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Bayern-Fahne mit blau-weißen Rauten

14.12.2018 | Von:
Simone Egger

Bayerische Bildwelten. Landschaft, Folklore, Politik

Interpretationen

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich nicht nur in München viele Menschen darauf verständigt, ihre Zugehörigkeit zum "Bayerischen" sichtbar zu machen. In Stadt und Region leben heute Menschen mit Verbindungen in die ganze Welt. Das Hinterland von München und Bayern spannt sich rund um den Globus auf. Dabei ist "das Bayerische" keine feste Größe, sondern wird immer wieder ausgehandelt. Das Lokale findet nicht nur im Lokalen statt, sondern erfährt wie das Oktoberfest oder der FC Bayern weltweit Beachtung. Bilder, Sehnsuchtsorte und Idyllen – "das Bayerische" begriffen als Cloud, die Up- und Downloads zulässt, ist gewissermaßen als Blaupause für ein (spät)modernes Heimatverständnis zu sehen. "Das Bayerische" ist damit etwas, das immer wieder von vielen gleichzeitig hergestellt wird, die ihre Interpretation eines Biergartenbesuchs beispielsweise in Form von Fotografien beisteuern, sich für die Geschichte der Klöster interessieren, Zusammenhänge deuten und wieder umdeuten, ein bayerisch-japanisches Lokal eröffnen und so fort.

Die gegenwärtige Beschäftigung mit "dem Bayerischen" oder dem Regionalen im Allgemeinen hat mit der wachsenden Bedeutung von Bildern und sichtbaren Gegenständen, mit Fragen von Teilhabe und nicht zuletzt mit der Globalisierung zu tun. Damit ist keine Gegenbewegung, sondern die Vielheit von Verbindungen im Allgemeinen gemeint. Das Charakteristische einer Region gewinnt gerade im Vergleich an Gewicht, sei es im Wettbewerb der Städte und Regionen oder im persönlichen Austausch. "Das Bayerische" mag gerade auch deshalb funktionieren, weil es so vieles gleichzeitig zulassen kann. Gerade Dirndl und Lederhosen hatten immer schon besonders viel mit Bildern und Vorstellungen zu tun. Es geht um Zugehörigkeit, die auf eine spezifische Art und Weise sichtbar gemacht wird und damit viel von "Tradition" und "Heimat" und ebenso von "Migration" und "Mobilität" erzählt.[20]

Gerade Vorstellungen "des Eigenen" und "des Fremden" werden oft mit ethnokulturell gelabelten Bildern visualisiert. In der politischen Debatte der vergangenen Jahre wird das Festschreiben von "Kultur" entgegen ihrer lebensweltlichen Dynamik wieder als Kraft der Beharrung stark gemacht, wenn es um die Argumentation von "Traditionen" geht. Analog gibt es zu vermeintlich dominanten Oberflächen und Positionen und deren ohnehin wechselvollen Entstehungsgeschichten immer auch andere, manchmal leisere, manchmal lautere, alternative, in jedem Fall aber mehrere und meistens viele Stimmen im Diskurs.

Insbesondere in großen Städten, aber längst auch andernorts – in den urbanisierten ländlichen Räumen der Welt – finden sich kulturelle Elemente, die sich gegenseitig beeinflussen, herausfordern und aus dieser Wechselwirkung heraus überhaupt denkbar werden. Dadurch entstehen neue, hybride Ausdrucksformen von Kultur. Elemente, die aus verschiedenen Zeitphasen oder zumindest aus unterschiedlichen Kontexten stammen, gehen in Übersetzungen und neuen Bildern auf. Dieser Umstand zeigt sich besonders eindrücklich am Beispiel der Dirndl, die die kurdischen Schwestern Marie Darouiche und Rahmee Wetterich aus Kamerun, die seit Jahrzehnten in München leben, unter dem Label "Noh Nee" aus westafrikanischen Stoffen entwerfen, die in den Niederlanden produziert werden. Die Schwestern erzählen mit den Dirndln die Geschichte ihres Lebens. In ihren Arbeiten verwischt der Übergang zwischen Gebrauchsgegenstand, Design und Kunst, ihre Biografien und Bilder stehen für einen kosmopolitischen Alltag, der "das Bayerische" gegenwärtig auch ausmacht. Auch Bands wie LaBrassBanda, Zwirbeldirn, Kofelgschroa, der Niederbayerische Musikantenstammtisch, die Unterbiberger Hofmusik und viele andere haben in den vergangenen Jahren mit ihrer Ästhetik gezeigt, wie divers "das Bayerische" nicht nur in musikalischer Hinsicht sein kann.

Dennoch wird in jüngerer Zeit bei der politischen Vereinnahmung der Behauptung des Besonderen gemäß der Redewendung "In Bayern gehen die Uhren anders" entgegen jeglicher Realität mit der Setzung von abgezirkelten Bildwelten um "das Bayerische" gebuhlt. Konservative Kreise verschließen sich der Dynamik von Volkskultur und begrenzen nicht nur die Wahrnehmung von Landschaften und Symbolen. Dagegen formiert sich das immer wieder zitierte "andere" Bayern. Dessen Anfänge liegen in den Geschichten von Wilderern, die gegen Obrigkeiten opponierten – eine Mentalität, die in Bayern goutiert wird. Zum "anderen Bayern" gehören etwa Kabarettistinnen und Kabarettisten, Musikerinnen und Musiker wie die "Biermösl Blosn" oder Hans Söllner. Ein zentraler Erinnerungsort dieses Oppositionsnarrativs markiert auch der Kampf um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den 1980er und 1990er Jahren.

