Bayern-Fahne mit blau-weißen Rauten

14.12.2018 | Von:
Andreas Wirsching

Das "Moskau unserer Bewegung". München zwischen Eisner und Hitler

In einer Filmaufnahme vom 26. Februar 1919, die den Trauerzug für den ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner zeigt, ist möglicherweise auch Adolf Hitler zu sehen.[1] Ob er es tatsächlich ist, lässt sich zwar nicht endgültig entscheiden; unwahrscheinlich ist es aber nicht, beschloss doch der Vollzugsausschuss des Landessoldatenrates am 25. Februar 1919, dass auch Hitlers Demobilmachungseinheit 25 Mann zur Trauerparade abstellen sollte. Interessanterweise behauptete Hitler im autobiografischen Teil von "Mein Kampf", der sich über 1919 weitgehend ausschweigt, dass er zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht in München gewesen sei. Eine der wenigen konkreten Angaben, die Hitler machte, die Mitteilung nämlich, er sei nach Traunstein versetzt worden und erst im März 1919 nach München zurückgekehrt, ist nachweislich falsch: Seine Einheit war bereits im Januar 1919 wieder in der bayerischen Hauptstadt.[2] Offensichtlich erfand Hitler diese Abwesenheit von München, um jeden Eindruck einer räumlichen wie politischen Nähe zu Kurt Eisners Bayerischer Republik auszuschließen. Faktisch freilich dürfte er der Münchner Revolutionsregierung keineswegs so ablehnend gegenübergestanden haben, wie er in "Mein Kampf" glauben machen wollte – auch wenn man ihm daraus keine politischen Sympathien für die Sozialdemokratie andichten muss, wie es Hitlers Gegner schon zeitgenössisch versuchten.[3]

Sozialistisches Experiment

Hitlers Haltung passt zu den politischen Umwälzungen und gewaltsamen Spannungen, die Bayern und vor allem seine Hauptstadt München zwischen November 1918 und Mai 1919 erlebten. Während dieser Zeit schien alles möglich zu sein, und keineswegs konnten die Zeitgenossen wissen, wohin das Pendel schließlich ausschlagen würde. Für jeden deutlich spürbar war allerdings die massive Polarisierung, die sich mit immer radikaleren ideologischen Feindkonstruktionen verband. Schon der Sturz der Wittelsbacher hatte die Emotionen hochgehen lassen. Der Mord an Kurt Eisner, den das frühere Mitglied der okkultistisch-völkischen Thule-Gesellschaft Anton Graf von Arco auf Valley am 21. Februar 1919 beging, brachte die politischen Leidenschaften dann zum Siedepunkt. So gehässig Eisner als Jude und Sozialist attackiert worden war, so sehr erschien seine Regierung im Rückblick geradezu als ein Garant der Stabilität.[4] Tatsächlich lehnte Eisner wie die meisten deutschen Sozialdemokraten Lenins Parteilehre ab und stand auch der Oktoberrevolution kritisch gegenüber. Als er am 8. November 1918 in München den Freistaat Bayern ausrief, wies er zugleich jeden Gedanken an "russische Ziele" zurück. In der Kultur der deutschen Arbeiterbewegung war die Idee der parlamentarischen Demokratie viel zu sehr verankert, als dass man sich mit Lenins Version einer Parteidiktatur hätte anfreunden können.

Kurt Eisner war Mitglied der SPD, dann der USPD. Er war Pazifist und weniger ein Marxist als vielmehr ein neokantianisch geschulter Humanist. Wie auf Reichsebene bildete sich auch in Bayern nach Kriegsende eine Koalitionsregierung aus Mehrheits- und Unabhängigen Sozialdemokraten. Die neue Regierung unter Eisners Führung wollte möglichst schnell zu geordneten Verhältnissen übergehen und schrieb daher für den 12. Januar 1919 Wahlen zum Landtag aus. Gleichwohl war Eisner als bayerischer Ministerpräsident von Beginn an die Zielscheibe einer ungezügelten nationalistischen und antisemitischen Hetze. Nach seiner Ermordung mündete die Revolution in Bayern denn auch in eine Geschichte der unaufhaltsamen Hysterisierung und Militarisierung, und es entstand eine Spirale der Radikalisierung und Gewalt. Vor allem in München brodelte es immer stärker. Dem sinkenden Einfluss der Mehrheitssozialdemokratie entsprach der kometenhafte Aufstieg der Schwabinger Literatenszene mit anarchistischen Neigungen. Dies war die kurze Stunde, in der die Intellektuellen Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam ins Rampenlicht traten und Anfang April die erste Räterepublik aus der Taufe hoben. In dieser Situation konnte eine zu explizite Parteinahme für eine politische Richtung gefährlich werden.

