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28.5.2004 | Von:
Christoph Baumgartner

Ethische Aspekte nanotechnologischer Forschung und Entwicklung in der Medizin

Zum Stand der ethischen und gesellschaftlichen Debatte

Den mit der Nanotechnologie beziehungsweise den NBIC-Technologien verbundenen Hoffnungen stehen offene Fragen gegenüber, welche die ethischen und sozialen Aspekte des Einsatzes der Nanotechnologie betreffen. Gerade im Bereich der Medizin werfen bestimmte nanotechnologische Entwicklungen ethische Probleme auf, die in anderen Zusammenhängen bereits bestehen. Diese werden im Kontext der Nanotechnologie jedoch neu akzentuiert und zum Teil verschärft. Darüber hinaus werden neue ethische Fragestellungen aufgeworfen. Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass deren Erforschung bis zum jetzigen Zeitpunkt nahezu vollständig ausgeblieben ist. Der weltweiten nahezu exponentiellen Zunahme natur- und ingenieurwissenschaftlicher Publikationen zur Nanotechnologie steht eine verschwindend geringe Anzahl von Veröffentlichungen gegenüber, in denen die ethischen Aspekte der Nanotechnologie thematisiert werden.[8] Die wenigen deutschsprachigen Stellungnahmen zu ethischen beziehungsweise sozialen Aspekten der Nanotechnologie sind durchweg allgemein gehalten, weisen in der Regel keinen Bezug zu konkreten Entwicklungen auf und stammen überwiegend von Expertinnen und Experten aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Philosophinnen und Philosophen beziehungsweise Ethikerinnen und Ethiker haben sich bisher kaum zu Wort gemeldet.

Die zivilgesellschaftliche Debatte zum Thema Nanotechnologie beschränkt sich im deutschsprachigen Raum bislang weitestgehend auf die Thesen Bill Joys. Dieser warnte im Jahr 2000 in einem Artikel mit dem Titel "Why the Future Doesn't Need Us"[9] vor möglichen katastrophalen Folgen der Nanotechnologie für den Menschen, unter anderem davor, dass sich selbst replizierende Nanoroboter außer Kontrolle geraten, sich immer weiter vermehren und die Biosphäre in "grauen Schleim" verwandeln könnten (auf dieses so genannte Grey Goo-Problem hatte 1990 bereits K.Eric Drexler hingewiesen). Auf internationaler Ebene wurde das Thema Nanotechnologie mittlerweile von Nichtregierungsorganisationen aufgegriffen. Eine erste größere kritische Stellungnahme zur Nanotechnologie veröffentlichte im Januar 2003 die in Kanada ansässige Action Group on Erosion, Technology and Concentration (ETC-Group) unter dem Titel "The Big Down"[10]. Darin werden unter anderem ein sofortiges Moratorium für die kommerzielle Produktion neuer nanoskaliger Materialien und eine weltweite Förderung der wissenschaftlichen Bewertung der sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Implikationen der Nanotechnologie gefordert.

Auch wenn in "The Big Down" vorwiegend solche nanotechnologischen Entwicklungen beurteilt werden, deren Realisation zum heutigen Zeitpunkt als stark hypothetisch gilt, und die Forderung nach einem umfassenden Moratorium eine nahezu pauschale Verurteilung "der Nanotechnologie" (die es in dieser allgemeinen Form nicht gibt) impliziert, so kommt der ETC-Group doch das Verdienst zu, auf den eklatanten Mangel einer ethischen und sozialwissenschaftlichen Begleitforschung zur Nanotechnologie aufmerksam gemacht zu haben.


Fußnoten

8.
Vgl. Anisa Mnyusiwalla/Abdallah S. Daar/Peter A. Singer, Mind the gap: science and ethics in nanotechnology, in:Nanotechnology, 14 (2003), S. R9 - R13 (http://www.utoronto.ca/jcb/pdf/nanotechnology.pdf).
9.
Bill Joys, Warum die Zukunft uns nicht braucht, in: Frank Schirrmacher (Hrsg.), Die Darwin AG. Wie Nanotechnologie, Biotechnologie und Computer den neuen Menschen träumen, Köln 2001, S. 31 - 71.
10.
ETC-Group, The Big Down. From Genomes to Atoms. Atomtech: Technologies Converging at the Nano-scale, 2003 (http://www.etcgroup.org/documents/TheBigDown.pdf). Auch Greenpeace widmet sich mittlerweile der Nanotechnologie. Eine im Auftrag von Greenpeace erstellte Studie weist ebenfalls auf die Dringlichkeit einer ethischen und sozialwissenschaftlichen Begleitforschung der Nanotechnologie hin, hält das von der ETC-Group geforderte Moratorium jedoch für nicht praktikabel und möglicherweise schädlich: Alexander H. Arnall, Future Technologies, Today's Choices. Nanotechnology, Artificial Intelligence and Robotics; A technical, political and institutional map of emerging technologies. A report for the Greenpeace Environmental Trust, London 2003 (http://www.greenpeace.org.uk/MultimediaFiles/ Live/FullReport/5886.pdf).