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2.7.2004 | Von:
Mona Granato
Karin Schittenhelm

Junge Frauen: Bessere Schulabschlüsse - aber weniger Chancen beim Übergang in die Berufsausbildung

Der Zugang junger Frauen auf den Ausbildungsmarkt

Eine Berufsausbildung ist heute für junge Frauen wie für junge Männer eine Selbstverständlichkeit - 84 Prozent der jungen Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren besitzen eine abgeschlossene berufliche Qualifizierung.[6] Dennoch besteht ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den Interessen und schulischen Ausgangsbedingungen junger Frauen und ihren Aussichten auf eine berufliche Ausbildung. Parallel zu wachsenden Handlungsspielräumen in dieser Lebensphase haben in den vergangen Jahren die Risiken und Instabilitäten am Übergang zwischen Schule und Ausbildung zugenommen. Zwar gilt dies für alle Schulabgänger, doch insbesondere für junge Frauen.

Ungeachtet besserer Schulabschlüsse im Vergleich zu jungen Männern hat 2002 mit 49 Prozent nur knapp die Hälfte der Bewerberinnen eine Ausbildungsstelle gefunden (männliche Bewerber: 54 Prozent). Dabei haben sich rund 40 Prozent dieser jungen Frauen nicht zum ersten, sondern zum zweiten bzw. dritten Mal beworben und wiederholt einen Misserfolg bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz einstecken müssen. Doch die meisten Bewerberinnen und Bewerber - rund 90 Prozent - haben weiter Interesse an einer dualen Ausbildung.[7] Daher weichen sie z.B. auf Bildungsangebote von Vollzeitberufsschulen aus, die einen anerkannten Berufsabschluss ermöglichen. Doch nicht immer gelingt eine sinnvolle Überbrückung. Bei den Alternativen handelt es sich nicht selten um chancengeminderte Ausbildungsgänge - meist ohne weiterführende berufliche Zukunftsaussichten. Außerdem münden junge Frauen ohne Ausbildungsplatz zum Teil in berufsvorbereitende Maßnahmen oder in Bildungsgänge der Berufsschulen, die nicht zu einem anerkannten Berufsabschluss führen, sondern eine Warteschleife darstellen, oder sie sind phasenweise arbeitslos.

Angesichts des Rückgangs des betrieblichen Ausbildungsangebots in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt insbesondere für junge Frauen wesentlich verschärft. So wurden im Jahr 2003 rund 558 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen - 2,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Von diesem Rückgang sind vor allem junge Frauen betroffen: Die Zahl derer, die in eine duale Ausbildung einmündeten, sank in diesem Zeitraum erheblich, um 5 Prozent, die der jungen Männer dagegen nur geringfügig um 0,6 Prozent.[8] Es wird daher gerade für junge Frauen zunehmend ungewisser, inwieweit ihnen der Übergang in eine qualifizierte Ausbildung tatsächlich gelingt.

Schulische Voraussetzungen und Ausbildungschancen junger Frauen

Schulabgängerinnen haben ihre männlichen Mitschüler in der schulischen Erfolgsbilanz inzwischen überholt. Sie erreichen häufiger weiterführende Schulabschlüsse; das gilt für das Abitur wie für mittlere Bildungsabschlüsse (vgl. Tabelle 1, s. PDF).

Trotz ihrer - im Vergleich zu jungen Männern - weiterführenden Bildungsabschlüsse sind nur rund 40 Prozent der Auszubildenden im dualen System weiblichen Geschlechts.[9] Junge Frauen sind zwar die Gewinnerinnen der Bildungsoffensive im allgemeinbildenden Bereich, aber dieser Vorsprung wirkt sich beim Zugang zu qualifizierten Ausbildungsplätzen nicht entsprechend aus.

