APUZ Dossier Bild

1.4.2004 | Von:
Cathy Cramer
Stefan Schmitz

"Die Welt will Stadt" - Entwicklungszusammenarbeit für das "Urbane Jahrtausend"

Wenn die Potenziale der Städte in Entwicklungsländern optimal genutzt werden, können sie - wie in den Industrieländern - Motor wirtschaftlicher Entwicklung sein. Hier kann kommunale Entwicklungszusammenarbeit hilfreich sein.

Neue Dimensionen der Urbanisierung

Erstmals in der Geschichte der Menschheit leben heute mehr Menschen in städtischen Siedlungen als in ländlichen (siehe Abbildung 1 in der Printversion bzw. im PDF-Dokument dieser Ausgabe, Seite 12).[1] Fortschreitende Industrialisierung, Zunahme von Verkehr und Mobilität, Technologieschub und -transfer vor allem im Bereich der Telekommunikation sowie der Wunsch nach individuellen Chancen und Teilhabe an urbanen Lebensstilen sind dafür verantwortlich, dass in den Industriestaaten bereits seit längerem, in den letzten Jahrzehnten aber auch in Lateinamerika der Verstädterungsgrad[2] mehr als 75 Prozent beträgt.[3]







In Asien und Afrika lebt zwar noch eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung auf dem Land, aber gerade in diesen Ländern ist - gleichsam im Zuge einer "nachholenden Verstädterung" - die Wachstumsrate der urbanen Bevölkerung am größten.[4] Dabei liegt Afrika mit einer jährlichen Zunahme der städtischen Bevölkerung um knapp fünf Prozent vor Asien mit rund 3,8 Prozent. Die Unterschiede im Verstädterungstempo sind innerhalb des Kontinents enorm. So schwankt das erwartete Wachstum der städtischen Bevölkerung in Afrika für den Zeitraum 2000 bis 2005 zwischen ein und zwei Prozent in Schwellenländern wie Tunesien, Ägypten und Südafrika und reicht bis über sechs Prozent in einigen der ärmsten Entwicklungsländer wie etwa Eritrea, Liberia, Sierra Leone und Burundi.[5] In Asien werden Indien, China und Indonesien ihre Stadtbevölkerung bis zum Jahr 2030 gegenüber 1990 jeweils verdoppelt haben. Dies ist eine enorme Herausforderung für Asien, zumal beispielsweise die Stadtverwaltung von Mumbai, einer Megacity mit über 18 Millionen Einwohnern, für Investitionen nur 1,2 Milliarden US-Dollar jährlich zur Verfügung hat. Demgegenüber verfügt New York mit knapp 17 Millionen Einwohnern über 40 Milliarden US-Dollar.[6]

Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass sich die Stadtbevölkerung in den Entwicklungsländern innerhalb der nächsten 30 Jahre von zwei auf vier Milliarden Menschen verdoppeln wird.[7] Zwei Drittel der Weltbevölkerung leben dann in Städten. Für diese enorme Dynamik gibt es in der Geschichte keine Vorbilder. Kofi Annan, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, kennzeichnet das neue Jahrtausend daher als "das Jahrtausend der Städte".

Der Grund für das starke Städtewachstum in den Ländern des Südens ist nicht mehr überwiegend die Zuwanderung aus ländlichen Gebieten, sondern das hohe Eigenwachstum der Städte.[8] Dort ist die durchschnittliche Kinderzahl der Frauen zwar meist geringer als in ländlichen Gebieten, dennoch ergibt sich durch die in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich erfolgte Zuwanderung überwiegend junger Menschen und Familien insgesamt ein hoher Geburtenüberschuss. Zwei von drei Kindern, die heute in den Entwicklungsländern geboren werden, wachsen in Städten auf.[9] Die Zahl der Landbevölkerung wird dagegen langfristig kaum mehr steigen.[10]

Die Urbanisierung nimmt heute in vielen Ländern des Südens einen anderen Verlauf als den, welchen wir in den letzten Jahrhunderten kennen lernten. Während sich in Europa, Nordamerika und einigen anderen Weltregionen mit langen städtischen Traditionen aus sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Gründen komplexe, ausgewogene Städtesysteme herausgebildet haben, konzentriert sich in den Entwicklungsländern heute die Zunahme städtischer Bevölkerung überwiegend auf wenige große Städte.[11] Sichtbarster Ausdruck der neuen Form urbanen Wachstums sind die so genannten Megastädte mit bisher nicht gekannten Dimensionen (siehe Tabelle in der Printversion bzw. im PDF-Dokument dieser Ausgabe, Seite 14).

