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28.5.2004 | Von:
Matthias Kettner

Forschungsfreiheit und Menschenwürde am Beispiel der Stammzellforschung

Zwickmühlen der Faszination

Die moralische Kritik an der SZF und an anderen Zweigen biotechnologischer Forschung ist dort am stärksten, wo unter Berufung auf die Menschenwürde argumentiert wird, diese Art Forschung sei moralisch verwerflich. Aber auch die moralische Rechtfertigung solcher Forschungen ist dort am stärksten, wo unter Berufung auf die Menschenwürde argumentiert wird, sie sei moralisch geboten. Denn Forschung ist ein öffentliches Gut, das im Interesse aller Menschen liegt, jedenfalls idealiter, und alle Menschen (so wird argumentiert) haben einen Anspruch, in den Genuss dieses Guts zu kommen.

Wie einst in der Debatte über Schwangerschaftsabbruch fundamentale moralische Ansprüche der Ungeborenen und der Schwangeren gegeneinander angeführt wurden (Lebensschutz versus Selbstbestimmung), so werden in der Kontroverse über die SZF fundamentale Ansprüche der Ungeborenen und der Kranken zueinander in Gegensatz gebracht. Aber kann der Abwägungsprozess zwischen Grundrechtsgütern wie z.B. Lebensschutz und Forschungsfreiheit überhaupt zugunsten der Forschungsfreiheit ausgehen? Ja, wie die von der SZF ausgelöste Embryonenschutzdebatten in Großbritannien, aber auch in Deutschland zeigten; doch nur dann, wenn es sich um anerkanntermaßen hochrangige Forschungsziele handelt.

Aber wer unterscheidet zwischen bloßen Heilungsversprechen und echten Chancen auf Realisierbarkeit? Und wie? Wenn die Versprechungen nur wenig Leuchtkraft erhalten, dann bekommt die moralische Anforderung, dass die Gesellschaft Kranken zu helfen hat, in der Waagschale der Abwägung womöglich geringeres Gewicht, als sie eigentlich verdient hätte. Wenn aber die Versprechungen sehr faszinierend ausgemalt werden, dann erhält diese moralische Anforderung womöglich ein viel zu hohes, jedenfalls höheres Gewicht, als sie verdient. Um herauszubekommen, was die Versprechungen wirklich wert sind, müßte man eben die Forschung zulassen, deren Zulässigkeit doch erst abgewogen werden sollte. Es macht das moralische Dilemma, dass man sich pro und kontra SZF auf Menschenwürde und -rechte berufen kann, nicht leichter. Im Gegenteil: Beide Zwickmühlen verstärken sich noch gegenseitig.

Wer ausschließlich die Würde der Embryonen sieht und die Unantastbarkeit der Menschenwürde zudem mit der Unantastbarkeit des Lebens der Embryonen kurzschließt (was nicht zwingend ist), übersieht einfach die Menschenwürde ihrer genetischen Väter und Mütter ebenso wie die aller Menschen, die an möglicherweise heilbaren schweren Krankheiten leiden. Deren Therapiehoffnung und Vertrauen auf Forschung hat ebenfalls Menschenrechtswurzeln: Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte macht es zum Recht jedes Menschen, "am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Wohltaten teilzuhaben".

Führt das moralische Statusdenken in diesen Fragen überhaupt weiter? Dieses Denken bezieht sich auf Individuen. Doch hier geht es um verschiedene belangvolle menschliche Beziehungen: um Beziehungen zwischen frühen Menschen-im-Werden und Eltern, zwischen Ärzten, Kranken, Wissenschaftlern und last not least zwischen Unternehmern und Investoren, ohne die die medizinische Forschung kaum oder viel weniger schnell vorankäme. Es geht um die Festlegung unserer Überzeugungen, unter welchen Bedingungen wir die Interessen, die in allen diesen Beziehungen verfolgt werden, für moralisch zulässig oder moralisch verwerflich halten wollen.

Was passiert, wenn wir (wie wir sollten) nach der moralischen Integrität aller Akteure im Zusammenhang der Forschung fragen? Dies würde den öffentlichen Diskussionsbedarf, dem eine immer zu knappe öffentliche Aufmerksamkeit gegenübersteht, auf die heikle Frage richten, welche normative Autorität in einer Demokratie für die bewusste Begrenzung von Therapiemöglichkeiten aufkommen kann: Aus welchen moralischen Gründen können überhaupt in Demokratien medizinische Behandlungswünsche frustriert und -angebote unterbunden werden, unabhängig davon, wieviele StaatsbürgerInnen die Wünsche und womöglich Angebote unterstützen? Wenn die Mehrheit der Bürger medizinische Forschung an embryonalen SZ zulassen will, welche überzeugenden moralischen Gründe stehen dann noch zur Verfügung, um ein Verbot zu autorisieren?

Dringend ist zudem eine Diskussion über den Stellenwert von Standortargumenten. Im Zusammenhang mit der SZF begegnen uns solche Argumente teils in moralischer Verbrämung ("es wäre heuchlerisch, in Deutschland nicht zu erlauben, wovon wir andernorts profitieren"), teils offen ökonomisch ("wenn wir nicht sofort aufspringen, ist der Zug abgefahren"). Der medizinische Messianismus, den ich im zweiten Abschnitt beschrieben habe, zehrt vom unmittelbaren Appeal einer "Ethik des Heilens": Wer heilt, hat Recht, der Krieg gegen krankheitsbedingtes Leid ist ein gerechter Krieg, der außerordentliche Maßnahmen und Mittel rechtfertigen sollte. Die Standortargumente zehren von einer zweiten, verwandten, aber gebietsfremden Rechtfertigungslogik. Sie bemüht das Motiv der erlaubten (oder, wenn man eng wirtschaftsethisch denkt: sogar gebotenen) Vorteilssuche unter wirtschaftlichen Konkurrenten.