Besonders ungünstig gestaltet sich die Situation für junge Frauen in Ostdeutschland und für jene mit Migrationshintergrund. Schulabsolventinnen in den ostdeutschen Bundesländern haben ein starkes Interesse daran, unmittelbar nach der Schule eine duale Ausbildung zu beginnen (49 Prozent) - häufiger als Schulabsolventinnen in den westdeutschen Ländern (34 Prozent).[10] Aufgrund der besonders ungünstigen Lage auf dem betrieblichen Ausbildungsmarkt haben sie jedoch geringere Chancen auf eine duale Ausbildung: In Ostdeutschland sind 40 Prozent der Auszubildenden im dualen System junge Frauen, in Westdeutschland sind es immerhin 44 Prozent. Auch im Vergleich zum Anteil der erwerbstätigen Frauen an allen Beschäftigten (46 Prozent) ist der Anteil der ostdeutschen jungen Frauen in Ausbildung unterproportional, während er im Westen ausgeglichen ist (43 Prozent der Beschäftigten und 44 Prozent der Auszubildenden sind Frauen). Junge Frauen in Ostdeutschland mit guten bis sehr guten schulischen Bildungsabschlüssen sehen sich daher dennoch häufig gezwungen, mangels Alternativen weiterführende schulische Bildungsgänge zu besuchen oder eine Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Lernstätte aufzunehmen. So werden in den ostdeutschen Ländern 27 Prozent aller Auszubildenden außerbetrieblich ausgebildet, der Anteil junger Frauen dürfte noch höher liegen.[11]

Die Chancen junger Frauen ausländischer Herkunft beim Zugang zu einer dualen Ausbildung entsprechen gleichfalls nicht ihren Schulabschlüssen: Trotz besserer Schulabschlüsse im Vergleich zur männlichen Vergleichsgruppe und eines hohen Engagements an der ersten Schwelle hatten 2002 nur 31 Prozent der jungen Frauen mit ausländischem Pass Zugang zu einer Ausbildung im dualen System - noch seltener als männliche Jugendliche ausländischer Nationalität (37 Prozent), aber wesentlich seltener als junge deutsche Frauen (rund 54 Prozent). Ungeachtet ihrer verbesserten Bildungsabschlüsse im letzten Jahrzehnt hat sich der Anteil junger Frauen ausländischer Nationalität an einer Ausbildung im dualen System seit Mitte der neunziger Jahre nicht erhöht, sondern ist seither sogar rückläufig (1994: 34 Prozent).

Eine Folge hiervon ist, dass nach Auswertungen des Mikrozensus rund 41 Prozent der jungen Frauen ausländischer Nationalität ohne anerkannten Berufsabschluss bleiben (junge Männer: 36 Prozent) - aber nur 12 Prozent der jungen Frauen deutscher Nationalität im Alter zwischen 20 bis 30 Jahren.[12] Die Gründe für die geringen Ausbildungschancen junger Frauen nichtdeutscher Herkunft sind jedoch kaum - wie eine Reihe von Forschungsergebnissen zeigen - in restriktiven persönlichen oder familiären Einstellungen gegenüber einer beruflichen Zukunftsplanung zu finden.[13]

Junge Frauen und Männer in der dualen Ausbildung

Rund die Hälfte der jungen Frauen eines Altersjahrgangs durchlief 2002 eine Ausbildung im dualen System - rund zwei Drittel waren es bei den jungen Männern. Damit bietet das duale System männlichen Schulabgängern weiterhin deutlich bessere Chancen einer qualifizierten Berufsausbildung als jungen Frauen. Die geschlechtsspezifische Einmündung in Ausbildungsberufe betrifft junge Männer wie Frauen gleichermaßen. Es gibt allerdings mehr männlich als weiblich dominierte Berufe und somit mehr Ausbildungsmöglichkeiten für junge Männer. In 56 Prozent der Ausbildungsberufe liegt der Anteil junger Männer bei über 60 Prozent, umgekehrt haben in nur 28 Prozent der Ausbildungsberufe Frauen einen Anteil von über 60 Prozent (vgl. Tabelle 2, s. PDF).

73 Prozent der jungen Männer erhalten eine berufliche Qualifizierung in einem männlich dominierten, 43 Prozent der jungen Frauen in einem weiblich dominierten Ausbildungsberuf. Der Anteil junger Männer in gemischt besetzten Berufen ist halb so groß wie der junger Frauen (11 Prozent zu 24 Prozent). Auch gehen Männer mit rund 6 Prozent seltener in überwiegend weiblich besetzte bzw. dominierte Ausbildungsbereiche als - umgekehrt - Frauen mit 18 Prozent in überwiegend männlich besetzte bzw. dominierte Ausbildungsdomänen. Die These einer geschlechtsspezifischen Einmündung in Ausbildungsberufe trifft damit auf junge Männer deutlich stärker zu als auf junge Frauen.

