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28.5.2004 | Von:
Sigrid Graumann
Andreas Poltermann

Klonen: ein Schlüssel zur Heilung oder eine Verletzung der Menschenwürde?

Eine Methode - zwei unterschiedliche Beurteilungen

Die Basistechnologie, das menschliche Klonen, ist also unabhängig von der Zielsetzung, der medizinisch unterstützten Fortpflanzung oder der Forschung, dieselbe. Die ethischen Diskussionen des Forschungs-Klonens und des Fortpflanzungs-Klonens aber unterscheiden sich erheblich. Während Forscher, die Babys klonen wollen, weitgehend einhellig als Scharlatane oder Verbrecher angesehen werden, gilt das Forschungs-Klonen als zwar hoch umstrittenes, zugleich aber hochrangiges Forschungsgebiet.

Fortpflanzungs-Klonen

Severino Antinori und Panayiotis Zavos behaupten, mit Hilfe des Klonens ungewollt kinderlosen Paaren zu Nachwuchs verhelfen zu wollen. Doch dafür, so lautet angesichts der Risiken und der geringen Erfolgsaussichten des Klonens einer der Haupteinwände, stehen mit den Methoden der In-vitro-Fertilisation oder auch der Adoption weit weniger fragwürdige Wege offen. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit würden geklonte Babys mit schweren gesundheitlichen Schäden auf die Welt kommen. Möglicherweise würden sie auch das "genetische Alter" ihres Zwillings erben und entsprechend kürzer leben. Sei der Wunsch nach einem biologisch eigenen Kind auch noch so groß, auf der Grundlage des heutigen naturwissenschaftlich-medizinischen Erkenntnisstandes ist das Fortpflanzungs-Klonen wissenschaftlich und ethisch nicht vertretbar. Soweit herrscht Einigkeit. Aber, gesetzt den Fall, die Erfolgsquoten ließen sich entscheidend verbessern, die Entwicklung der geklonten Babys besser kontrollieren und die Risiken erheblich vermindern, gilt der Einwand dann auch noch? "Es gibt nichts Besseres für den Erfolg als ein gesundes Kind", hat schon Robert Edwards, Schöpfer des ersten in vitro gezeugten "Retortenbabys" Louise von 1978, die gesellschaftliche Durchsetzung der modernen Reproduktionsmedizin resümiert.

Die Argumente gegen das Fortpflanzungs-Klonen müssen schon grundsätzlicher Natur sein, oder sie werden gegen das Zusammenspiel von technologischer Entwicklung und Konsumentenfreiheit keinen Bestand haben. Ein Baby zu klonen wäre damit verbunden, einen Menschen zu schaffen, der mit einem anderen Menschen genetisch identisch und ihm damit zumindest sehr ähnlich ist. Das Hauptargument für das Fortpflanzungs-Klonen ist die reproduktive Freiheit in einem sehr liberalen Verständnis. Im Namen der reproduktiven Freiheit führen manche an, es sei doch legitim, wenn Eltern, die ein Kind verloren haben, sich dieses durch Klonierung wieder erschaffen wollten. Aber auch das Motiv eines Elternteils, sich selbst in Originalgestalt reproduzieren zu wollen, oder das Motiv mancher Frauen, auf fortpflanzungswillige Männer nicht mehr angewiesen zu sein, wird keineswegs von allen Ethikern für völlig abwegig gehalten. "Was spricht dagegen?", fragt etwa der Philosoph Johann Ach..[6] Explizite Befürworter des Fortpflanzungs-Klonens, von einigen Provokateuren wie etwa Michel Houllebecq einmal abgesehen, gibt es aber allem Anschein nach nicht.

Im Unterschied zu anderen biomedizinischen Zukunftstechnologien verläuft die Konfrontationslinie eher zwischen Kritikern und Kritikern von Kritikern als zwischen Befürwortern und Gegnern. Wenn etwa gegen das Klonen angeführt wird, eine vollständige oder zumindest sehr weit gehende genetische Festlegung eines Kindes würde dessen Menschenwürde verletzen, wird dies mit einer theoretischen Erörterung des Geltungsanspruchs von Menschenwürde-Argumenten in der Bioethik-Debatte überhaupt beantwortet.[7] Wenn angeführt wird, ein Mensch, der genetisch identisch ist mit einem anderen, wäre in seiner Identitätsentwicklung beeinträchtigt, wird dagegen argumentiert, auch eineiige Zwillinge seien schließlich zu einer gelungenen Identitätsentwicklung in der Lage.[8]

