Junger Mann zieht ein T-Shirt mit einem Europa-Stern an.

18.1.2019 | Von:
Jan Georg Plavec

Gemütliche Blase? Zur Brüsseler Kommunikationskultur

Homogenität mit Brüchen

Die geschilderten Ergebnisse deuten darauf hin, dass es tatsächlich eine relativ homogene Brüsseler Kommunikationselite gibt. Dennoch ergeben sich durchaus Unterschiede, wenn man die Einstellungen von Politikern und Journalisten kontrastiert. So divergieren in Brüssel (wie auch in nationalen Kommunikationskulturen) das Selbst- und Fremdverständnis der Akteure erheblich. Sowohl Politiker als auch Journalisten sehen sich selbst in einer neutral informierenden, am Gemeinwohl orientierten Kommunikationsrolle – unterstellen der Gegenseite aber jeweils, sich stärker von egoistischen oder politisch motivierten Beweggründen leiten zu lassen.

Bei keiner der vier Dimensionen der Kommunikationskultur unterscheiden sich die Einstellungen der Brüsseler Politiker stärker von denen der Journalisten als bei den Rollenbildern. Solche Differenzen sind allerdings vor dem Hintergrund der Ergebnisse zu nationalen Kommunikationskulturen zu erwarten oder zu einem bestimmten Maß sogar zu begrüßen – schließlich verfolgen Politiker und Journalisten per definitionem unterschiedliche Kommunikationsziele, und eine gewisse Skepsis bezüglich der Beweggründe des Gegenübers schadet einer unabhängigen und kritischen Berichterstattung keineswegs.

Auf die Frage, was am Journalismus im EU-Kontext besonders kritikwürdig ist, stören sich die befragten Politiker besonders an einer zu seichten (56 Prozent) sowie einer vorrangig auf taktische Aspekte beschränkten Berichterstattung (62 Prozent). Allerdings ist der Anteil der Journalisten, die diese Kritik ebenfalls vorbringen, ebenfalls hoch (45 Prozent). Insgesamt fallen die Unterschiede, wie Politiker und Journalisten die Brüsseler Kommunikationskultur einschätzen, in weiten Teilen geringer aus als in nationalen Kommunikationskulturen. Allerdings können die EU-Politiker nicht durchweg als in sich homogene Gruppe betrachtet werden. Insbesondere die EU-Abgeordneten stechen heraus. Sie fühlen sich den Medien gegenüber in einer relativ schwachen Position und sie bevorzugen eher Gesprächspartner mit einer ähnlichen politischen Haltung. 61 Prozent der befragten Abgeordneten sehen sich in der Rolle des Selbstdarstellers, unter den Vertretern von Kommission und Rat sieht sich nicht einmal jeder Dritte so. Als Vorkämpfer für politische Positionen sehen sich vier von fünf befragten Parlamentariern, in Rat und Kommission ist das nur bei jedem zweiten der Fall. Diese Befunde bilden neben der Verteilung von Macht nicht zuletzt die Rolle des EU-Parlaments als "politischster" EU-Institution ab.

Auch innerhalb des Korrespondentenkorps gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen. Wenn Journalisten für eine nicht national definierte Zielgruppe berichten, sehen sie sich stärker als kritischer Watchdog. Auch empfinden die Journalisten bei solchen Medien mehr Einfluss auf die EU-Politik und pflegen mehr internationale Kontakte. So gesehen wird von den Vertretern von Medien wie der "Financial Times" oder "Politico" eine wahrhaft europäische Kommunikationspraxis gelebt – wobei diese Journalisten berichten, erheblich häufiger mit Vertretern von Kommission und Rat oder Ständigen Vertretungen Kontakt zu haben als mit EU-Abgeordneten. Diese orientieren sich, möglicherweise auch wegen des Kontakts zu ihrem Elektorat und der offensichtlichen Wiederwahlabsicht, stärker hin zu Journalisten aus ihrem Heimatland.

