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2.7.2004 | Von:
Mona Granato
Karin Schittenhelm

Junge Frauen: Bessere Schulabschlüsse - aber weniger Chancen beim Übergang in die Berufsausbildung

Ursachen ungleicher Chancen in der beruflichen Ausbildung

Warum haben junge Frauen trotz ihrer Orientierung an Ausbildung und Beruf, ihrem hohen Engagement an der ersten Schwelle sowie ihrer größeren Bildungserfolge im Vergleich zu jungen Männern geringere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt? Weshalb gelingt es ihnen nicht, ihre Bildungspotenziale in eine qualifizierte Ausbildung umzusetzen?

Der Verlauf des Übergangs junger Frauen in eine berufliche Ausbildung wird durch zahlreiche Bedingungen und Faktoren beeinflusst. Entsprechend stehen zu der eingangs gestellten Frage unterschiedliche Erklärungsansätze und Thesen zur Diskussion. Nicht selten beruhen diese Ergebnisse auf Untersuchungen bei jungen Frauen westdeutscher Herkunft. Inwieweit sie auf andere Zielgruppen übertragbar sind, kann daher nicht immer als gesichert gelten. Soweit vorliegende Untersuchungen verschiedene Gruppen junger Frauen berücksichtigen, beziehen wir dies in unsere folgenden Ausführungen ein.

Einflüsse sozialer Bezugspersonen: Eltern, Lehrer und Gleichaltrige

Einige Erklärungsansätze gehen von der Frage aus, inwieweit die ungleichen Bildungswege von Männern und Frauen bereits in der Herkunftsfamilie angelegt werden. Einerseits hat die Lebensweise der Eltern Modellcharakter, die - auch ohne dass sich die Beteiligten darüber im Klaren sind - die beruflichen Ziele und Vorstellungen der Töchter prägt. Andererseits sind auch die Interaktionen in der Familie und die Wahrnehmungsmuster gegenüber den Töchtern von Bedeutung. Nach Ergebnissen einer regional angelegten Studie in Hamburg[16] nehmen Eltern in Gesprächen über mögliche Ausbildungsberufe eine geschlechtsspezifische Einschätzung der Begabungen ihrer Töchter vor - und zwar unabhängig von den tatsächlichen schulischen Leistungen und Fähigkeiten. Selbst wenn die Notengebung auf das Gegenteil hinweist, sind Eltern demnach eher davon überzeugt, dass ihre Töchter nicht über naturwissenschaftlich-mathematische Kompetenzen bzw. über Begabungen für die entsprechenden Berufe verfügen. Dagegen werden Fähigkeiten für so genannte frauenspezifische Berufe als selbstverständlich vorausgesetzt.

Als Gründe für die geringe Teilhabe junger Frauen an technisch orientierten Berufen wird in einer Reihe von Untersuchungen weiterhin die ungleiche Förderung in den naturwissenschaftlichen bzw. technischen Fächern in der Schule zur Diskussion gestellt.[17] Demnach erhalten Schülerinnen von Lehrern in solchen Fächern weniger Unterstützung als Schüler; das reicht nicht aus, um Selbstvertrauen in ihre naturwissenschaftlichen wie technischen Fähigkeiten zu entwickeln.

Neben den Eltern neigen auch Lehrer zu einer Wahrnehmung, die von geschlechtsspezifischen Zuschreibungen geprägt ist und den Mädchen im Verhältnis zu Jungen nicht dieselben Fähigkeiten oder Interessen unterstellt. Diese Ergebnisse werfen jedoch auch die Frage auf, inwiefern die Sichtweise von Lehrern und Eltern die Selbsteinschätzung der Schülerinnen und damit tatsächlich auch ihr Berufswahlverhalten beeinflusst. So zeigen Untersuchungen, dass für junge Frauen auch gute Noten in Fächern wie Mathematik nicht in demselben Ausmaß wie bei jungen Männern dazu führen, dass sie sich für einen naturwissenschaftlichen bzw. technischen Beruf interessieren.[18]

Außer Lehrern und Eltern werden auch die Gleichaltrigen zunehmend als soziale Bezugspersonen in der Phase der Berufsfindung zur Kenntnis genommen. Junge Frauen orientieren sich in der Phase der Berufsfindung auch an Geschwistern oder an Gleichaltrigen aus Schule und Nachbarschaft. Wie sich diese Einflüsse auf ihr Berufswahlverhalten auswirken, ist jedoch uneinheitlich und nicht generell zu beantworten.[19] Junge Frauen können im Kreis der Gleichaltrigen z.B. Gegenentwürfe zu den sozialen Erwartungen der Eltern und Lehrer herausbilden und sich an gemeinsamen Vorstellungen orientieren, die nicht vorherrschenden Frauenbildern entsprechen. Sie können sich in dieser Phase aber auch in der Wahl typischer Frauenberufe gegenseitig bestärken. Dann orientieren sie sich beispielsweise an einem Beruf, den sie bei ihrer Schwester oder ihrer Freundin beobachten, oder sie entwickeln gemeinsame Vorstellungen im Freundinnenkreis. Sie streben dann Berufe an, die im jeweiligen Umfeld als interessant und erreichbar gelten, bewegen sich aber gleichzeitig innerhalb eines begrenzten Spektrums.

