Bayern-Fahne mit blau-weißen Rauten

14.12.2018 | Von:
Andreas Wirsching

Das "Moskau unserer Bewegung". München zwischen Eisner und Hitler

"Ordnungszelle Bayern"

Man kann die Bedeutung der Münchner Räterepublik für die weitere Geschichte Münchens, Hitlers und des Nationalsozialismus kaum überschätzen. Die extreme Polarisierung in Wort und Tat sowie das Aufschaukeln der Gewalt traumatisierten und prägten die bayerische Metropole für lange Zeit. Die Ermordung Kurt Eisners, die Erschießung der zehn Geiseln im Luitpold-Gymnasium am 30. April, überwiegend Mitglieder der Thule-Gesellschaft, durch die Kommunisten, die Hinrichtung Eugen Levinés und Gustav Landauers nach kurzem Prozess und die willkürliche Ermordung von geschätzt bis zu tausend Menschen durch die Regierungstruppen – das alles war eine schwere Hypothek für München; so wie vergleichbare Vorgänge in Berlin und im Ruhrgebiet eine schwere Hypothek für die Weimarer Republik im Ganzen waren. Im Kielwasser der Gegenrevolution verlor München seinen Charakter als jene weltoffene, liberale Künstlerstadt, als die es vor 1914 eine vorübergehende Weltgeltung gehabt hatte. Leitmotivisch wurde nun die Verachtung für die demokratisch-liberale Gesellschaft. In ihr würde der schrankenlose Individualismus nicht nur den sittlichen Verfall beschleunigen, sondern auch Tür und Tor für den Bolschewismus öffnen. Die traumatische Erfahrung des Revolutionsschocks, wie sie etwa Kardinal Faulhaber empfand – als in München der "Kommunismus nach Muster der russischen Barbaren und ungarischen Zigeuner" Einzug hielt[9] – wirkte langfristig fort. Faulhaber fürchtete damals um sein Leben und wandelte, wie sein Tagebuch eindrucksvoll belegt, am Rande des psychischen Zusammenbruchs.

Dass die deutsche Demokratiegründung in Form der Weimarer Republik illegitim, ja kriminell gewesen sei, blieb für Faulhaber denn auch unumstößliche Gewissheit. Wie bei so vielen anderen mischten sich bei ihm schon während der ersten Revolutionstage 1918 die Angst vor dem gewaltsamen Umsturz und dem Chaos mit der Verdammung des politischen Prozesses. Von hier aus führte ein geradliniger Weg zu Faulhabers berühmt-berüchtigtem Diktum auf dem Katholikentag in München 1922: "Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet."[10] Mit dieser Interpretation stand Faulhaber paradigmatisch für weite Kreise des Münchner Bürgertums. Sie bildete eine verhängnisvolle Schnittmenge mit der extremen Rechten.

Die hasserfüllte Ablehnung der Revolution, der wachsende Antisemitismus und die perhorreszierte Furcht vor dem "Bolschewismus" prägten fortan die politische Kultur der bayerischen Hauptstadt. Hinzu trat als Spezifikum das gegen Berlin gerichtete bayerische Sonderbewusstsein. Wie es Lion Feuchtwanger in seinem Roman "Erfolg" so anschaulich beschrieb, setzte es sich aus monarchistischen, separatistischen und ultrakonservativen Elementen zusammen.[11] Gleichsam zur Staatsräson entwickelte sich dieses Sonderbewusstsein im Gefolge des Kapp-Lüttwitz-Putsches, als die sozialdemokratisch geführte bayerische Regierung unter Johannes Hoffmann zum Rücktritt gezwungen wurde. In seiner Regierungserklärung vom 16. März 1920 setzte der neue nationalkonservative Ministerpräsident Gustav von Kahr denn auch gleich den neuen Ton, indem er "strenges Einschreiten gegen Überfremdung durch Stammesfremde, Reinhaltung des eigenen Volkes von fremden Elementen" ankündigte. Damit gab er gleichsam den offiziellen Startschuss für die staatlich geförderte Welle des Antisemitismus, die München nunmehr erfasste. Nicht zuletzt gestützt auf die "Denunziationswut des Münchner Publikums" (Lujo Brentano), ging die Polizei nunmehr rigoros gegen ostjüdische Einwanderer und "andere Asoziale" vor.[12] Die von Kahr fortan verkörperte "Ordnungszelle Bayern" avancierte zum Fluchtort rechtsextremer Umstürzler und Gewalttäter aus dem gesamten Reich wie Erich Ludendorff, Hermann Ehrhardt und dem Erzberger-Mörder Heinrich Tillessen. Zugleich begannen in ihrem Windschatten die Karrieren späterer führender Nationalsozialisten wie Ernst Röhm, Heinrich Himmler und Wilhelm Frick.