Bis zum Jahr 2015 wird es nach Berechnungen der Vereinten Nationen weltweit 358 Millionenstädte geben, 153 davon in Asien. Dort werden auch 18 der erwarteten 27 Megastädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern liegen. In den Industriestaaten werden dagegen die bestehenden sechs Megastädte nicht weiter anwachsen und sich keine weiteren Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern herausbilden.


Fußnoten

1.
Vgl. Population Reference Bureau, World Population Beyond Six Billion, Washington D.C. 1999, S. 3. Die Angaben schwanken je nach Berechnungsart und statistischem Stadtbegriff der verschiedenen Länder. Überwiegend wird jedoch "Stadt" als Ort mit mehr als 2000 Einwohnern definiert. Dabei gilt es zu beachten, dass sich städtische und ländliche Lebensformen nicht unmittelbar über die Größe der Stadt bestimmen lassen und teilweise ineinander übergehen: Dörfliche Lebensstile und Traditionen sind unter Bewohnern der großen Städte ebenso zu finden wie etwa hochmoderne, telekommunikationsgestützte Lebens- und Arbeitsformen in unverdichteten Siedlungsräumen.
2.
Als Verstädterung wird hier die Zunahme der Bewohner von Städten, deren Fläche sowie der Anzahl der Städte bezeichnet (vgl. Diercke-Wörterbuch Allgemeine Geographie, München-Braunschweig 1997). Der Begriff Urbanisierung beinhaltet darüber hinaus den Bezug auf die Herausbildung städtischer Lebensstile.
3.
Vgl. Peter Hall/Ulrich Pfeiffer, URBAN 21. Der Expertenbericht zur Zukunft der Städte, Stuttgart-München 2000.
4.
Vgl. Population Reference Bureau (Anm. 1), S. 3.
5.
Vgl. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, UNFPA Weltbevölkerungsbericht 2002. Wege aus der Armut: Menschen, Chancen und Entwicklung, S. 84 ff., Hannover 2003: (www.dsw-online.de).
6.
Vgl. Rakesh Mohan (Reserve Bank of India), The Twenty First Century - Asia becomes Urban, Vortrag gehalten auf dem urbanen Symposium 2003 der Weltbank in Washington D.C. 2003.
7.
In den Industrieländern wird dagegen nur eine Steigerung von 0,9 Milliarden auf 1,0 Milliarden Menschen in den Städten erwartet.
8.
Neben diesem Haupterklärungsmuster für das Städtewachstum führen Naturkatastrophen wie Dürre und Überschwemmungen und politische Prozesse wie Vertreibung und Bürgerkriege dazu, dass Menschen Zuflucht in Städten suchen. Verstädterung kann damit auch einen zeitlich spezifisch begründeten, sehr dynamischen, teilweise chaotischen lokalen oder regionalen Prozess darstellen.
9.
Vgl. Stiftung Entwicklung und Frieden, Globale Trends 2002, hrsg. von Ingomar Hauchler/Dirk Messmer/Franz Nuscheler, Frankfurt/M. 2001.
10.
Vgl. ebd.
11.
Nach inoffiziellen Schätzungen der Weltbank aus dem Jahr 2002 wird die Einwohnerzahl von Städten zwischen 100 000 und 10 Millionen Einwohnern bis zum Jahr 2030 weltweit um 97 Prozent, die der Megastädte mit über 10 Millionen Einwohner um 91 Prozent steigen. Städte mit unter 100 000 Einwohnern werden einen Zuwachs um 73 Prozent ihrer Bewohner verzeichnen.