Gelegenheiten des Ausbildungsmarktes als eine Voraussetzung der Berufsfindung

Zwar werden die Weichen für den Verlauf der Übergangsphase zwischen Schule und Ausbildung nach den bisher dargestellten Ergebnissen bereits früh und nicht erst mit dem Abschluss der allgemein bildenden Schule gestellt. Auch wurde ausgeführt, dass sich die Ausbildung nicht immer an die Schule anschließt und die Übergänge Zwischenschritte wie Praktika, Bewerbungsaktivitäten oder Zeiten der Arbeitslosigkeit umfassen. In welche Ausbildung junge Frauen schließlich einmünden, kann sich - so die Ergebnisse weiterer Untersuchungen - nicht nur im Verlauf der Übergänge zwischen Schule und Ausbildung noch verändern. Vielmehr ist ihre Einmündung in einen bestimmten Ausbildungsberuf auch ein direktes Resultat dieser Übergangsphase und der Gelegenheiten, welche die jungen Frauen dabei auf dem Ausbildungsmarkt vorfinden.

Unter dem Stichwort "Hauptsache eine Ausbildung" wurde angesichts der zunehmenden Verschlechterung der Lage auf dem Ausbildungsmarkt bereits in den achtziger Jahren diskutiert, inwieweit sich Jugendliche zwischen Schule und Ausbildung nicht an ihren Wünschen, sondern an den erreichbaren Optionen orientieren.[20] Am Ende dieser Phase verengt sich vor allem bei jungen Frauen das Spektrum der zur Auswahl stehenden Berufe. Ein vergleichbarer Verlauf wurde inzwischen auch bei jungen Frauen ostdeutscher Herkunft und bei jungen Migrantinnen beobachtet.[21]

Im Gegenzug zu Ansätzen, die jungen Frauen eine Berufswahl als Folge einer Benachteiligung während ihrer bisherigen Sozialisation unterstellen, gilt hier die Berufsfindung als das Resultat der vorhandenen oder eben nicht vorhandenen Gelegenheiten auf einem lokalen Ausbildungsmarkt. Demnach ist die Einmündung in so genannte "frauenspezifische" Berufe und ihre geringe Teilhabe an technisch orientierten Berufen nicht (allein) eine Folge ihrer ursprünglichen Berufswahl, sondern insbesondere der Schwierigkeit, ihre Berufsziele angesichts fehlender Ausbildungsstellen umsetzen zu können. Ausschlaggebend ist dabei, wie junge Frauen diese Phase bewältigen und daraus weitere Strategien für ihren Einstieg in eine Ausbildung entwickeln. Der Schulabschluss oder auch die Sozialisation im persönlichen Umfeld sind hierbei immer noch bedeutsam, doch haben die vom lokalen Ausbildungsmarkt geprägten Möglichkeiten erheblich an Einfluss gewonnen.

"Doing Gender" in der Wahrnehmung und Vergabe von Ausbildungsberufen

Auch wenn der Einstieg in eine Ausbildung gelingt, erfahren junge Frauen und Männer im Berufsbildungssystem in der Mehrzahl deutlich verschiedene Platzierungen.[22] Wie geht diese Zuordnung zu Männer- und Frauenberufen bereits während des Übergangs zwischen Schule und Ausbildung vor sich? Erklärungsansätze dazu richten sich auf ein komplexes Wechselverhältnis zwischen den Zuschreibungen durch andere und der Selbstwahrnehmung junger Frauen und Männer in der Arbeitswelt. Die Hartnäckigkeit der Geschlechterungleichheit beruht demzufolge auf einem Zusammenspiel zwischen den Erwartungen auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes. "Doing Gender", die interaktive Herstellung von Geschlecht, vermittelt sich z.B. über die geschlechtliche Etikettierung von Berufen, durch die Erwartungshaltungen von jungen Frauen und Männern an ihre Berufslaufbahn sowie überdies durch geschlechtsspezifisch geprägte Einstellungen auf Seiten der Betriebe im Rekrutierungsverfahren.[23]

