Junger Mann zieht ein T-Shirt mit einem Europa-Stern an.

18.1.2019 | Von:
Jan Georg Plavec

Gemütliche Blase? Zur Brüsseler Kommunikationskultur

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Um die Brüsseler Kommunikationskultur zu erfassen, habe ich in der ersten Jahreshälfte 2016 die Einstellungen von je 150 Politikern und Journalisten abgefragt, die permanent in Brüssel arbeiten beziehungsweise dort akkreditiert sind. Auf Politikerseite wurden die in der Hierarchie am höchsten stehenden Vertreter der drei Institutionen Kommission, Parlament und Rat sowie die Ständigen Vertretungen adressiert: also Kommissare und ihre Kabinettchefs, das Präsidium, die Ausschuss- und nationalen Delegationsvorsitzenden im Parlament sowie die Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten. Bei den Journalisten wurden entsprechend ihres zahlenmäßigen Anteils im corps de presse permanent akkreditierte Korrespondenten von Medien mit nationaler/regionaler sowie transnationaler Zielgruppe befragt. In der Summe ergibt sich aus den Teilnehmern ein repräsentatives Bild der Brüsseler Kommunikationselite.

Um zu ermitteln, ob bei den Einstellungen der Befragten die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede überwiegen, wurden die Antworten gruppenweise aggregiert und miteinander verglichen – nach Nationalität und Berufsgruppe sowie gesondert für Alterskohorten und Europaskeptiker. Politikern und Journalisten wurden jeweils die gleichen Fragen gestellt – von denen sich viele auf die Wahrnehmung von und die Erwartungen an die jeweils andere Gruppe beziehen. Zudem mussten alle Befragten ihre Nationalität, ihr Alter, die Institution oder das Medium, für die oder das sie arbeiten, sowie ihre Arbeitserfahrung in Brüssel angeben. Die Gipfel- oder Ministertreffen wurden von der Erhebung insofern ausgeklammert, als weder nationale Spitzenpolitiker noch die für einzelne Gipfeltreffen anreisenden nationalen Journalisten befragt wurden. So gesehen dokumentieren die Antworten der befragten Politiker also eher den relativ bürokratischen Charakter der Kommission und verdeutlichen den Umstand, dass die (für die Studie befragten) Ständigen Vertreter in der Regel diskret hinter verschlossenen Türen verhandeln und politisch sensible Themen von den nationalen Spitzenpolitikern entscheiden lassen.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich in Brüssel durchaus eine gemeinsame Kommunikationskultur herausgebildet hat – insbesondere mit Blick auf allgemein anerkannte "Spielregeln". So berichten Politiker und Journalisten von einem gegenseitigen Grundvertrauen und nur wenigen Regelverstößen wie falsch übermittelten Informationen oder einem Bruch vorab vereinbarter Vertraulichkeit. Fast alle Befragten beschreiben das Verhältnis zur jeweils anderen Akteursgruppe als weitgehend konfliktfrei. Das ist weniger trivial, als es zunächst klingt. Dass beispielsweise politische Loyalitäten zwischen Politikern und Journalisten so gut wie keine Rolle spielen, ist ein bemerkenswerter Kontrast insbesondere zur hoch politisierten Medienlandschaft in Süd- und Osteuropa.