Wenn sich Hitler also im Frühjahr 1919 opportunistisch verhielt und sich eines kalkulierten politischen Attentismus bediente, so handelte er gewissermaßen zweckrational. Dies dürfte ihm umso leichter gefallen sein, als er zu diesem Zeitpunkt noch nicht über eine fertige "Weltanschauung" verfügte. Anders als er später in "Mein Kampf" darlegte, ging es Hitler in der ersten Jahreshälfte 1919 keineswegs darum, "Politiker" zu sein, sondern ihn plagten schlicht Zukunftsängste: Ohne Familie, ohne Berufsausbildung, durch den Krieg aus seinem bescheidenen Broterwerb als Aquarellmaler herausgerissen und inzwischen auch nicht mehr der Jüngste, drohte Hitler der Rückfall in die notorische Erfolglosigkeit und Armut, die er in Wien kennen und hassen gelernt hatte. "In dieser Zeit war Hitler bereit, sich mit jedem einzulassen, der ihm freundlich gesinnt war. (…) Er hätte für einen jüdischen oder französischen Arbeitgeber genauso gern gearbeitet, wie für einen Arier. Als ich ihn das erste Mal traf, glich er einem müden streunenden Hund, der nach einem Herrn suchte. Wie immer ihn phantasievolle Publizisten jetzt beschreiben mögen – zu jener Zeit war er gegenüber dem deutschen Volk und seinem Schicksal vollständig gleichgültig."[5]

Diese Charakterisierung wird dem Hauptmann Karl Mayr zugeschrieben, der im Juni 1919 Hitlers Vorgesetzter war und später zu seinem politischen Gegner wurde. Ihr Quellenwert ist nicht über jeden Zweifel erhaben, aber sie dürfte der Wahrheit wesentlich näher kommen als Hitlers Selbststilisierung in "Mein Kampf". Und selbst dort finden sich noch die Spurenelemente der Existenzsorgen, die Hitler im März/April 1919 plagten: "In dieser Zeit jagten in meinem Kopfe endlose Pläne einander. Tagelang überlegte ich, was man nur überhaupt tun könne, allein, immer war das Ende jeder Erwägung die nüchterne Feststellung, daß ich als Namenloser selbst die geringste Voraussetzung zu irgendeinem zweckmäßigen Handeln nicht besaß."[6] Hitlers nächstliegendes Ziel musste es daher sein, so lange wie möglich bei der Armee zu bleiben und damit seine Existenzgrundlage zu bewahren. Da die weitere Entwicklung nicht absehbar war, verhielt er sich opportunistisch und hängte in politischer Hinsicht sein Fähnchen nach dem Wind.[7]

Die gewaltsame Niederschlagung der Münchner Räterepublik Ende April 1919 klärte die Fronten und trug zugleich zur weiteren Radikalisierung bei. Als die Kommunisten am 13. April die Machtübernahme der zweiten Räteregierung erzwangen, schien die Stadt so manchem Münchner Bürger endgültig dem Bolschewismus preisgegeben zu sein. Die örtliche Macht hielten aus Russland stammende Kommunisten in den Händen: Eugen Leviné, der freilich längst deutscher Staatsbürger war, Tobias Axelrod und Max Levien. Dass die beiden Erstgenannten Juden waren, nährte das antisemitische Propagandaklischee vom angeblich "jüdischen Bolschewismus". Und in der Stadt selbst wuchs die Hoffnung, wie der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber in sein Tagebuch schrieb, "die Weiße Garde werde München bald von den Spartakisten und ihrem russischen Terror erlösen".[8]

Mithin war es eine gespenstische Atmosphäre, die München in diesen Apriltagen umgab. Deutlich wurde die immer stärker werdende Isolation der kommunistischen Räteregierung, zu der der größte Teil der Münchner Mittelschichten deutliche Distanz hielt. Und auch die Bauern verhielten sich keineswegs so, wie es etwa Lenin in seiner Münchner Zeit für eine revolutionäre Situation prognostiziert hatte: Sie machten keinerlei Anstalten, sich mit dem Kommunismus zu verbünden, sondern boykottierten im Gegenteil die Stadt, was zu deren prekärer Versorgungslage bis hin zur Hungersnot beitrug. Zugleich provozierte die Rolle, die die "Russen" in der zweiten Münchner Räterepublik spielten, die gegenrevolutionäre Propaganda gegen die "landfremden Elemente".

Fußnoten

1.
Vgl. Guido Knopp/Maurice Philip Rémy, Hitler. Eine Bilanz, DVD 1995; kritisch dazu Othmar Plöckinger, Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär 1918–1920, Paderborn 2013, S. 43.
2.
Siehe Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, hrsg. von Christian Hartmann et al., München 2016, Bd. 1, S. 560, Anm. 4; Ian Kershaw, Hitler, Bd. 1: 1889–1936, München 1998, S. 160.
3.
Vgl. bereits Konrad Heiden, Adolf Hitler. Eine Biographie, Bd. 1, Zürich 1936, S. 83f.
4.
Vgl. insgesamt zu Eisner Bernhard Grau, Kurt Eisner 1867–1919. Eine Biografie, München 2001.
5.
I was Hitler’s Boss. By a Former Officer of the Reichswehr, in: Current History 3/1941, S. 193–199, hier S. 193.
6.
Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (Anm. 2), S. [218]. Die Seitenangabe in eckigen Klammern verweist auf die originale Paginierung der Erstausgabe, die in dieser Edition wiedergegeben wird.
7.
Vgl. hierzu mit weiterer Literatur Andreas Wirsching, Hitlers Authentizität, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64/2016, S. 387–418.
8.
Michael Kardinal von Faulhaber, Tagebucheintrag vom 22.4.1919, http://www.faulhaber-edition.de/dokument.html?docidno=10003_1919-04-22_T01«.
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Autor: Andreas Wirsching für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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