Im Vergleich zu ihrem bereits verhältnismäßig niedrigen Anteil von 40 Prozent im dualen System ist der Anteil junger Frauen an allen Auszubildenden des Handwerks mit 23 Prozent besonders gering. Im vergleichsweise kleinen Segment der Freien Berufe sind junge Frauen dagegen fast unter sich. Auch im Öffentlichen Dienst, der insgesamt nur knapp 3 Prozent aller Ausbildungsplätze bietet, sind sie mit einer knappen zwei Drittelmehrheit stark vertreten.

Die Frauen benachteiligende Konzentration auf dem Ausbildungsstellenmarkt wird auch darin deutlich, dass über die Hälfte der weiblichen Auszubildenden 2002 in nur zehn Berufen ausgebildet wurde (56 Prozent) - bei den jungen Männern waren es nur circa 20 Prozent.

Die Einmündung junger Frauen in ausgewählte Ausbildungsberufe

Junge Frauen werden am häufigsten als Bürokauffrauen ausgebildet, gefolgt von den Ausbildungsberufen Arzthelferin und Kauffrau im Einzelhandel. Sehr viele münden auch in eine Ausbildung zur Friseurin sowie zur Zahnmedizinischen Fachangestellten ein. Vergleichsweise gute Chancen haben junge Frauen in den "klassischen" wie "neuen" Dienstleistungsberufen.[14] Das gilt für die kaufmännischen Berufe insgesamt wie für die Warenkaufleute, wo 63 Prozent der Auszubildenden 2002 junge Frauen waren, so z.B. bei den Kaufleuten im Einzelhandel (Anteil weiblicher Auszubildender 58 Prozent) wie bei den Verkäufer/innen (69 Prozent). Ebenso positiv ist die Bilanz bei den Dienstleistungsberufen wie in den Büroberufen. In den kaufmännischen Berufen, bei den Bürokaufleuten (75 Prozent), den Industriekaufleuten (63 Prozent) oder den Bankkaufleuten (59 Prozent) stellen sie gleichfalls die (große) Mehrheit der Auszubildenden. Dies gilt für den gesamten Bereich der Dienstleistungskaufleute wie z.B. bei den Versicherungskaufleuten (52 Prozent). Auch in den neuen Dienstleistungsbereichen - so in den neuen Medien- und Serviceberufen - haben sie sich zwischenzeitlich ihren Platz erobert.

Bislang ist es jedoch nicht gelungen, die Teilhabe junger Frauen in technisch orientierten Berufen zu steigern. Das gilt auch für Berufe der IT-Branche. In den gewerblichen Ausbildungsberufen geht der Anteil junger Frauen sogar seit Jahren kontinuierlich zurück. Dieser Rückgang gilt für Handwerksberufe wie Tischler/in (1991 9,3 Prozent, 2002 6,6 Prozent) bzw. Maler/in und Lackierer/in (1991 9,3, 2002 8,3) sowie für eine Reihe industrieller Fertigungsberufe. So ist der Anteil weiblicher Auszubildender bei den Industriemechaniker/innen (Fachrichtung Geräte- und Feinwerktechnik) zwischen 1991 und 2002 von 10 Prozent auf 5 Prozent gesunken. Auch in den Berufen der Holz- und Kunststoffverarbeitung wie in den Chemieberufen sind junge Frauen unterproportional vertreten (7 Prozent bzw. 17 Prozent). Nur 13 Prozent der Auszubildenden zum bzw. zur Chemikanten/in sind Frauen. Noch niedriger liegt ihr Anteil in den industriellen Elektro- und Metallberufen. Beispiele hierfür sind die Informationselektroniker/innen (Frauenanteil 2 Prozent), die Elektroinstallateur/innen (1 Prozent) aber auch die Gas- und Wasserinstallateur/innen (1 Prozent). Dies gilt auch für die Ausbildung als Mechatroniker/in (3 Prozent) bzw. als Energieelektroniker/in (2 Prozent).

Dass junge Frauen sich jedoch auch für technisch orientierte Berufe interessieren, zeigt ihre hohe Teilhabe bei den naturwissenschaftlichen bzw. technischen Laborberufen: 61 Prozent der Auszubildenden zum Chemielaboranten sind junge Frauen, 79 Prozent sind es bei den Biologielaboranten. Auch den Beruf des/der Zahntechniker/in lernen zu 61 Prozent junge Frauen (vgl. Tabelle 3, s. PDF).