Sicher aber wäre ein geklontes Kind mit außerordentlich starken Erwartungshaltungen konfrontiert, was eine freie Persönlichkeitsentwicklung zwar nicht ganz unmöglich machen, doch aber schwer beeinträchtigen würde. Sein Recht auf psychische Integrität wäre damit grundlegend gefährdet. Im Gegensatz zu schädigenden Erziehungsmaßnahmen, zu denen sich eine Person zumindest reflexiv verhalten kann, wäre die Festlegung der genetischen Konstitution eines Kindes irreversibel seinen Handlungsmöglichkeiten entzogen. Die fehlende Einwilligung des geklonten Kindes vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Fehlbarkeit experimenteller Eingriffe selbst unter der Bedingung einer Optimierung von Verfahren und das damit verbundenen Schädigungspotenzial würde sein Recht auf körperliche Integrität verletzen.

Ein weiteres Argument lautet, das Klonen von Menschen würde die biologische Integrität der Menschheit gefährden.[9] Diese Position ist zu verstehen vor dem Hintergrund einer in den USA sich ausbreitenden "consumer eugenics", die bereits heute damit wirbt, etwa durch die Wahl des Geschlechts oder anderer positiv beurteilter Merkmale "designer babies" zu erzielen. Das Fortpflanzungs-Klonen würde diese Tendenz weiter verstärken und könnte auf eine Spaltung in die "GenRich" und die "Naturals" hinauslaufen.[10] Auf der anderen Seite ist es vor dem Hintergrund der Erfahrung der Rassenhygiene problematisch, von einer vermeintlichen Gefährdung des Erbguts zu sprechen, statt die Würde des Menschen und deren mögliche Verletzung in den Mittelpunkt der Kritik zu stellen.

Einen neuen und weiterführenden Aspekt gegen das Klonen führte Jürgen Habermas in die Debatte ein mit dem Argument, dass die Unverfügbarkeit unseres biologischen Ursprungs, die wir je nach kulturellem und religiösem Hintergrund als Zufall, Geschöpflichkeit oder Naturwüchsigkeit bezeichnen, zu unserem gattungsethischen Selbstverständnis gehört, ohne das wir uns nicht länger "als autonome und gleiche, an moralischen Gründen orientierte Lebewesen verstehen" können.[11] Eine liberale, an individuellen Präferenzen orientierte Eugenik bringe die Moral der Menschenrechtssubjekte ins Rutschen - mit unabsehbaren Folgen für unser gesellschaftliches Miteinander.

Forschungs-Klonen

Weit übersichtlicher ist die ethische Debatte über das Forschungs-Klonen. Schließlich geht es hier nicht um das zukünftige Schicksal geklonter Kinder und die normativen Grundlagen des gesellschaftlichen Miteinanders oder gar die "biologische Integrität" der Menschheit, sondern vor allem um die Frage, ob die Erzeugung geklonter menschlicher Embryonen und ihre Vernutzung für die Forschung ethisch gerechtfertigt werden kann. Diejenigen, die sich für das Forschungs-Klonen aussprechen, rechtfertigen dies in erster Linie mit der Hoffnung auf die Entwicklung neuer Therapien für die Heilung schwer kranker Menschen. Unbestritten ist in der ethischen Diskussion, dass dem medizinischen Fortschritt ein hoher Wert zukommt. Strittig ist allenfalls, wie realistisch die Erreichbarkeit der erhofften therapeutischen Ziele ("Therapie von Alzheimer") tatsächlich ist und ob die adulte Stammzellforschung als möglicherweise gleichwertige oder sogar überlegene Option vernachlässigt wird. Außerdem wird kritisch hinterfragt, ob derart individualisierte Therapien, bei denen für jeden Patienten eigene Stammzelllinien entwickelt werden müssten, nicht zu erheblichen Gerechtigkeitsproblemen führen werden, da sich diese selbst in den reichen Ländern kaum solidarisch finanzieren ließen. Im internationalen Maßstab wird dieser Zweifel dadurch verstärkt, dass die Hinwendung zur individualisierten Klontherapie das internationale Forschungsportfolio und Therapieangebot unweigerlich zu Lasten der Menschen in den ärmsten Ländern dieser Erde verschiebt, in denen Aids, Malaria und Hunger die Menschen gar nicht so alt werden lassen, dass sie jemals von einer Therapie gegen Alzheimer profitieren könnten.[12]