Insgesamt sind in Brüssel eher die Politiker tonangebend, was die Themensetzung angeht. Zwar gelten allgemein medienzentrierte Kommunikationspraktiken als besonders effektiv – also etwa Informationen an Medien durchzustechen, um deren Bedarf nach exklusiven Meldungen für die eigenen Zwecke auszunutzen, oder die Platzierung eines Interviews in der "Financial Times". Mehr als drei Viertel der befragten Politiker und Journalisten halten das für effektiv, und ebenfalls drei Viertel der Befragten erwarten, dass etwa mit einer Rede im EU-Parlament tendenziell nur ein viel kleineres Publikum erreicht werden kann. Aber anders als in Berlin, wo Politiker vielfach über eine teilweise aggressive und kampagnenhafte Themensetzung durch die Medien selbst klagen,[9] wird die politische Agenda in Brüssel von der Politik vorgegeben und machen sich die Politiker vor allem die klare Brüsseler Medienhierarchie zu nutze. Dies berichtet übereinstimmend eine große Mehrheit der befragten Politiker und Journalisten. Dabei kontrastieren sie – auch das wurde abgefragt – Brüssel mit ihrem jeweiligen nationalen Kommunikationssystem. Nur ein Viertel der EU-Korrespondenten versteht sich selbst als Agenda-Setter oder Kommentator. Stattdessen dominieren die Selbstbilder des neutralen Reporters (72 Prozent Zustimmung) sowie des kritischen Aufklärers (87 Prozent).

Zwar braucht europäische Politik die Medien, um Botschaften an die Bürgerinnen und Bürger zu bringen. Es gehört aber zur Eigenart des Brüsseler Milieus, dass sich diese Macht für die Journalisten nicht in eine Agenda-Setting-Dominanz übersetzt. Eine Erklärung dafür könnte der teils eklatante Ressourcenmangel sein, unter dem – mit Ausnahme weniger Leitmedien – fast alle Korrespondentenbüros leiden. Bereits vor zehn Jahren ergab eine Umfrage, dass Journalisten in Brüssel einen durchschnittlichen Beitrag in maximal sechs Stunden recherchieren und fertigstellen müssen.[10] In meiner Untersuchung bestätigen drei Viertel der Befragten, dass Ressourcenmangel eine Einschränkung ihrer Arbeit bedeute – weit stärker als politische Einflussnahme oder der Wunsch der Redaktion nach kommerziell verwertbaren Beiträgen.

Bemerkenswertes Publikumsbild

In zwei weiteren Punkten sind sich die befragten Politiker und Journalisten in Brüssel einig: Sie geben relativ wenig auf Meinungsumfragen und haben ein durchweg negatives Publikumsbild. Weder auf Politikmaßnahmen noch für die Karriere von Politikern schreiben die befragten Politiker und Journalisten der öffentlichen Meinung einen relevanten Einfluss zu. Während Kritiker einer zu starken Beachtung von Meinungsumfragen diesen Befund begrüßen dürften, stimmt das negative Publikumsbild der Brüsseler Akteure nachdenklich. 71 Prozent der Befragten, egal ob Politiker oder Journalist, stimmen der Aussage zu, dass "gewöhnliche Bürger EU-Politik ohnehin nicht verstehen". Die Brüsseler Eliten trauen ihren Wählern respektive Lesern/Zuschauern/Hörern also nicht besonders viel zu, und ihr Fatalismus trägt nicht dazu bei, dass die vielfach von europäischen und nationalen Spitzenpolitikern vorgetragenen Forderungen nach einer einfachen, klaren Sprache beim Reden über europäische Politik eingelöst werden.

Möglicherweise ist diese Haltung aber auch schlicht Ausdruck eines kaum auflösbaren Widerspruchs: In Brüssel kommunizieren Politiker und Journalisten in einem kosmopolitischen Umfeld; zugleich sind sie überzeugt, dass die heimischen Publika eine auf die national oder sogar regional relevanten Aspekte zugespitzte Kommunikation erwarten: Über sämtliche Akteursgruppen hinweg stimmen drei Viertel der Befragten der Aussage zu, dass die allgemeine Öffentlichkeit politische Botschaften nur dann versteht, wenn diese mit einem "nationalen Dreh" versehen werden. Zugleich ist es unter den Befragten Konsens, dass man für ein echtes Verständnis europäischer Politik auch andere Positionen als die eigene, nationale verstehen muss. Hier scheinen sich die Kommunikationseliten in einem echten Dilemma zu befinden, auf das viele mit Verbitterung reagieren.