Doch auch einige (wenige) andere Berufe im technischen Bereich sind für junge Frauen von Interesse. Dies gilt beispielsweise für die Ausbildung zur Vermessungstechnikerin bzw. zur Mediengestalterin Bild und Ton. Knapp jeder dritte Auszubildende in dieser Berufsgruppe ist eine Frau. Demgegenüber liegt der Anteil junger Frauen in den neuen gewerblich-technischen Berufen bei nur 5 Prozent. Auch ihre Teilhabe an den neuen IT-Berufen liegt mit 14 Prozent weit unter ihrem Anteil an allen neuen Berufen (23 Prozent). Gerade in den zwei stärker technisch orientierten Ausbildungsberufen der IT-Branche werden im Vergleich zu den eher kaufmännisch orientierten deutlich weniger Frauen ausgebildet (vgl. Tabelle 3, s. PDF).

Dass junge Frauen jedoch nicht generell vor neuen Technologien zurückschrecken, zeigt ein Beispiel aus dem Bereich Druck. Lag der Anteil junger Frauen im Ausbildungsberuf des/der Schriftsetzer/in 1987 noch bei 21 Prozent, so waren 2002 über die Hälfte der Auszubildenden im Beruf des/der Mediengestalters/in für Digital- und Printmedien junge Frauen (55 Prozent).

In nur sehr wenigen technisch orientierten Berufen haben junge Frauen einen hohen Anteil. Darunter befinden sich offensichtlich verstärkt solche Ausbildungsberufe, die auf "feinmotorisch-gestalterische Tätigkeiten" hindeuten. Dies gilt innerhalb der Elektroberufe für die Ausbildung zum bzw. zur Hörgeräteakustiker/in mit einem Frauenanteil von 64 Prozent. Im Ausbildungsberuf des bzw. der Mechatroniker/in liegt der Anteil der Frauen demgegenüber nur bei 3 Prozent. Auch in die Berufe der Glasherstellung bzw. -bearbeitung münden nur wenige junge Frauen ein (15 Prozent), bei den Feinoptikern sind es dagegen 36 Prozent. Für andere Berufsfelder lassen sich ähnliche Zusammenhänge zeigen.[15] Allerdings bieten gerade diese wenigen technisch orientierten Ausbildungsberufe, in die junge Frauen - im Vergleich zum gesamten Berufsfeld, dem sie angehören - verstärkt einmünden, nur sehr wenige Ausbildungsplätze. Dies mindert die Teilhabe junger Frauen an technisch orientierten Berufen - obgleich der überwiegende Teil von ihnen hierfür geeignete schulische Voraussetzungen mit sich bringt.


Fußnoten

6.
Dieser Anteil bezieht sich auf diejenigen, die bereits eine berufliche Qualifizierung abgeschlossen haben, sei es an einer Hochschule, sei es in der beruflichen Bildung. Angaben aus dem Mikrozensus 2002, vgl. Klaus Troltsch, Bildungsbeteiligung und -chancen von ausländischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund, in: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Integration durch Qualifikation. Chancengleichheit für Migrantinnen und Migranten in der beruflichen Bildung. Ergebnisse, Veröffentlichungen und Materialien aus dem BIBB, Bonn 2003.
7.
Vgl. J. G. Ulrich u.a. (Anm. 4).
8.
Vgl. BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung), Berufsbildungsbericht, Bonn 2004.
9.
Die im Folgenden verwendeten statistischen Angaben beruhen, wenn nicht anders vermerkt, auf Angaben des Statistischen Bundesamtes und Berechnungen bzw. Auswertungen des BIBB.
10.
Vgl. Bernd Fischer/Barbara Schulte, Schulabgängerbefragung 2001 - Frauen entscheiden anders, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP), (2001) 6.
11.
Vgl. BMBF (Anm. 8).
12.
Vgl. K. Troltsch (Anm. 6).
13.
Vgl. Mona Granato, Jugendliche mit Migrationshintergrund - auch in der beruflichen Bildung geringere Chancen?, in: Georg Auernheimer (Hrsg.), Schieflagen im Bildungssystem? Schüler mit Migrationshintergrund nach PISA, Opladen 2003.
14.
Vgl. Mona Granato, Junge Frauen in der Berufsausbildung, in: Günter Cramer/Hermann Schmidt u.a. (Hrsg.), Ausbilder-Handbuch, Köln 2004.
15.
Vgl. Joachim Gerd Ulrich/Andreas Krewerth/Ingrid Leppelmeier, Disparitäten auf der Nachfrageseite des Ausbildungsstellenmarktes, in: Andreas Krewerth u.a. (Hrsg.), Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen, Bielefeld 2004 (i.E.).