Darüber hinaus ist vollkommen ungeklärt, woher die enorme Zahl an Eizellen, die für das Forschungs-Klonen und erst recht für mögliche zukünftige therapeutische Anwendungen notwendig wären, kommen soll. Schon heute sind "gespendete" Eizellen für die Behandlung ungewollt kinderloser Paare in den Ländern, in denen dies zulässig ist, trotz Appellen an den Altruismus von jungen Frauen und verschiedener Anreizsysteme Mangelware. Angesichts der Tatsache, dass die Gewinnung von Eizellen für die betroffene Frau wegen der notwendigen Hormonbehandlung und invasiver Eingriffe mit erheblichen Belastungen und Gesundheitsrisiken verbunden ist, wirft die fremdnützige Verwendung von Eizellen ohnehin grundsätzliche ethische Rechtfertigungsprobleme auf.[13] Mit einer therapeutischen Anwendung des Klonens wäre fast zwangsläufig die Entwicklung von Eizellmärkten verbunden, wobei eine Ausbeutung unterprivilegierter Frauen kaum zu verhindern wäre.[14] Dieser Einwand gegen das Forschungs-Klonen wäre möglicherweise dann obsolet, wenn sich Eizellen ohne Eizellspende herstellen ließen, zum Beispiel aus Stammzellen. Diese Hoffnung kam auf, als die Forschungsgruppe um Karin Hübner und Hans Schöler eizellähnliche Strukturen aus Mäuse-Stammzellen entwickeln konnte. Allerdings ist bislang ungeklärt, ob sich dieser Versuch auf menschliche Stammzellen übertragen lässt und ob künstlich hergestellte Eizellen tatsächlich das Potenzial "echter" Eizellen haben werden.[15]

Der zentrale Streitpunkt in der ethischen Diskussion ist jedoch die Frage, ob das Klonen von Embryonen die Menschenwürde verletzt. Wie das Dolly-Experiment nahe legt, besitzen auch geklonte Embryonen das Potenzial, sich unter geeigneten Bedingungen - d.h. in der Gebärmutter einer Frau - zu einem Kind zu entwickeln. Sie wären damit in ethischer Hinsicht gleich zu behandeln wie "normale" Embryonen. Für Vertreter von Positionen, die davon ausgehen, dass einem menschlichen Lebewesen von seiner Entstehung an Menschenwürde und ein darin begründetes Recht auf Leben zukommt, ist die Erzeugung von Embryonen mit dem Ziel ihrer Vernutzung grundsätzlich ethisch inakzeptabel, unabhängig davon, auf welche Weise diese Embryonen entstanden sind. Nun gibt es gute Argumente dafür, diese Position zu teilen: Sie geht von der Unteilbarkeit der Menschenwürde und der universellen Geltung der in ihr begründeten Rechte aus und schreibt dem vorpersonalen menschlichen Leben denselben moralischen Status zu wie dem personalen. Die entgegengesetzte Position macht den moralischen Status menschlicher Lebewesen von empirischen Eigenschaften abhängig. Hierzu wird häufig auf biologische Kriterien wie den Verlust der Fähigkeit zur Zwillingsbildung, die Nidation, die Ausbildung des Nervensystems, die abgeschlossene Organbildung oder die eigenständige Lebensfähigkeit Bezug genommen. Dabei ist zu bedenken, dass die Biologie uns zwar Auskunft über die einzelnen Phasen der Entwicklung des menschlichen Organismus geben kann, nicht aber über deren ethische Bewertung. Andere machen den moralischen Status eines menschlichen Lebewesens von ethisch relevanten Kriterien wie Leidensfähigkeit, Selbstbewusstsein, Rationalität oder Handlungsfähigkeit abhängig. Allerdings sind derartige Kriterien zur Zuschreibung von Menschenwürde - sofern hier überhaupt noch von Menschenwürde gesprochen wird - immer mehr oder weniger willkürlich und führen darüber hinaus zu moralisch ausgesprochen fragwürdigen Konsequenzen. Nicht nur Embryonen, sondern auch allen anderen Menschen, denen das jeweilige Kriterium nicht entspricht, etwa Säuglingen, schwer geistig Behinderten, komatösen oder dementen Menschen, könnte dann weniger oder keine Menschenwürde zugesprochen werden.

Eine letzte Antwort auf die Kontroverse über den moralischen Status menschlicher Embryonen kann derzeit niemand anbieten. Allerdings kann offensichtlich auf die Unteilbarkeit der Menschenwürde nicht verzichtet werden, ohne fragwürdige moralische Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Sollte sich nämlich die Möglichkeit einer bedingten oder abgestuften Zuschreibung der Menschenwürde gesellschaftlich und politisch durchsetzen, ist eine grundlegende Veränderung des Selbstverständnisses des Menschen zu befürchten. Nicht nur vorpersonales menschliches Leben, sondern auch andere Menschen, denen die jeweils geforderten Eigenschaften oder Fähigkeiten nicht zukommen, würden dann nicht mehr unter den Schutz der Menschenwürde fallen. Deshalb sollten wir daran festhalten, dass die Menschenwürde nichts ist, was erworben wird und auch wieder verloren gehen kann.