Dass die Ausrichtung "des Bayerischen" mit Interpretation zu tun hat und die Auslegung dessen, was lokales Ethos ausmacht, verschiedentlich aufgefasst werden kann, wurde im Juli 2018 besonders sichtbar. Auf einer Kundgebung in München wurde nicht zuletzt mit Bildern um die Deutung "des Bayerischen" gerungen. Unter dem Hashtag "ausgehetzt" formierte sich ein breites Bündnis aus etablierten Netzwerken, Vereinen, Parteien, Kirchen und anderen einflussreichen Institutionen zum Protest gegen rassistische Ausgrenzung und rechte Stimmungsmache in Bayern. Trotz Dauerregens folgten mehrere Zehntausend Menschen der Initiative.[21] In der Berichterstattung über die Demonstration tauchte gleich mehrfach ein Schild mit dem Slogan "Mi Heimat es su Heimat" auf. Zu lesen war der Spruch zwischen zwei Plakaten mit der Aufschrift "A Mass statt Hass" oder "Grantl’n – Ja! Hetz’n – Nein!", die eine in historische Trachten gekleidete Gruppe aus Riedering hochhielt, eine Bilderbuch-Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Rosenheim. "Mi Heimat es su Heimat" ist ein mehrfacher Verweis. Aufgerufen wird damit zunächst einmal die spanische Redewendung "Mi casa es su casa" – Mein Haus ist Dein Haus –, mit der man jemanden auffordert, sich im eigenen Heim wie zu Hause zu fühlen. "Mi Heimat es su Heimat" meint zugleich eine Positionierung: Mit der Demonstration wurde ein Diskurs um Werte und Vorstellungen einer spätmodernen Gesellschaft sichtbar. Nicht Exklusion, sondern die Möglichkeit der Begegnung kennzeichnet dieses – andere – bayerische Verständnis von Zugehörigkeit.[22]

Im Himmel der Bayern

"Das Land hatte Höhe und Weite, Berge, Seen, Flüsse. Seine Himmel waren bunt, seine Luft machte alle Farben frisch. Es war ein schön anzuschauendes Stück Welt, wie es sich herunterzog von den Alpen nach dem Strome Donau",[23] schreibt der Münchner Literat Lion Feuchtwanger 1930 in dem dokumentarischen Roman "Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz" über sein bayerisches Zuhause, bevor er schildert, wie es nach 1918 weiterging, die veränderte Atmosphäre und das zunehmend gespaltene politische Klima in der Bevölkerung. Der Text liest sich, als sei er Hymne und Anklageschrift zugleich, der Autor lobt und bedauert gleichzeitig die Derbheit und Statik der Bewohnerinnen und Bewohner Bayerns. Als Münchner fühlte er sich zugehörig. Doch ist "Erfolg" bereits aus der Rückschau geschrieben, denn Feuchtwanger hatte schon 1930 München verlassen. Mit seiner Frau Marta musste er wie die Manns oder Bertold Brecht emigrieren, weil sich die niedrigschwellige Offenheit des Regionalen aus ideologischen Gründen in Ausschluss verkehrt hatte.

Die Geranie, eine Pflanze, die in keiner bayerischen Bildwelt fehlen darf, kommt aus dem Süden des afrikanischen Kontinents und wird dort in Töpfen gezogen. Kaufleute brachten sie um 1700 erstmals nach Europa, wo sie 1789 der französische Botaniker Charles Louis L’Héritier de Brutelle den Pelargonien zuordnete. In Frankreich wie in Deutschland ist es im allgemeinen Sprachgebrauch bis heute aber bei der Bezeichnung "Geranie" geblieben.[24] Was auf den ersten Blick als lokales Klischee erscheint, kann besonders viel über die Vernetzung mit der Welt erzählen. Bei aller, insbesondere politisch verwendeten Betonung der regionalen Eigenart gilt schließlich gerade für den Freistaat: Der Himmel ist bunter als weiß-blau.

Fußnoten

20.
Vgl. dies., "Volkskultur" in der spätmodernen Welt. "Das Bayerische" als ethnokulturelles Dispositiv, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 2/2016, S. 119–147.
21.
Vgl. Anna Hoben/Wolfgang Görl, Aufstand der Mutbürger, 23.7.2018, http://www.sueddeutsche.de/1.4065190«.
22.
Vgl. Simone Egger, Außenansicht: Mi Heimat es su Heimat, 11.10.2018, http://www.sueddeutsche.de/1.4165674«.
23.
Lion Feuchtwanger, Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz, Berlin 2004 (1930), S. 551.
24.
Vgl. Halina Heitz, Balkon- und Kübelpflanzen, München 2003, S. 124.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Simone Egger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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