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28.5.2004 | Von:
Matthias Kettner

Forschungsfreiheit und Menschenwürde am Beispiel der Stammzellforschung

Euphorische Rechtfertigungsmuster

In den skizzierten Feldern einer Medizin der Zukunft werden große Erwartungen geweckt. Die führenden Tumorforscher und Krebstherapeuten haben dagegen kaum Versprechungen gemacht. Aber wir verdanken ihnen Resultate, deren ärztlicher Wert gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Anders die Pioniere der SZF: Sie haben an Therapieerfolgen für Patienten zwar nichts vorzuweisen, was diesen Namen verdient, erwecken aber in der Öffentlichkeit Erwartungen, die an Großartigkeit kaum noch zu überbieten sind. Keineswegs verlegen - angesichts der unerhörten Diskrepanz von Propaganda und Realität - reagieren sie offensiv mit folgendem Argumentationsmuster gegen moralische Bedenken: Die bisher ethisch sorgsam markierten Unterschiede, die zwischen Zellsorten und entsprechenden Forschungsinteressen gemacht werden, verhindern derzeit noch, dass ein großes Fortschrittspotential für die ärztliche Heilkunst ausgeschöpft werden kann. Zur Verwirklichung bedarf es vielmehr der vergleichenden Forschung über die markanten Unterschiede hinweg. Denn was an einer Maus ("murine SZ") beobachtbar ist, lässt sich womöglich auf den Menschen ("humane SZ") nicht übertragen; und ob der Umformungsspielraum von SZ erwachsener Menschen ("adulte" SZ) an den von SZ aus der frühesten Phase der Entwicklung menschlichen Lebens ("embryonale" Stamm- und Keimzellen) heranreicht, wissen wir leider noch nicht. Es gibt keinen schnellen Fortschritt in der Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten ohne solide Fortschritte in der Forschung; keine soliden Forschungsfortschritte, wenn nicht an Menschen und Mäusen, an Embryonen und Erwachsenen gleichermaßen geforscht werden darf. Wer das therapeutische Anwendungspotential der SZF erschließen und für den an schweren Krankheiten leidenden Menschen möglichst schnell dienstbar machen will ("Ethik des Heilens") -, muss daher auch wollen, dass moralisch relevante Unterschiede (z.B. zwischen embryonalen und ausgewachsenen Menschen) - in dem für die Forschung nötigen Ausmaß aufgehoben und ausgeklammert werden.

Um den sinngebenden kulturellen Hintergrund dieses Arguments auszuloten, kann man fragen, wie die SZF in sprachlichen und anderen Medien präsentiert wird, welche Formulierungen endlos wiederholt, welche Phantasien mobilisiert werden und welche Affekte dies weckt. Dabei sieht man schnell: Auch Bürger, die nahezu nichts über SZ wissen, aber als Zeitungsleser, Rundfunk- und Internetnutzer mit der öffentlichen SZ-Debatte in Berührung stehen, kommen kaum um die "Kenntnis" herum, dass die biomedizinische Forschung offenbar faszinierende Zellen entdeckt hat, die sich uneingeschränkt vermehren und ewig lebendig bleiben können, dabei ihre Wandlungsfähigkeit erhalten und daher zu einer unerschöpflichen Spenderquelle für die Organe transplantierende und Gewebe erneuernde Medizin werden sollen.

Das ist keine Kleinigkeit. Denn solche "Kenntnis" verbindet sich sofort mit der Furcht vor schlimmen Krankheiten und der Hoffnung auf Heilung von krankheitsbedingtem Leiden. Diese Furcht und diese Hoffnung sind zeitlos. Doch unter den Bedingungen moderner Gesellschaften werden die vorherrschenden Ideen des guten Lebens radikal diesseitig. Vorstellungen vom guten Leben werden in den Horizont individueller, einmalig gegebener biologischer Lebensspannen gestellt. Es gibt kein Leben nach dem individuellen Tod - was bis dahin nicht passiert ist, wird mich nicht mehr betreffen. So erhalten auch Krankheit und Leiden eine für unsere Gegenwart spezifische Intensität.

"Nervenzellen für Parkinson-Patienten, Herzmuskulatur für Infarktopfer, Insulin bildende Zellen für Diabetiker und Blut bildende Zellen für Leukämiekranke", so und ähnlich schwärmen selbst diejenigen, die über SZ sehr viel wissen, jedenfalls in den Massenmedien.[2] Nicht ohne Ironie zitiert der Wissenschaftsjournalist Nicholas Wade einen hochrangigen amerikanischen SZ-Experten, der vollmundig erklärt: "In zwei Jahren wird man routinemäßig die Leber ersetzen, das Herz regenerieren, der Bauchspeicheldrüse Inselzellen einsetzen, Gehirnzellen implantieren, die in die normalen Schaltkreise eingebaut werden. Die Regeneration jedes Gewebes wird zur Selbstverständlichkeit."[3] Nicht fehlen dürfte eine Befragung, die das "Time Magazine" im Februar 1966 veröffentlichte. Die meisten Medizinexperten erklärten damals, im Zeichen der Antibiotika-Euphorie, im Jahre 2000 würden virale und bakterielle Infektionen aus unserem Leben verschwunden sein. Sie haben sich ähnlich massiv geirrt wie jene Nuklear-Euphoriker, die in den sechziger Jahren prophezeiten, mit der friedlichen Nutzung der Atomenergie würde bald die ganze Menschheit mit Energie zum Nulltarif versorgt sein.


Fußnoten

2.
So Oliver Brüstle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 18. 8. 2000.
3.
Nicholas Wade, Das Genom-Projekt und die Neue Medizin, Berlin 2001.