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2.7.2004 | Von:
Reinhard Zedler

Neue Wege der Berufsausbildung

Übergangsmaßnahmen

In den nächsten vier, fünf Jahren wird die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen voraussichtlich weiter ansteigen. Deshalb bleibt die duale Berufsausbildung ein unerlässlicher Ausbildungsbereich, den es zu stärken gilt. Denn das duale System der beruflichen Bildung hat unbestreitbare Vorteile, etwa die Praxisnähe. Außerdem führt diese Form der beruflichen Qualifizierung leichter in den Arbeitsmarkt als schulische Systeme. Ferner ermöglicht die Ausbildung in einem Beruf eine Identifikation mit der Tätigkeit, und die Akzeptanz dieser Ausbildung ist in der Gesellschaft recht hoch. Wegen dieser Vorzüge ist es wichtig, die Berufsausbildung zu stärken. Es gibt eine ganze Palette von Aktivitäten zur Förderung der betrieblichen Ausbildungsbereitschaft. Zu nennen sind hier beispielsweise regionale Ausbildungsnetze, Verbundausbildung, verschiedene Formen der Ausbildungsberatung und externes Ausbildungsmanagement. Außerdem lässt sich die Ausbildungsbereitschaft der bestehenden Ausbildungsbetriebe dadurch stärken, dass die Ausbildung wirtschaftlicher gestaltet wird. Einen der wichtigsten Kostenfaktoren stellen die Ausbildungsvergütungen dar. Im längerfristigen Trend sind diese deutlich stärker gestiegen als die Tariflöhne. Folglich rechnet sich eine Berufsausbildung für die Betriebe nur, wenn sie die Auszubildenden anschließend beschäftigen können. Wenn diese jedoch den Betrieb verlassen oder dieser keine Anschlussbeschäftigung bieten kann, bedeutet dies eine betriebliche Fehlinvestition. Daher kann die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe durch eine flexiblere Gestaltung der Ausbildungsvergütung erhöht werden. Ein weiterer Ansatz, die Berufsausbildung noch wirtschaftlicher zu gestalten, liegt in der Verkürzung oder Einhaltung der Ausbildungsdauer. Die Verbundausbildung trägt zudem dazu bei, die Berufsausbildung noch kostengünstiger durchzuführen. Insgesamt gibt es also einige Ansätze, den Nutzen der Ausbildung zu erhöhen und damit das Ausbildungsangebot zu steigern.

Doch diese Lösungsansätze können nur dann erfolgreich sein, wenn sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verbessert und die Wirtschaft insgesamt in Schwung kommt. Angesichts der derzeit schwachen konjunkturellen Entwicklung ist es nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Betriebe Befragungen zufolge das Ausbildungsangebot in den nächsten fünf Jahren nicht steigern wird. Nur ein kleiner Teil der Betriebe erwartet einen leichten Anstieg an Ausbildungsplätzen.[23]

Dessen ungeachtet steigt die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen, und es ist ein wichtiges gesellschaftspolitisches Ziel, allen ausbildungsbereiten und ausbildungsreifen jungen Menschen einen Ausbildungsplatz zu vermitteln. Deshalb ist es unumgänglich, die begrenzten betrieblichen Ausbildungskapazitäten für eine Übergangszeit um Formen der vollzeitschulischen beruflichen Qualifizierung zu erweitern. Die erforderlichen Plätze sind bereits vorhanden, denn in allen Ländern besteht ein großes Angebot an Berufsfachschulen. Die Ressourcen, die zusammen mit betrieblichen Kapazitäten das Angebot an Ausbildungsplätzen für junge Menschen vergrößern können, sind an diesen Schulen gegeben.[24] Es gibt viele gute Beispiele für die Verbindung von Berufsfachschulen mit der dualen Ausbildung. So besuchen etwa in Baden-Württemberg angehende Energieelektroniker ein Jahr die Berufsfachschule und setzen ihre Ausbildung in einer zweijährigen dualen Ausbildung fort. Auch in Brandenburg wird die Berufsausbildung in Kooperation zwischen Berufsfachschule, Trägern der fachpraktischen Ausbildung und Betrieben (Praktika) mit finanzieller Förderung der Öffentlichen Hand durchgeführt.[25] Diese und andere Beispiele weisen darauf hin, dass Berufsfachschulen in Kooperation mit Betrieben den Mangel an Ausbildungsplätzen mindern können.

