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28.5.2004 | Von:
Sigrid Graumann
Andreas Poltermann

Klonen: ein Schlüssel zur Heilung oder eine Verletzung der Menschenwürde?

Ausblick

Die Unstimmigkeiten darüber, ob nun die Regierungslinie den Auftrag des Parlaments unterlaufen hat oder nicht, sind bislang nicht beigelegt. Angesichts der im Bundestag vertretenen Haltungen muss nicht von heute auf morgen mit einem Umsturz der Werthaltungen und einer Liberalisierung der deutschen Rechtslage gerechnet werden. Es scheint deshalb eher unwahrscheinlich, dass sich die Akteure auf der deutschen Seite mit der verfolgten Strategie ein Hintertürchen für das Forschungs-Klonen auch für die deutsche Forschung offen halten wollen. Von einer liberalen internationalen Regulierung des Forschungs-Klonens würden interessierte deutsche Forscher nämlich kaum profitieren.

Es bleibt die Frage, ob die deutsche Strategie retrospektiv betrachtet richtig war, die ja letztlich zwar eine Kampfabstimmung verhindert hat, damit aber in Kauf nehmen musste, dass bislang überhaupt keine Regulierung des Klonens verabschiedet werden konnte. Für ein Totalverbot - unter Einschluss der USA - hätte die Signalwirkung gesprochen - auch wenn es nicht von allen Staaten mitgetragen würde. Die Kritiker des Forschungs-Klonens in diesen Ländern wären dadurch gestärkt worden.

Andererseits könnte ein nicht im Konsens der Staatengemeinschaft getragenes Klon-Verbot die Antinoris und Zavos' nicht daran hindern, ihr Vorhaben dort weiter zu verfolgen, wo die Konvention nicht mitgetragen wird. Letzteres spricht für die deutsch-französische Initiative, sich international vorrangig auf ein Verbot des Fortpflanzungs-Klonens zu verständigen. Allerdings würde davon das Signal ausgehen, das Forschungs-Klonen könne abhängig vom jeweiligen kulturellen und religiösen Wertekontext so oder so beurteilt werden.

Die Verhandlungen über eine internationale Klon-Konvention machen aber noch ein weiteres Problem deutlich. Viele Delegationen orientierten sich offenbar stärker an ihren jeweiligen nationalen Diskussions- und Interessenslagen als an den internationalen Regulierungserfordernissen. Angesichts der Tatsache, dass die biomedizinische Forschung nicht an nationale Territorien gebunden ist und "Insellösungen" jederzeit ausnutzen kann, fehlt ganz offensichtlich ein internationaler zivilgesellschaftlicher Diskurs, auf den sich internationale Regulierungs-Initiativen beziehen könnten und müssten.

Einen ersten kleinen Schritt, einen solchen internationalen zivilgesellschaftlichen Diskurs zu initiieren, unternahmen die Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Center for Genetics and Society aus Kalifornien und dem Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft (Berlin) mit der Konferenz "Within and Beyond the Limits of Human Nature", die im Oktober 2003 in Berlin stattfand.[22] Besonderes Gewicht der Diskussionen der etwa 90 Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Wissenschaft von 70 Organisationen aus 30 Ländern aller Kontinente hatten strategische Fragen:

Wie können zivilgesellschafliche Gruppen, vor dem Hintergrund unterschiedlicher Interessenfelder wie Umwelt, Menschenrechte, Frauen und Frauengesundheit, Gesundheit und Behindertenrechte sowie diverser weltlicher und religiöser Orientierungen effektive Netzwerke aufbauen, die Sichtweisen der NGOs aus dem Norden und aus dem Süden zusammenführen? Wie lassen sich die Fragen um die Reproduktionstechnologien, ihre Erforschung und Vermarktung mit einer Kritik an der globalen Ungleichheit der Gesundheitsversorgung verknüpfen? Wie kann die internationale Zivilgesellschaft produktiv mit der Spannung umgehen, die sich aus der Ablehnung der pränatalen Diagnosetechniken und der Embryonenforschung auf der einen Seite und der Verteidigung des Rechts von Frauen auf Abtreibung auf der anderen ergeben? Lassen sich die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten gegen genetisch modifizierte Pflanzen und Lebensmittel für die Kritik am "Menschenmachen" nutzen? Wo sind Brücken zwischen liberal-säkularen Argumenten gegen die "consumer eugenics" und dem religiös-konservativen Engagement für den Lebensschutz?

Es stellte sich heraus, wie wichtig es ist, die gesellschaftlichen Folgen der Anwendung der neuen humangenetischen Technologien nicht isoliert zu betrachten. Erst vor dem Hintergrund der Entstaatlichung der Gesundheitssysteme, im Kontext der Frage nach sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen globaler Regime des geistigen Eigentums zeigen sich die Konsequenzen der neuen Technologien, der Bedarf und die Ansatzpunkte ihrer nationalen und internationalen Regulation. Trotz unterschiedlicher Positionen zu einzelnen Themen entstehen hier Chancen für zukünftige, globale Zusammenarbeit - mit Blick auf das Klonen und für andere Felder der biomedizinischen Forschung.


Fußnoten

22.
Die Konferenz ist dokumentiert unter (http://www.bio politics-berlin2003.org).