Bayern-Fahne mit blau-weißen Rauten

14.12.2018 | Von:
Andreas Wirsching

Das "Moskau unserer Bewegung". München zwischen Eisner und Hitler

Warum München?

Die Frage "Warum München?" bleibt bis heute eine Herausforderung für die deutsche Geschichte, die weit über das Lokale hinausgeht. Denn in ihr bündelt sich ein historisches Problem: Warum und wie vermochte ein Einzelner immer mehr Menschen in seinen Bann zu ziehen, ihre Hoffnungen auf sich zu richten und schließlich zum "Führer" einer Massenbewegung zu werden? Wie stand es um eine Gesellschaft, die Hitlers Aufstieg ermöglichte und beförderte, ihn zumindest geschehen ließ, die jedenfalls zu schwache Abwehrkräfte besaß, um seine Machteroberung zu verhindern?

In der Betrachtung der Wechselwirkung zwischen Hitler und der deutschen Gesellschaft konzentriert sich in geradezu schicksalhafter Weise die alte Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Allgemeinem in der Geschichte. Dabei wäre es irreführend, das eine gegen das andere auszuspielen. Vielmehr konstituiert es einen wesentlichen Grundsatz der NS-Forschung, dass die Spannung zwischen beidem aufrechterhalten werden muss. Sonst liefe man Gefahr, einen von zwei Irrwegen zu beschreiten: Der eine bestünde darin, aus einer überindividuellen, rein gesellschaftsgeschichtlichen Perspektive die Rolle der Persönlichkeit gänzlich aufzuheben. Allzu leicht könnte Hitler dann zum bloßen Horizont eines starren Strukturalismus verblassen. Umgekehrt würde der andere Irrweg zu einer zu starken Betonung des Individuellen führen. Allzu leicht könnte Hitler dann eine metaphysische Aura erhalten – etwa im Sinne des letztlich Unbegreiflichen, des rein charismatisch vermittelten Einbruchs eines Irrationalen, Exogenen, ganz Fremden in die deutsche Geschichte. Weder der reine Strukturalismus noch der überzogene Personalismus wird also dem Problem "Hitler" gerecht.

Beim Blick auf die Interaktion, die Hitler mit der deutschen Gesellschaft seit 1920 aufnahm, fällt eines ins Auge: Anders als in München wies ihn diese Gesellschaft in ihrer überwältigenden Mehrheit zunächst zurück beziehungsweise nahm ihn überhaupt nicht zur Kenntnis. Sehr viel mehr als ein auf Reichsebene leidlich bekannter bayerischer Bierkelleragitator war Hitler bis 1929 nicht. Natürlich versammelte er seit Anfang der 1920er Jahre einen harten Kern fanatisierter Anhänger um sich, die dem ansonsten heillos zerstrittenen völkischen Spektrum entstammten; aber politisch betrachtet verlief die Kommunikation des Demagogen mit der deutschen Gesellschaft im Wesentlichen nur in eine Richtung. Zu immun war die Weimarer Gesellschaft in ihrem ersten Jahrzehnt gegen die gewalttätige, radau-antisemitische und zugleich so skurrile Gestalt Hitlers, als dass sie ihn auch nur andeutungsweise als ihren Erlöser akzeptiert hätte.

Es wird also deutlich, dass die Bühne, die Hitler betrat, zunächst in München stand und dort schon vor ihm und ohne ihn existiert hatte. Auch das Publikum hatte sich längst versammelt. Ebenso lag der Stoff, aus dem Hitler seine Hasstiraden formte, bereits vor: Die völkischen, rassistischen, antisemitischen, eugenischen, sozialdarwinistischen, antisozialdemokratischen und antikommunistischen Versatzstücke und ideologischen Sumpfblüten, die schon in der politischen Kultur des Kaiserreiches eine zunehmende Rolle gespielt hatten, erfreuten sich gegen Ende des Ersten Weltkrieges einer wachsenden Beliebtheit.[21] Nach der Novemberrevolution bildeten sie einen allgemein zugänglichen weltanschaulichen "Pool". Wer außerhalb des politischen Establishments stand und im Rahmen der politischen Aufmerksamkeitsökonomie auf die Karte des Radikalismus setzte, konnte sich aus diesem bedienen. In geradezu paradigmatischer Weise galt das für München und die "Ordnungszelle" Bayern, die nach dem Trauma und der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik zum bevorzugten Hort all jener ideologischen Radikalismen wurden, aus denen sich die passenden Hass- und Feindbilder zusammensetzen ließen.[22]