Nationale beziehungsweise regionale Besonderheiten zeigen sich in Brüssel nur vereinzelt. Die Politiker und Journalisten scheinen ihre nationalen Kommunikationskulturen kaum aus dem Heimatland nach Brüssel "mitzunehmen". Eine der wenigen Ausnahmen: Befragte aus Deutschland und Österreich schätzen Boulevardmedien als relativ einflussreich ein, während unter den Befragten aus den süd- und osteuropäischen Systemen mit ihren einflussreichen Fernsehsendern vor allem Talkshowauftritte als effektiv gelten.

In der Vergangenheit wurde den Politikern und noch stärker den Journalisten in Brüssel eine Art blinde Europhilie unterstellt.[11] Unter den Befragten zeigt sich aktuell jedoch vielmehr, dass die Zufriedenheit mit der EU vor allem mit der Lage im eigenen Land zusammenhängt. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang für EU-Politiker: Diese zeigen sich besonders dann mit der EU und der europäischen Demokratie zufrieden, wenn die Interessen ihres Heimatlandes aus ihrer Sicht gut vertreten sind. Hier hat sich also ein instrumentelles Verständnis von der Zufriedenheit mit europäischer Demokratie entwickelt.

Eine letzte übergreifende Gemeinsamkeit bei der Kommunikation in der europäischen Mehrebenenöffentlichkeit zeigt sich in den Antworten auf die Frage nach den Netzwerken: Mit Ausnahme der Journalisten von transnational orientierten Elitemedien berichten die Befragten durchweg, dass sie mehr Kontakte mit Politikern respektive Journalisten aus dem eigenen Land haben als mit solchen aus den übrigen EU-Mitgliedstaaten. Dieser Befund muss nicht zwingend überraschen – aber er deutet doch darauf hin, dass im multinationalen Brüsseler Kommunikationsumfeld zumindest für Korrespondenten nationaler Medien der Bezug zum heimischen Publikum das Kommunikationsverhalten maßgeblich prägt. Die Politiker tun das Ihre, um in den für sie relevanten nationalen Medien aufzutauchen: Hintergrundgespräche werden häufig auf die Bedürfnisse von Journalisten aus dem eigenen Land optimiert; vor jedem Gipfel- und fast jedem Ministertreffen und auch danach organisieren die Ständigen Vertretungen Pressekonferenzen, die mehrheitlich von Journalisten aus dem eigenen Land frequentiert werden. Wenn in der Folge in den nationalen Medien vorrangig die Positionen der nationalen Spitzenpolitiker berichtet werden, kann dies nicht verwundern. Diese "nationale Versäulung" wird schon lange beklagt[12] – auch sie bedingt eine nur langsam voranschreitende Europäisierung der medialen Berichterstattung. Darauf deutet auch der Befund hin, dass jene Brüsseler Akteure, die sich in einem internationalen Netzwerk bewegen, tendenziell seltener zu einer national verengten Kommunikation von EU-Politik neigen.

Fußnoten

9.
Vgl. Leif Kramp/Stephan Weichert, Die Meinungsmacher. Über die Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus, Hamburg 2010.
10.
Vgl. Journalists @ Your Service/APCO Worldwide, Media Relations and Europe – From the Journalist’s Perspective, Mai 2008, https://kosmopolit.files.wordpress.com/2008/06/apco-survey.pdf«.
11.
Siehe hierfür beispielhaft Baisnée (Anm. 8).
12.
Vgl. Stefan Tobler, Zur Emergenz transnationaler Öffentlichkeiten. Konfliktinduzierter Kampf um Definitionsmacht und transnationale Kommunikationsverdichtung im Politikprozess "Internationale Steuerpolitik im EU-und OECD-Raum", in: Kurt Imhof/Otfried Jarren/Roger Blum (Hrsg.), Integration und Medien, Mediensymposium Luzern, Bd. 7, Integration und Medien, Wiesbaden 2002.
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