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28.5.2004 | Von:
Matthias Kettner

Forschungsfreiheit und Menschenwürde am Beispiel der Stammzellforschung

Toleranz und moralische Diversität

Zurück zur Realität. Angenommen, nur jene SZF, die humane Blastozysten, also Frühphasen von Menschenwesen, verbraucht, führt in absehbarer Zeit zu wirklich nützlichen Neuerungen in der zelltherapeutischen Medizin. Wenn der soeben skizzierte Gedanke zutrifft, muss eine wissenschaftliche Arbeitsteilung, die sich orientiert an politischen und rechtlichen Gemeinschaftsgrenzen (die, anders als die moralischen, an Staatsterritorien gebunden sind) nicht bloße Heuchelei oder "Doppelmoral" sein.

Das Gleiche gilt für die Regulierung von Leistungen nationaler Gesundheitssysteme: Wenn Produkte aus Forschungen, die in Deutschland starke moralische Bedenken wecken oder rechtlich inkriminiert sind (z.B. Forschungen, die das geltende Embryonenschutzgesetz oder SZ-Gesetz verletzen), hier gar nicht angeboten werden dürfen oder nur unter den erschwerenden Bedingungen von fallbezogenen Genehmigungen erhältlich sind, während andere Moral- und Rechtsgemeinschaften, wo dieselben Forschungen keine starken Bedenken wecken und rechtlich nicht inkriminiert sind, die Nutzung erlauben, dann entsteht eine Lage, deren Uneinheitlichkeit leicht als bequem geographisch aufgeteilte Doppelmoral und Heuchelei missverstanden werden kann. Wäre es nicht Doppelmoral und Heuchelei, das Mittel SZX, dessen moralische Entstehungskosten die deutsche Biopolitik nicht mittragen will, deutschen Patienten durch gesetzliche Einschränkungen vorzuenthalten, denselben Patienten aber die Behandlung mit SZX in Ländern wie Großbritannien, Skandinavien, Griechenland oder Portugal, in denen die biopolitische Willensbildung in eine andere Richtung geht, nicht zu verwehren?

Diese Frage berührt viele schwierige Punkte, darunter Fragen der moralischen Verhältnismäßigkeit von rechtlichen (strafrechtlichen?) Sanktionen bei moralisch sensiblen Materien. Aber ein ebenso einfacher wie grundlegender Punkt darf dabei nicht in Vergessenheit geraten: Dass mit der gerade skizzierten uneinheitlichen Lage ein "Therapietourismus" in Kauf genommen wird, ähnlich dem einst zynisch so genannten "Abtreibungstourismus" nach Holland, trifft zwar zu, ist aber moralisch gesehen kein schlagender Einwand gegen die politische Herbeiführung dieser Lage.

Warum nicht? Weil der Einwand etwas Wesentliches übersieht: Solange "unser" moralisches Urteil nicht einhellig und absolut jene Forschung und ihre Ergebnisse verurteilt, gebietet Moral auch Toleranz gegen die moralisch Andersdenkenden unter uns. Und Toleranz meint in diesem Zusammenhang: die durch den Wert des gesitteten Zusammenlebens bedingte und proportionierte Hinnahme von solchem, was nach meinen/unseren eigenen moralischen Maßstäben als unrecht (verboten, verächtlich, schlecht) beurteilt werden muss.

Die Toleranzforderung sollte nicht vorschnell als ein Symptom tiefer moralischer Unsicherheit oder als Rückzug der moralischen Überzeugungen ins Private gedeutet werden. Der normative Ursprung der moralischen Toleranzforderung ist Einsicht in die Tatsache der moralischen Diversität. In wertepluralistischen oder multikulturellen Gesellschaften wird nämlich unübersehbar, dass selbst unter vernünftigen Menschen nicht nur eine einzige Moralauffassung Platz hat, sondern viele verschiedene. Ethische Begründungs- und Letztbegründungsprogramme können diese Tatsache moralischer Diversität nicht aus der Welt schaffen, sondern sich nur möglichst vernünftig auf sie einstellen.

Das gilt auch für die ethischen Begründungsmöglichkeiten durch die moralische Idee der Menschenwürde. Diese begründet eine moralische Sonderstellung des Menschen, aber nur dann, wenn wir diese Idee selbst nicht in eine fraglose Sonderstellung bringen und dogmatisch aus dem Raum der Begründungen herauszuhalten versuchen. Jede Berufung auf die Menschenwürde bzw. auf deren vermeintliche Missachtung durch bestimmte Forschungsprogramme (z.B. durch Forschungen zur Ermöglichung der Humanklonierung zur Erweiterung der Angebotspalette der Fortpflanzungsmedizin) muss auch argumentativ ausweisen können, worin die befürchtete Missachtung bestehen würde: in welchem genauen Sinne dann ein moralisches Unrecht geschehen und wer davon betroffen sein würde. Die ansonsten im Grundsatz sicher überzeugende Maxime in dubio pro dignitate humana genügt dann nicht länger, wenn viele Menschen in der fraglichen Praxis, um deren moralische Integrität der Streit geht, eine Missachtung der Menschenwürde sehen, viele andere aber nicht.