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22.4.2004 | Von:
Olaf Winkel

Zukunftsperspektive Electronic Government

Was ist E-Government?

Seit der Veröffentlichung des Memorandums zum E-Government, das von über siebzig Fachleuten getragen wird, steht der Begriff für "die Durchführung von Prozessen der öffentlichen Willensbildung, der Entscheidung und der Leistungserstellung in Politik, Staat und Verwaltung unter intensiver Nutzung der Informationstechnik"[1]. Den soziologischen Bezugspunkt dieses Ansatzes bildet die Metapher von der digitalen Informationsgesellschaft, in der zweckorientiertes Wissen zusammen mit den neuen IT als Mittel seiner Bereitstellung einen zentralen Stellenwert einnimmt.[2] In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Übergang in ein solches Stadium vor allem mit der sprunghaft wachsenden Zahl der Internetnutzer in Verbindung gebracht. Das Internet bildet zwar nicht die einzige, aber die wohl wichtigste technische Grundlage für die Informationsexplosion in der Alltagswelt, welche Anfang der neunziger Jahre zuerst in den USA und dann in allen anderen modernen Staaten einschließlich der Bundesrepublik Deutschland einsetzte.[3]

Als Anwendungsfelder von E-Government lassen sich Teleadministration, Telepartizipation und die Reorganisation von Strukturen und Prozessen unterscheiden.[4]

  • Teleadministration (Electronic Administration) steht für die IT-gestützte Abwicklung von Prozessen an der Schnittstelle von Verwaltung und Verwaltungsklientel (Bürger, Unternehmen), an der Schnittstelle von Verwaltung und ihren Geschäftspartnern (etwa im Ausschreibungs- und Beschaffungswesen) sowie in der gemeinsamen Aufgabenerfüllung, wie sie etwa in Public-Private-Partnership-Projekten praktiziert wird.

  • Telepartizipation (Electronic Democracy) meint die Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern an der politischen Willensbildung, welche idealtypisch in die Stufen der Aufnahme von Informationen, des Diskurses zum Abgleich von Problemwahrnehmungen und Interessen sowie der Vollendung des Willensbildungsprozesses durch die politische Entscheidung unterteilt werden kann.

  • Reorganisation von Strukturen und Prozessen (organisatorisches Reengineering): Teleadministration und Telepartizipation wären ohne organisatorische Innovationen nicht denkbar. So wäre es sinnlos, mittels eines Portals eine elektronische Schnittstelle zwischen einer Verwaltung und ihrer Umwelt zu schaffen, wenn eine überkommene Organisation diese Schnittstelle nicht bedienen kann. Während in den Feldern der Teleadministration und der Telepartizipation die Potenziale gefragt sind, welche die IT als Kommunikations- und Kooperationsmittel bieten, kommt es im Rahmen des organisatorischen Reengineering vor allem darauf an, die IT als "Enabler" für neuartige Konzepte, d.h. als Organisationsmittel, produktiv zu machen.

    Die drei Anwendungen von E-Government können in drei unterschiedlichen Qualitäten realisiert werden:[5] als digitale Informationsbereitstellung, als netzbasierte Kommunikation und als Online-Transaktion. Auf der Ebene der Information beschränken sich die Anwendungen auf die digitale Bereitstellung relevanten Wissens ohne Rückkopplungsmöglichkeit, auf der Ebene der Kommunikation wird die Informationsbereitstellung mit einer Rückkopplungsmöglichkeit kombiniert, und auf der Ebene der Transaktion werden Prozesse durchgängig und rechtsverbindlich auf der Basis digitaler Netze abgewickelt. Dabei setzt sich zunehmend die Überzeugung durch, dass es nur dann sinnvoll ist, von E-Government zu sprechen, wenn auch Online-Transaktionen angeboten werden. Doch Anwendungen dieser Art sind bis heute nur in Ausnahmefällen anzutreffen, weil ihre Realisierung mit immensem Aufwand verbunden ist.

    Weitgehend einig ist man sich in der Auffassung, dass nicht allein die an das Internet angeschlossenen Bürger von den Vorteilen des E-Government profitieren sollen. Um einer "digitalen Spaltung" der Verwaltungsklientel entgegenzuwirken, wird etwa für einen "Multikanalvertrieb von Verwaltungsleistungen" plädiert, der sich "auf die vier Hauptkanäle Internet, Call-Center, mobiler Zugang und Bürgerläden in der Nachbarschaft" stützen kann.[6]


  • Fußnoten

    1.
    Gesellschaft für Informatik (GI)/Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) (Hrsg.), Electronic Government als Schlüssel zur Modernisierung von Staat und Verwaltung. Ein Memorandum des Fachausschusses Verwaltungsinformatik der GI und des Fachbereichs1 der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE, Bonn-Frankfurt/M. 2000, S. 3.
    2.
    Näheres dazu bei Achim Bühl, Cyber Society, Köln 1996, S. 24ff.; Hans Kleinsteuber, Informationsgesellschaft - Entstehung und Wandlung eines politischen Leitbegriffs der neunziger Jahre, in: Gegenwartskunde, (1997) 1, S. 41ff., und Olaf Winkel, Informationsgesellschaft, in: Peter Eichhorn u.a. (Hrsg.), Verwaltungslexikon, Baden-Baden 2003, S. 500ff.
    3.
    Die zentralen Stärken des Internets basieren nicht zuletzt auf den Hyperlinks, die alle Teile der Netzwelt zu einem interaktiv und multimedial ausgerichteten Ensemble von Kommunikationsoptionen verbinden. Technisch gesehen sind auch die virtuellen Portale, mit denen sich zahlreiche Einrichtungen des Bundes, der Länder und der Kommunen im Internet präsentieren, nichts anderes als Websites, die in ein komplexes Geflecht von Interaktionsoptionen eingebunden sind. Der Umstand, dass mit dem Internet ein offenes Netz existiert - eines, zu dem prinzipiell jeder jederzeit Zugang haben kann -, ist der wesentliche Unterschied zu der Situation, wie man sie noch Anfang der neunziger Jahre in der Bundesrepublik vorgefunden hat.
    4.
    Dies und das Folgende nach Olaf Winkel, E-Government - die Konturen zeichnen sich immer deutlicher ab, in: Verwaltung & Management, (2004) 2, S. 10ff.
    5.
    Vgl. ebd., S. 15ff.
    6.
    Vgl. GI/VDE (Anm. 1), S. 13.