Der Biologe Rudolf Jaenisch vertrat auf der Klonkonferenz des Bundesforschungsministeriums im Mai 2003 in Berlin die Ansicht, geklonten Embryonen käme kein Lebensrecht zu, da die meisten geschädigt seien und sich ohnehin nicht zu "normalen" Menschen entwickeln könnten.[16] Richtig ist zwar, das Fortpflanzungs-Klonen mit Hinweis auf das Nichtschädigungsprinzip abzulehnen. Nicht haltbar ist aber, geschädigten Embryonen das Lebensrecht abzusprechen, wenn es nichtgeschädigten Embryonen zugestanden wird. Damit würde das in der Menschenwürde begründete Gleichheitsgebot verletzt.

Wie die Debatte über das Stammzellgesetz gezeigt hat, repräsentiert die hier skizzierte, an die Menschenwürde-Garantie geknüpfte "Lebensschutzposition" nach wie vor die politische Mehrheitsmeinung in Deutschland. Im internationalen politischen Raum aber scheint sie, wie der Entwurf für eine Europäische Verfassung andeutet und die Verhandlungen über eine UN-Klonkonvention zeigen, von vielen Vertretern mit einem anderen kulturellen und religiösen Hintergrund nicht geteilt zu werden.


Fußnoten

6.
Vgl. Johann Ach, Hello Dolly? Biotechnik, Biomoral und Bioethik, in: ders. /Gerd Brudermüller/Christa Runtenberg (Hrsg.), Hello Dolly? Über das Klonen, Frankfurt/M. 1998, S. 123 - 155; Dan W. Brock, Reproduktives Klonen beim Menschen: Einige moralische Fragestellungen, in: Klonen in biomedizinischer Forschung und Reproduktion. Wissenschaftliche Aspekte - Ethische, rechtliche und gesellschaftliche Grenzen, hrsg. von Ludger Honnefelder/Dirk Lanzerath, Bonn 2003, S. 197 - 207.
7.
Vgl. Dieter Birnbacher, Aussichten eines Klons, in: J.Ach/G. Brudermüller/C. Runtenberg, ebd., S. 46 - 71.
8.
Vgl. Ulrich Steinvorth, Kritik der Kritik des Klonens, in: ebd., S. 90 - 122.
9.
Vgl. Richard Hayes, The new human genetic technologies: a threshold challenge for humanity. Vortrag anlässlich des University of California at Berkeley Energy and Resources Colloquium am 24. September 2003.
10.
Ders., The Science and Politics of Genetically Modified Humans, World Watch. Special Issue: Beyond Cloning, July/August 2002, S. 11f.
11.
Jürgen Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?, Frankfurt/M. 2001, S. 115.
12.
Vgl. Chee-Khoon Chan, Commodification and Market Driven Biomedical Research. Vortrag auf der Berliner Konferenz "Within and Beyond the Limits of Human Nature" am 13. bis 15. Oktober 2003 (www.biopolitics-berlin2003.org).
13.
Vgl. zu diesen Argumenten Ingrid Schneider, Embryonale Stammzellforschung - eine ethische und gesellschaftspolitische Kritik, in: Sigrid Graumann (Hrsg.), Die Gen-Kontroverse. Grundpositionen, Freiburg i.Br. 2001, S. 128 - 147; Regine Kollek, Falsche Rechtfertigungen und vernachlässigte Alternativen, in: ebd., S. 148 - 156.
14.
Vgl. Ingrid Schneider, Gesellschaftliche Umgangsweisen mit Keimzellen: Regulation zwischen Gabe, Verkauf und Unveräußerlichkeit, in: Sigrid Graumann/dies. (Hrsg.), Verkörperte Technik - entkörperte Frau. Biopolitik und Geschlecht, Frankfurt/M. 2003, S. 66 - 80.
15.
Vgl. Science vom 23. 5. 2003.
16.
Vgl. Rudolf Jaenisch, Die Biologie des Kerntransfers und das Potential geklonter embryonaler Stammzellen: Implikationen für die Transplantationstherapie, in: L. Honnefelder/D. Lanzerath (Anm. 6), S. 221 - 249.