Mythologisches Zentrum des Nationalsozialismus

In dieser Atmosphäre reüssierte die frühe NSDAP. Im Sommer 1919 als politischer Propagandaredner der Reichswehr geschult, fand Hitler nun in München Eingang in den Personen- und politischen Dunstkreis der äußersten Rechten. Hier begegnete er seinen frühen Förderern und bedingungslosen Anhängern wie Dietrich Eckart und Gottfried Feder, Max Amann, Hermann Esser und Rudolf Hess. Ab 1920 schuf er sich ein wachsendes Publikum, profilierte sich als "Trommler" und Redner in den Bierkellern der bayerischen Hauptstadt und schwang sich bald zum alleinigen Anführer der NSDAP auf.[13] Als solcher wurde er auch für das rechtsnationale Münchner Bürgertum interessant und fand dort Gönner und Verehrer sowie einige mütterliche Freundinnen wie Helene Bechstein und Elsa Bruckmann.[14]

Indes können die frühen Sympathien, die Hitler genoss, nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in der etablierten Münchner Gesellschaft und Politik ein Außenseiter blieb. Keineswegs akzeptierte ihn das traditionalistische Polit-Establishment als einen der ihren, wenngleich er aufgrund seiner propagandistischen Erfolge als nützlich galt und mit einem gewissen Wohlwollen rechnen konnte. Typisch hierfür ist die Haltung des bayerischen Generals und Oberbefehlshabers Otto von Lossow, der in der Krise 1923 offen gegen die Reichswehrführung und die Regierung in Berlin opponierte.[15] Gegenüber Hitler und seinen radikalen Plänen einer "Reichsdiktatur Hitler-Ludendorff" verhielt er sich zwar reserviert, lehnte die Besuche Hitlers aber auch nicht ab: "[W]ir hatten den gesunden Kern der Hitlerbewegung erkannt, den wir darin sahen, daß die Bewegung die werbende Kraft besaß, um eine nationale Einstellung der Arbeiterschaft herbeizuführen. Wir wollten die Hitlerbewegung nicht gewaltsam unterdrücken, sondern sie auf den Boden des Möglichen und Erreichbaren stellen."[16] Damit beschrieb von Lossow die Konkurrenzsituation, die sich 1923 zwischen der ultrakonservativen bayerischen Regierung und der NSDAP zuspitzte. Angesichts des Abflauens der Krise musste Hitler nämlich befürchten, dass sich die von ihm erreichte Position in der absehbaren Entspannung verflüchtigen würde. Mithin sah er sich genötigt, die "Glaubwürdigkeit" seines mittels Radikalisierung und extremistischer Propaganda erworbenen Charismas zu bestätigen und zur Tat zu schreiten. Dies setzte eine fortwährende Wettbewerbsdynamik frei, die dann auch einen entscheidend wichtigen Hintergrund für Hitlers Putschversuch vom 9. November bildete. Zugleich freilich trug der entsprechende Mechanismus schon den Keim des Scheiterns in sich.