Wenn diese Ausbildungsgänge für eine Übergangszeit eingerichtet werden, sollten sie mit der regionalen Wirtschaft mit dem Ziel abgestimmt werden, dass die Absolventen bestmöglich anschließend eine Beschäftigung erhalten. Daher haben die im Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung zusammengeschlossenen acht Spitzenverbände der Wirtschaft verschiedene Kriterien für die Einrichtung vollzeitschulischer Bildungsgänge und die Öffnung zur Kammerprüfung vereinbart. Zu diesen Kriterien gehören der regionale Ansatz, die Bedarfsorientierung, die Ausbildungsreife der Bewerber, das Einvernehmen mit der Wirtschaft, die praxisnahe Gestaltung sowie die zeitliche Befristung.[26] Dreh- und Angelpunkt für die Einrichtung des vollzeitschulischen Ausbildungsganges ist ein Betriebspraktikum. Dafür ist ein Drittel der Ausbildungszeit vorzusehen.

Wichtig ist, dass die Qualifikationen von Absolventen solcher Übergangsmaßnahmen zur quantitativen Entlastung der betrieblichen Ausbildung anerkannt werden. Seit Jahren, ja Jahrzehnten wird darüber gestritten, inwieweit die Abschlussprüfungen zu voll qualifizierenden Ausbildungsgängen in Berufsfachschulen vor den Prüfungsausschüssen der Kammern abgelegt werden können. Die Bundesregierung strebt in der Reform des Berufsbildungsgesetzes eine Lösung an, derzufolge verschiedene Qualifizierungswege anrechnungsfähig sind.[27] So sollen Schulabgängerinnen und Schulabgänger einer vollzeitschulischen Ausbildung einen Rechtsanspruch auf die Zulassung zur Kammerabschlussprüfung erhalten, soweit die zuständige Landesbehörde bestätigt, dass dieser Ausbildungsgang der Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf entspricht. Diese Regelung beinhaltet zugleich das Angebot der Bundesregierung an die Länder, ihre schulischen Berufsbildungsgänge von Anfang an am Ziel einer Kammerabschlussprüfung zu orientieren.

Die dargestellten Übergangsmaßnahmen sind unerlässlich, wenn alle ausbildungsbereiten jungen Menschen eine berufliche Chance erhalten sollen. Wie oben dargestellt, ist die duale Berufsausbildung mit der Erwartung, allen jungen Menschen eine Berufsausbildung zu geben, überfordert. Der Ausweg aus dieser selbstgestellten "Falle" liegt in der Ergänzung der dualen Berufsausbildung durch vollzeitschulische Ausbildungsgänge mit einem möglichst hohen Praxisbezug, die auch auf dem Arbeitsmarkt akzeptiert werden. Nach statistischen Berechnungen gibt es genügend Ressourcen in der Bundesrepublik.

Die Ausbildungsprobleme stellten sich heute nicht mit dieser Schärfe, gelänge es, die dargestellten Kapazitäten über die Bildungsebenen hinweg effizient zu nutzen und das berufliche Bildungswesen internationalen Standards gemäß von der Schule bis zur Universität durchlässig anzulegen. Die derzeitige Diskussion der Berufsausbildung ist auf quantitative Fragen fixiert. Aber bei der Entwicklung der Berufsausbildung dürfen qualitative Aspekte nicht vernachlässigt werden, wofür die Kompetenz von AusbilderInnen und LehrerInnen ein Garant ist.


Fußnoten

23.
Vgl. Deutsche Gesellschaft für Personalführung (Hrsg.), Betriebliche Berufsausbildung, Düsseldorf 2004, S. 11.
24.
Vgl. Bärbel Schröder, Alternative Ausbildungswege zur dualen Berufsausbildung, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm. 4), S. 133f.
25.
Vgl. Michael Ranft, Das Kooperative Modell in Brandenburg, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm. 4), S. 121ff.
26.
Vgl. Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (Hrsg.), Maßnahmen zur Entlastung der Ausbildungssituation - Öffnung vollzeitschulischer Bildungsgänge - Kriterien, Bonn 12. März 2004.
27.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Anm.1), 1. Kapitel.