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22.4.2004 | Von:
Olaf Winkel

Zukunftsperspektive Electronic Government

Schlussfolgerungen

Die Überlegungen zeigen, dass der Verbreitung von E-Government eine Fülle von Hürden entgegensteht, deren Bewältigung größere Anstrengungen erfordert, als man es auf den ersten Blick vermutet. Wer entsprechende Projekte durchführen will, muss nicht nur mit systemischen Problemen rechnen, welche die Spielräume des politisch-administrativen Handelns nicht in allgemein erwartetem Maße erweitern, sondern auch mit Diffusionsproblemen, die dazu führen, dass selbst die Ausnutzung dieser eingeschränkten Spielräume nicht so einfach und so schnell möglich sein wird, wie es viele annehmen.

Vor diesem Hintergrund sind folgende Schlussfolgerungen zu ziehen:

  • Ohne Zweifel ist E-Government für die Fortentwicklung des politisch-administrativen Systems und der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland von entscheidender Bedeutung. Daher muss die Grundlagenforschung vorangetrieben, müssen geeignete Projekte initiiert, gefördert und mitgetragen und die Ergebnisse dieser Projekte einer möglichst breiten Verwertung zugeführt werden. Hier gilt es insbesondere, die dezentrale Entwicklung orts- und sachbereichsspezifischer Anwendungen mit der zentralen Bereitstellung von Basiskomponenten wie Signatursystemen und Paymentverfahren zu verbinden.

  • Die Überlegungen legen den Schluss nahe, dass verstärkte Anstrengungen und nicht zuletzt die Hilfestellung der Wissenschaft vor allem dort gefordert sind, wo es um die Bewältigung von Problemen geht, die aus systemischen Gründen auftreten oder sich auf der Diffusionsebene stellen. Hier liegen bisher unterschätzte Felder, auf denen sich Erfolg oder Misserfolg eines Projektes entscheiden können.

  • Es ist davon auszugehen, dass sich Aufwendungen für E-Government in aller Regel nicht kurz- oder mittelfristig amortisieren werden, sondern strategische Investitionen in die Zukunft darstellen. Irgendwann - wenn an den unterschiedlichsten Stellen der Gesellschaft IT-Verfahren mit einheitlichen Basiskomponenten eingeführt worden sind und wenn deren Vernetzung zu Synergien oder sogar zu Schneeballeffekten führt - werden sich diese Investitionen aller Voraussicht nach reichlich bezahlt machen. Dann werden diejenigen, die auf solche Investitionen verzichtet haben, das Nachsehen haben und ihre Untätigkeit bereuen müssen. Bis dahin ist davon auszugehen, dass E-Government-Projekte sich nicht selbst tragen und sich Win-win-Situationen nur in Ausnahmefällen ergeben können.

  • Unter diesen Bedingungen birgt eine unreflektiert optimistische Wahrnehmung von E-Government Gefahren, denn sie programmiert Enttäuschungen, welche die weitere Entwicklung belasten und sogar zur Diskreditierung führen können. Die ernüchternden Erfahrungen, die mit dem Neuen Steuerungsmodell gesammelt worden sind, sollten als Warnung verstanden werden. Kaum weniger wichtig als die Förderung von Innovationen ist daher die einer realitätsgerechten Wahrnehmung der Möglichkeiten, Grenzen und Zeithorizonte von E-Government.

    Noch vor einigen Jahren kam es vor allem darauf an, für E-Government zu werben und von E-Government zu überzeugen. Heute erscheint es an der Zeit, übertriebene Erwartungen zu korrigieren, um den Weg für einen nachhaltigen Aufbauprozess zu ebnen. Zudem gilt es, denjenigen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die für die Umsetzung der Projekte zuständig und über deren praktische Ergebnisse rechenschaftspflichtig sind. Etwas mehr Zurückhaltung wäre nicht nur bei der Behandlung des Themas in den Massenmedien und in politischen Verlautbarungen geboten, sondern partiell auch im Rahmen der wissenschaftlichen Diskussion. Denn selbst Aussagen von dieser Seite waren in der Vergangenheit gelegentlich stärker von Tatendrang und Optimismus als von nüchterner Analyse geprägt, wobei sich auch der Verfasser von diesem Vorwurf nicht ausnehmen will.