Erst in der Endphase der Weimarer Republik gelang es Hitler, seine Wirkung auf die Ebene der Reichspolitik auszudehnen. Nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen von 1928 gerade einmal 2,6 Prozent der Stimmen erzielt hatte, profitierten die Partei und ihr Führer von der dramatischen Zuspitzung der innenpolitischen Konfrontation, der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklung und der damit verbundenen politischen Orientierungslosigkeit ab 1929. In dieser Situation wurde Hitler auch national eine Glaubwürdigkeit zugeschrieben, die er seiner fundamentaloppositionellen Radikalität verdankte und in gewisser Weise an die frühe Zeit in München erinnert. Erneut fand er – diesmal auf Reichsebene – wohlwollende Helfer wie Alfred Hugenberg, der ihn in den "Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren gegen den Young-Plan und die Kriegsschuldlüge" aufnahm und ihm damit eine nationale Bühne verschaffte. Wie im München der frühen 1920er Jahre existierte diese in der späten Weimarer Republik schon längst ohne und vor Hitler. Allerdings begann der "Führer" nun die Wünsche des Publikums mit einer geradezu überraschenden Wucht zu befriedigen und rief entsprechende Begeisterung hervor. In unzähligen Reden stilisierte er dabei die märtyrerdurchtränkte Geschichte seiner selbst und seiner "Bewegung", die in München ihre Initiation erfahren hatte. Seine eigene Vergangenheit, die durch Anonymität und Demütigung, Absturz und Wiederaufstieg gekennzeichnet war, inszenierte er dabei als paradigmatisch für die krisenhafte Geschichte der Deutschen seit dem Ersten Weltkrieg. So gelang es Hitler, seine Biografie in politisches Kapital umzumünzen und einen beträchtlichen Teil der deutschen Wählerschaft von seiner Rolle als politischem Messias zu überzeugen.

Für die deutsche und europäische Geschichte am folgenreichsten war, dass auf der Bühne, die Hitler vorfand, erklomm und ausgestaltete, eine andere als die bekannte Moral herrschte. Schon 1919/20 in München galten hier andere moralische Maßstäbe als im wirklichen Leben. Auf ihr fand eine Umwertung aller Werte statt: Hier ließ sich die Komplexität der realen Welt in einen Manichäismus von Gut und Böse, Freunden und Feinden, Opfern und Schuldigen verwandeln. Weitgehend ungestraft ließ sich hier Hass predigen, Gewalt androhen und Vernichtung fordern. Das Resultat war eine neue, eine nationalsozialistische "Moral", die den universalistischen Prinzipien der christlich-aufgeklärten Zivilisation eine radikale und inhumane Partikularität entgegenstellte. Dass diese neue Moral nach dem 30. Januar 1933 rasch zur herrschenden Norm avancierte, gehört zu den beklemmendsten Vorgängen in der deutschen Geschichte. Binnen kürzester Zeit war das, was eine jahrhundertealte christlich-aufklärerische Tradition von Moral und Gewissen, Recht und Gesetz, ganz selbstverständlich als blankes Unrecht verurteilt hatte, nicht nur erlaubt, sondern wurde sogar prämiert. Nötigung und Diebstahl, Körperverletzung und Totschlag, am Ende auch unverblümter Mord konnten im Sinne dieser pervertierten Moral durchaus anerkennenswerte Taten sein, sofern sie sich gegen die als "Feinde" Gebrandmarkten richteten. Von Hitler und seinen Gefolgsleuten war diese neue Moral bereits sehr früh eingeübt worden, nämlich in der Münchner Phase seiner politischen Karriere. Auch deshalb blieb die bayerische Metropole in einer sehr spezifischen Weise die "Hauptstadt der Bewegung".

Fußnoten

21.
Vgl. stellvertretend Peter Walkenhorst, Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890–1914, Göttingen 2007.
22.
Vgl. Winfried Nerdinger (Hrsg.), München und der Nationalsozialismus, München 2015.
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Autor: Andreas Wirsching für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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