Für einen solchen Erklärungsansatz sprechen auch folgende Ergebnisse: Berufsbezeichnungen werden von Schulabgängerinnen und Schulabgängern unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Mädchen und Jungen assoziieren mit denselben Berufsbezeichnungen z.B. unterschiedliche Tätigkeitsmerkmale oder unterschiedliche Eigenschaften von Personen, die diese Berufe ausüben.[24] Auf diese Weise beeinflusst die bloße Bezeichnung eines Ausbildungsberufs das Interesse junger Frauen und Männer - unabhängig von dem, was im Beruf tatsächlich abverlangt wird. Eine wichtige Rolle spielt bei der Bewertung der Bezeichnungen, ob diese die Jugendlichen bei ihrer Selbstdarstellung im sozialen Raum unterstützen. Mädchen und Jungen folgen dabei nicht denselben Kriterien.

Auch die Rekrutierungspraktiken der Betriebe sind entgegen dem eigenen Selbstverständnis nicht immer geschlechtsneutral. Zwar gehen Unternehmen der IT-Branche in einer Befragung mehrheitlich davon aus, junge Frauen könnten vorrangig durch ein Mehr an technikorientierten Betriebspraktika sowie durch eine Verstärkung der Kontakte zu jungen Frauen in Schule und Berufsberatung für eine Ausbildung in einem IT-Beruf gewonnen werden.[25] Dass auch verbesserte Eignungstests und Auswahlverfahren dazu beitragen könnten, meinen nur vergleichsweise wenige Betriebe. Die geringe Ausbildungsbeteiligung junger Frauen wird so vorrangig auf ihr mangelndes Interesse an technischen Berufen zurückgeführt - obgleich sich in den technisch orientierten IT-Berufen doppelt so viele Frauen auf eine Ausbildungsstelle bewerben wie eingestellt werden. Vieles weist darauf hin, dass bislang Einstellungstests und Auswahlverfahren von Betrieben in gewerblich-technischen wie bei IT-Berufen noch von geschlechtsspezifischen Mustern geprägt sind. Bewerberinnen werden z.B. eher in kaufmännisch orientierten Berufen bevorzugt, männliche Bewerber dagegen in technisch orientierten Berufen.


Fußnoten

16.
Vgl. Daniela Hoose/Dagmar Vorholt, Der Einfluß von Eltern auf das Berufswahlverhalten von Mädchen. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 25/97. Es handelt sich hier um eine Untersuchung mit Hilfe von Fallanalysen, die keine Verallgemeinerbarkeit zulässt.
17.
Vgl. die Zusammenfassung und Diskussion solcher Ergebnisse in: Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (Hrsg.), Verbesserung der Chancen von Frauen in Ausbildung und Beruf, H. 80, Bonn 2000.
18.
Vgl. Christian Baudelot/Roger Establet, Mathematik am Gymnasium: Gleiche Kompetenzen und divergierende Orientierungen, in: Irene Dölling u.a. (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt/M. 1997.
19.
Zu verschiedenen Voraussetzungen und Folgen einer Peer-Sozialisation siehe K. Schittenhelm (Anm. 5).
20.
Vgl. Walter R. Heintz/Helga Krüger u.a., Hauptsache eine Lehrstelle. Jugendliche vor den Hürden des Arbeitsmarkts, Weinheim 1987.
21.
Vgl. Czarina Wilpert, Berufskarrieren und Zugehörigkeiten, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Lebensverhältnisse und Zugehörigkeiten im neuen Europa, Frankfurt/M. 1993; K. Schittenhelm (Anm. 5).
22.
Vgl. Helga Krüger, Ungleichheiten im Lebenslauf. Wege aus den Sackgassen empirischer Traditionen, in: Bettina Heintz (Hrsg.), Geschlechtersoziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (2001) Sonderheft 41.
23.
Vgl. zu einer theoretischen Diskussion und Zusammenfassung entsprechender Forschungsergebnisse Cecilia Ridgeway, Interaktion und die Hartnäckigkeit der Geschlechter-Ungleichheit in der Arbeitswelt, in: B. Heintz (Anm. 22).
24.
Vgl. Joachim Gerd Ulrich/Andreas Krewerth/Tanja Tschöpe, Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf das Berufsinteresse von Mädchen und Jungen, in: Soziologie und Berufspraxis, (2004) 6.
25.
Vgl. Agnes Dietzen/Gisela Westhoff, Qualifikation und Perspektiven junger Frauen in den neuen Berufen der Informations- und Kommunikationstechnologien, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, (2001) 6.