Nach seiner Haft in Landsberg und seiner Rückkehr auf die Münchner Bühne gelang es Hitler in einer paradoxen Umkehr des Geschehens, den Schauplatz seiner größten Niederlage zum mythologischen Ort seiner Bewegung zu machen. Schon 1921 hatte es Hitler kategorisch abgelehnt, die Zentrale der NSDAP aus München heraus zu verlagern.[17] Hiermit verriet er ein sicheres Gespür dafür, dass er außerhalb Münchens, geschweige denn in Berlin, seine erst kurz zuvor entdeckte politisch-propagandistische Rolle nicht mit der gleichen Durchschlagskraft würde spielen können. Außerhalb Münchens war die Konkurrenz im völkisch-nationalistischen Lager groß, und Hitler brauchte für seine eigene Rolle das spezifische Klima in der bayerischen Hauptstadt. In "Mein Kampf" rationalisierte er später seine persönliche Statusunsicherheit mit einer quasi organisationssoziologischen Überlegung, die er mit der von ihm gepredigten Einheitlichkeit des nationalsozialistischen "Wollens" kombinierte: Solle "die Einheit der Lehre" nicht verloren gehen, dann dürfe eine organisatorische Untergliederung erst dann stattfinden, "wenn die Autorität des geistigen Begründers und der von ihm herangebildeten Schule als unbedingt anerkannt gelten darf. Die geopolitische Bedeutung eines zentralen Mittelpunktes einer Bewegung kann dabei nicht überschätzt werden. Nur das Vorhandensein eines solchen mit dem magischen Zauber eines Mekkas oder Roms übergossenen Ortes kann auf die Dauer einer Bewegung die Kraft schenken, die in der inneren Einheit und der Anerkennung einer diese Einheit repräsentierenden Spitze begründet liegt." Dementsprechend fixierte Hitler die Richtlinien für seine Bewegung: "Konzentration der gesamten Arbeit zunächst auf einen einzigen Ort: München. Heranbildung einer Gemeinde von unbedingt verläßlichen Anhängern und Ausbildung einer Schule für die spätere Verbreitung der Idee. Gewinnung der notwendigen Autorität für später durch möglichst große sichtbare Erfolge an diesem einzigen Ort."[18]

Insofern ist Hitlers Beharren auf München durchaus plausibel. Hinzu kam, dass der gescheiterte Putsch von 1923 zum Ausgangspunkt des nationalsozialistischen Märtyrer-Mythos werden konnte: Aufstieg und Charisma, Gegnerschaft und Fall, Wiederkehr und Triumph bildeten in der NS-Hagiografie fortan eine große mythologische Erzählung. Sie erhob München zum unwiderruflich zentralen Ort des Nationalsozialismus. "Rom – Mekka – Moskau!", deklamierte Hitler im Juni 1925 auf der Plauener Führertagung: "Jeder der drei Orte verkörpert eine Weltanschauung. Bleiben wir bei der Stadt, die die ersten Blutopfer unserer Bewegung sah. Sie muss das Moskau unserer Bewegung werden."[19] Und 1929, im bayerischen Landtagswahlkampf, forderten die Nationalsozialisten: "München muß wieder die Hoffnung des nationalen Deutschland werden!"[20]

Fußnoten

9.
Ders., Tagebucheintrag vom 7.4.1919, http://www.faulhaber-edition.de/dokument.html?docidno=10003_1919-04-07_T01«.
10.
Ders., Predigt auf dem Katholikentag in München, 27.8.1922, in: ders., Rufende Stimmen in der Wüste der Gegenwart, Freiburg/Br. 19322, S. 31.
11.
Vgl. Hans-Günter Hockerts, Warum war München die "Hauptstadt der Bewegung"?, in: Stefanie Hajak/Jürgen Zarusky (Hrsg.), München und der Nationalsozialismus, Berlin 2008, S. 24–40.
12.
Dirk Walter, Judenfeindschaft in der Weimarer Republik, Bonn 1999, S. 64–75, hier S. 64f.
13.
Vgl. Albrecht Tyrell, Vom "Trommler" zum "Führer", München 1975.
14.
Vgl. David Clay Large, Hitlers München, München 1998, S. 196–198; Miriam Käfer, Das Verlegerehepaar Elsa und Hugo Bruckmann, in: Marita Krauss (Hrsg.), Rechte Karrieren in München, München 2010, S. 52–79.
15.
Vgl. Kai Uwe Tapken, Die Reichswehr in Bayern von 1919 bis 1924, Hamburg 2002, S. 381.
16.
Zit. nach Lothar Gruchmann/Reinhard Weber (Hrsg.), Der Hitler-Prozess 1924, Bd. 2, München 1998, S. 738.
17.
Hockerts (Anm. 11), S. 31.
18.
Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (Anm. 2), S. 367f., S. 369.
19.
Adolf Hitler, Rede auf einer Führertagung, 12.6.1925, in: Clemens Vollnhals (Hrsg.), Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933, Bd. 1, München 1992, S. 91–100, hier S. 99.
20.
Zit. nach Large (Anm. 14), S. 280.
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Autor: Andreas Wirsching für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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