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2.7.2004 | Von:
Christoph Strünck

Neue Berufsbiografien und alter Sozialstaat?

Aus dem Beruf schöpfen die meisten Menschen einen Teil ihrer Identität. Christoph Strünck hinterfragt, wohin die abnehmende Bedeutung des Normalarbeitsverhältnisses zugunsten einer immer bunteren und brüchigeren Erwerbsbiografie führt.

Einleitung

Aus dem Beruf schöpfen die meisten Menschen einen Teil ihrer Identität. Als Schlüsselkategorie prägt der Beruf darüber hinaus die kollektive Identität moderner Arbeitsgesellschaften. Zahlreiche Institutionen verständigen sich darauf, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten für den Zugang zu den entsprechenden Arbeitsfeldern erforderlich sind. Der Charakter einer Arbeitsgesellschaft wird wesentlich dadurch bestimmt, wer hier die dominante Rolle spielt: Ist es vor allem der Staat, der Markt, sind es die Verbände oder ist es eine Mischung aus allem? In der Bundesrepublik Deutschland, in der Berufe sogar zertifiziert werden und die industrielle Facharbeit lange der Pfeiler des "deutschen Modells" war, basieren sowohl die individuelle als auch die kollektive Identität ganz wesentlich auf dem Beruf.




Folgt man feuilletonistischen Ausflügen in die Arbeitswelt, so scheint diese Basis merklich zu bröckeln. In der Spaß- und Freizeitgesellschaft, in der wir angeblich leben, verliere der Beruf an prägender Bedeutung für den Einzelnen, heißt es. In der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, in der wir arbeiteten, verringere sich seine Bedeutung auch für die Wirtschaft und die Beschäftigungsverhältnisse. Beinahe jeder kennt inzwischen die Prognose, wonach in Zukunft jeder Beschäftigte in seinem Leben mindestens drei verschiedene Berufe erlernen und ausüben wird. Tatsächlich zeichnet sich bereits jetzt ein Wandel ab, der für die Beschäftigten, die Wirtschaft und nicht zuletzt auch für die Politik deutliche Konsequenzen hat.

Soziologen sprechen schon seit längerem davon, dass sich der Beruf als fest gefügte Kategorie der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung mehr und mehr auflöse.[1] Dieser Wandel wird auch dadurch beschleunigt, dass in vielen Unternehmen nicht mehr berufs- und funktionsbezogene Arbeitsabläufe die Regel sind, sondern eine stärker prozessorientierte Organisation dominiert.

Der Wandel erstreckt sich auch auf die Wege zum Beruf, sei es über eine schulische oder betriebliche Ausbildung, sei es über ein Studium. Mehr und mehr entscheidet über den Verlauf der beruflichen Karriere, was bei der Arbeit selbst vermittelt und erlernt wird. Diese These besagt allerdings nicht, dass die Ausbildung nicht mehr den Status der Beschäftigten bestimmt.

Noch 1998 waren knapp 26 Prozent aller Beschäftigten ohne Berufsausbildung arbeitslos, während die Quote derjenigen mit einer Lehre oder einem Berufsfachschulabschluss bei 9,2 Prozent lag. Von den Universitätsabsolventen waren nur knapp 4 Prozent arbeitslos, bei den Fachhochschulabsolventen lag die Arbeitslosenquote sogar nur bei 2,6 Prozent.[2] Entscheidend - das belegen auch jüngere Untersuchungen - ist weniger der Schulabschluss als die abgeschlossene Berufsausbildung.[3] Nur weniger als der Hälfte der Arbeitslosen ohne Berufsausbildung gelingt es, auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren.[4] Hier soll nicht der Frage nachgegangen werden, ob die mangelnde Qualifikation oder das mangelnde Angebot an Niedriglohn-Arbeitsplätzen dafür verantwortlich ist.[5]

Der Beruf wird also auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Was sich aber in jedem Fall ändert, ist die Prägekraft eines klaren Berufsbildes für eine ganze Erwerbsbiografie. Beschäftigungsverhältnisse werden bunter und brüchiger, auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Berufe behalten nicht mehr ihr Leben lang ihren Wert, weder für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer noch für die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen.


Fußnoten

1.
Vgl. Martin Baethge/Volker Baethge-Kinsky, Jenseits von Beruf und Beruflichkeit?, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB), 31 (1998), S. 461 - 472.
2.
Vgl. Alexander Reinberg/Angela Rauch, Bildung und Arbeitsmarkt: Der Trend zur höheren Qualifikation ist ungebrochen, in: IAB-Werkstattbericht, (1998) 15.
3.
Vgl. zu diesem Aspekt auch Klaus Klemm, Bildung, in: Jutta Allmendinger/Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hrsg.), Soziologie des Sozialstaats. Gesellschaftliche Grundlagen, historische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungstendenzen, Weinheim-München 2000. Klemm konstatiert, dass anders als noch im 19. Jahrhundert nicht mehr in erster Linie die schulische Bildung über Berufskarrieren entscheide, weil der Arbeitsmarkt nicht mehr so aufnahmebereit sei.
4.
Vgl. Christoph Strünck, Mit Sicherheit flexibel? Chancen und Risiken neuer Beschäftigungsverhältnisse, Bonn 2003, S. 42.
5.
Vgl. zu dieser Diskussion u.a. Otto-Brenner-Stiftung (Hrsg.), Niedriglohnsektor und Lohnsubventionen im Spiegel des Arbeits- und Sozialrechts, Frankfurt/M. 2000.