdings die erforderlichen Neuverträge geschätzt.[21] Dabei wurde davon ausgegangen, dass sich die Ausbildungschancen der Jugendlichen gegenüber dem Basisjahr 2002 nicht verschlechtern sollen. Demnach werden allein im Jahr 2004 rund 10 500 zusätzliche Ausbildungsstellen in den westdeutschen Ländern erforderlich, wenn die Ausbildungsbeteiligung der Jugendlichen nicht weiter zurückfallen soll (vgl. Tabelle 2, s. PDF). Im Jahr 2005 wären es 9 400 Plätze. Insgesamt müssen nach dieser Rechnung in den westdeutschen Ländern bis 2008 schrittweise bis zu 45 000 zusätzliche Ausbildungsplätze angeboten werden.

Vor diesem Hintergrund befindet sich die Berufsausbildung im dualen System in einer schwierigen Situation. So muss bis 2008/2009 in den westdeutschen Ländern das Angebot gesteigert werden, was aufgrund der bisher schwachen Konjunktur schwer zu schultern sein wird. Denn wie die Schwelle für mehr Beschäftigung liegt auch die Schwelle für eine größere Ausbildungszahl bei rund zwei Prozent Wirtschaftswachstum.[22] Viele Wirtschaftsexperten rechnen für das laufende Jahr zwar mit einer Erholung der Konjunktur; aber eine wirkliche Verbesserung der Beschäftigung ist nicht in Sicht. Daher dürften die so notwendigen Impulse des Arbeitsmarktes für die Ausbildung in diesem Jahr wohl eher schwach ausfallen. Deshalb müssen alle im Vorjahr begonnenen Ausbildungsaktivitäten der Politik und der Verbände fortgesetzt werden. Aber es gilt zugleich, Übergangsmaßnahmen zu entwickeln, die Jugendliche in Berufsausbildung bringen.


Fußnoten

18.
Vgl. Helmut Flöttmann, Weiterentwicklung des dualen Berufsausbildungssystems, in: Arbeitsgruppe Forum Bildung (Hrsg.), Bildungs- und Qualifizierungsziele von morgen, Bonn 2001, S. 67.
19.
Vgl. Andreas Schelten, Einführung in die Berufspädagogik, Stuttgart 2004, S. 160ff.
20.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Alexander Reinberg und Markus Hummel in dieser Ausgabe.
21.
Vgl. Walter Brosi/Klaus Troltsch, Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen und Fachkräftebedarf der Wirtschaft - Zukunftstrends der Berufsbildung bis zum Jahr 2015, Bonn 2004.
22.
Vgl. Axel Plünnecke, Bildungsreform in Deutschland, Köln 2003, S. 34.