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11.3.2004 | Von:
Wolfgang E. Heinold
Ulrich Spiller

Der Buchhandel in der Informationsgesellschaft

Die Preisbindung: Segen oder Hemmschuh?

Doch auf dem Weg zum "Erlebnishandel" steht sich die Branche womöglich selbst im Wege - durch die Preisbindung für Bücher. Die Buchbranche ist der einzige Sektor in der Bundesrepublik Deutschland, für den eine Preisbindung gesetzlich vorgeschrieben ist. Dabei kam das Gesetz, das seit dem 1. Oktober 2002 gilt, auf Betreiben der Branche zustande. Aber es hat ihr keineswegs die Ruhe beschert, die sie sich davon versprochen hatte.

Außenstehenden ist kaum zu erklären, weshalb ein mächtiger Anbieter wie das Versandhaus Weltbild Parallelausgaben - wenn auch in etwas anderer Ausstattung - als Preis-Hits herausbringt. Genauso wenig ist dem Mitglied eines Buchclubs verständlich zu machen, warum es Neuerscheinungen später als andere Käufer erhalten soll. Der klassische Buchhandel läuft gegen solche Parallelausgaben zeitgleich zur Buchhandelsausgabe Sturm; der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat gegen sein Mitglied, den Bertelsmann Club, sogar einen Prozess angestrengt. Er beruft sich auf ungeschriebene Grundsätze und brancheninterne Abkommen, wenn er dem Buchclub ein "Spiel mit dem Feuer" vorwirft.[5]

Derzeit lotet der Buchhandel den Spielraum für Zugeständnisse an die Käufer im Rahmen der Preisbindung aus. Immerhin kann er sich an Kundenbindungssystemen beteiligen und z.B. Prämien auf Kunden-Sammlerkarten oder bei Miles & More-Programmen vergeben. Skonti hingegen sind unzulässig; selbst die Einräumung von Zahlungszielen ist nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) gesetzeswidrig. Wie diese Entscheidung im buchhändlerischen Alltag umgesetzt werden soll, darüber hat sich der höchste Gerichtshof keine Gedanken gemacht. Auch das Landgericht Düsseldorf hat aufgrund der Gesetzeslage kürzlich ähnlich entschieden. Folgt man den Richtersprüchen, dürfte kein Buchhändler mehr preisgebundene Bücher auf Rechnung ohne Kreditzuschlag verkaufen - eine wirklich weltfremde juristische Vorstellung. Ein vermeintlicher Segen für die Branche (als solcher wird das Zustandekommen des Gesetzes nach jahrelangem Kampf gegen die Europäische Union betrachtet) verkehrt sich so aus unserer Sicht eher in das Gegenteil.


Fußnoten

5.
Jürgen Könnecke, Spiel mit dem Feuer, in: Börsenblatt. Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, 170 (2003) 45, S. 11.