So ist mit Blick auf die Publikumsausrichtung der Akteure zwar keine Spaltung, aber doch eine geteilte Orientierung festzustellen: Korrespondenten nationaler Medien haben häufiger mit EU-Abgeordneten (aus ihrem eigenen Land) und vor allem mit einheimischen Politikern Kontakt, während bei Journalisten für transnational orientierte Medien die Nationalität eine untergeordnete Rolle spielt und diese sich stärker hin zu den Institutionen Kommission und Rat orientieren. Insgesamt zeigen sich innerhalb der Kommunikationseliten durchaus unterschiedliche Einstellungssets entlang der von Institutionen und Publikumsausrichtung des Mediums vorgegebenen Grenzen. Das Mehrebenensystem EU scheint also eine Hürde für eine vollständige Homogenisierung der politischen und kommunikativen Eliten in Brüssel zu sein.

Was die kommunikativen Folgen eines möglichen Erstarkens der Europaskeptiker bei der Europawahl 2019 betrifft, wird man abwarten müssen, wie die Wahl tatsächlich ausgeht. Die Ergebnisse meiner Umfrage zeigen jedoch: Jene Brüsseler Akteure, die mit der EU insgesamt unzufrieden sind und eine weitere politische Integration nicht befürworten, haben nur moderat andere Kommunikationseinstellungen als der tendenziell europafreundliche Brüsseler Mainstream. Zwar nehmen europaskeptische Politiker und Journalisten eher politischen Druck auf die Berichterstattung wahr, und gleichzeitig empfinden sie das Verhältnis zur jeweils anderen Gruppe als konfliktreicher. Im Wesentlichen halten Europaskeptiker aber dieselben Output-Strategien für zielführend und haben auch keinen ausgeprägten Hang, die klassischen Medien zu meiden. Scheinbar hatten sich die Europaskeptiker, die insbesondere im Parlament zu finden sind, zum Zeitpunkt der Erhebung 2016 in der kommunikativen Brüsseler Realität eingerichtet. Das sagt indes wenig darüber aus, ob und mit welcher Tonalität diese Akteure etwa über Social-Media-Kanäle ihre europaskeptische bis -feindliche Agenda befördern.

Der Kontext entscheidet

Der detaillierte Blick auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei den Einstellungen der Politiker und Journalisten in Brüssel zeigt, dass sich unter den dortigen Kommunikationseliten eine weitgehend einheitliche Kommunikationskultur herausgebildet hat. Diese Gemeinsamkeiten erklärt die Kommunikationsforschung mit dem gemeinsamen Kommunikationskontext: Die Politiker und Journalisten werden in Brüssel sozialisiert, und zwar binnen sehr kurzer Zeit, wie ein Vergleich der Werte von erfahrenen und unerfahrenen Akteuren zeigt. Allerdings legen sich die Einflüsse der europäischen Mehrebenenstruktur über die Brüsseler Einheitlichkeit: Weil massenmediale EU-Kommunikation von Brüssel aus ihren Weg in die (noch) 28 nationalen Publika finden muss, spielen nationale Bedürfnisse und Besonderheiten sowie die Stellung der Akteure in der Brüsseler Macht- respektive Medienhierarchie eine zentrale Rolle bei der Vermittlung politischer Botschaften. Deutlich wird insbesondere, dass zahlreiche Politiker und Journalisten EU-Politik in Brüssel zwar gesamteuropäisch verstehen – sie dann aber doch mit einer nationalen Perspektive vermitteln.

Für die Berichterstattung in den Massenmedien bedeutet dies, dass eine Europäisierung – verstanden als eine Weitung des Horizonts hin zu einem vollständigeren Bild politischer Aushandlungsprozesse auf europäischer Ebene – weiterhin nur in Trippelschritten vorankommen wird. Ob eine Beschleunigung dieses Prozesses aus dem Mediensystem selbst kommen kann, ist mehr als fraglich. Stattdessen zeigt die Befragung der Brüsseler Kommunikationseliten, dass insbesondere die tonangebenden Politiker ihr Kommunikationsverhalten stärker europäisieren müssten – sowohl mit Blick auf ihre inhaltlichen Aussagen, als auch durch eine verstärkte Ansprache von Journalisten nicht vorrangig aus dem eigenen Land. Ein weiterer Weg wäre – gerade jetzt zur Europawahl – die Aufstellung gesamteuropäischer Wahllisten und Umsetzung entsprechender Kampagnen. Ob die meisten Politiker in Brüssel und den europäischen Hauptstädten just das wollen, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt.

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