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11.3.2004 | Von:
Wolfgang E. Heinold
Ulrich Spiller

Der Buchhandel in der Informationsgesellschaft

Zukäufe, Fusionen und Perspektiven

"Der Medienbereich zählt in den kommenden Jahren zu einem der attraktivsten Felder für Beteiligungsgesellschaften", konstatiert Christian Stahl von der Private Equity und Venture Capital-Beratungsgesellschaft Apax Partners.[13] Diese Erkenntnis mag für internationale Investorengruppen nicht neu sein; in der deutschen Buchbranche sind diese im Jahr 2003 jedoch erstmals in größerem Umfang in Erscheinung getreten. So übernahm die Londoner Investorengruppe Cinven und Candover die wissenschaftlich orientierte BertelsmannSpringer-Gruppe (Jahresumsatz: 730 Mio. Euro).

Hinter der Verkaufsentscheidung steht ein Strategiewandel des Gütersloher Bertelsmann-Konzerns, der nun im Verlagsbereich auf den Publikumsmarkt setzt und sich daher von seinen in der BertelsmannSpringer-Gruppe zusammengefassten Wissenschafts- und Fachverlagen getrennt hat. Zugleich will der Konzern die im Tochterunternehmen Random House gebündelten Publikumsaktivitäten im deutschsprachigen Raum mit einem groß angelegten Zukauf entscheidend verstärken.

Anfang 2003 wurde bekannt, dass die Axel Springer AG - nicht zu verwechseln mit der nun wieder unter dem Namen Springer Science + Business Media firmierenden ehemaligen BertelsmannSpringer-Gruppe - die Verlagsgruppe Ullstein Heyne List an Bertelsmann verkauft habe. Hier griff aber das Kartellamt ein. Nach einer langen Zitterpartie für die Beteiligten entschied es schließlich im vergangenen November, dass Random House - das mit Goldmann im Taschenbuchmarkt bereits über einen interessanten Marktanteil verfügt - den Heyne Taschenbuchverlag übernehmen darf; im Oktober 2003 hatte der schwedische Konzern Bonnier bereits Econ Ullstein List und einige weitere Verlage aus dieser Gruppe herausgekauft - unter der Voraussetzung, dass das Kartellamt die Übernahme von Heyne durch Random House genehmigt. Weltweit erzielt die Buchhandelssparte des Medienkonzerns Bertelsmann einen Umsatz von über 2,1 Milliarden Euro, davon zwei Drittel in Nordamerika.

Keine Chance bei diesem Deal hatte der bisherige Geschäftsführer der Ullstein Heyne List-Gruppe, der in der Branche vor allem wegen seiner Politik des Lizenzeinkaufs nicht unumstrittene Christian Strasser; für das geplante Management Buy-Out hatte Strasser sich der Hilfe einer Schweizer Investorengruppe versichert.[14] Mit dem Übergang der Anteile an Bonnier bzw. Random House ist er aus der Gruppe ausgeschieden. Ähnlich erging es Jürgen Richter, dem früheren Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, der jahrelang erfolgreich die Geschäfte von BertelsmannSpringer geführt hatte. Gemeinsam mit den Finanzinvestoren Blackstone und CVC Capital-Partners hatte er versucht, die Gruppe vom Bertelsmann-Konzern zu erwerben - vergeblich.

Nach dem Verkauf von Ullstein Heyne List verblieb zunächst - fast unbemerkt von der Öffentlichkeit - noch die aus mehreren renommierten Wissenschafts- und Kunstverlagen bestehende Weltkunst-Gruppe bei der Axel Springer AG. Doch auch diese wurde im Herbst 2003 verkauft - und zwar an einen im Verlagsbereich bisher ebenfalls noch nicht aufgetretenen Investor: die Starnberger Arques-Group.

Die schwedische Bonnier-Gruppe ist mit dem Zukauf von Econ Ullstein List im deutschsprachigen Raum erheblich gewachsen; schon zuvor war sie mit dem Verlag Carlsen ("Harry Potter") in Hamburg, dem Piper Verlag und der ars edition in München und einigen kleineren Verlagen eine wichtige Größe. In fast allen Berichten über die Gruppe bleibt unerwähnt, dass diese mit Hoppenstedt in Darmstadt schon vor Jahren einen der wichtigsten Fach- und Informationsverlage der Bundesrepublik erworben hat; dies zeigt die Einäugigkeit der Berichterstattung, die sich meist auf den Publikumsmarkt konzentriert (vgl. Schaubild5).

Wenig Freude hatten und haben einige Konzerne mit ihren Buchverlagen. So trennte sich - wie erwähnt - die Axel Springer AG im Jahr 2003 endgültig von allen Buchaktivitäten. Bei der "Süddeutschen Zeitung" tragen die angeschlossenen Verlage der SV-Hüthig Fachinformationen (SVHFI) offensichtlich nach wie vor zu dem erheblichen Jahresverlust bei. Die FAZ-Gruppe in Frankfurt - vor allem durch Anzeigenrückgänge bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in wirtschaftlicher Bedrängnis - ließ im Oktober 2002 wissen, dass sie sowohl das Belletristik- und Sachbuchprogramm als auch ihre Fachzeitschriften und den Fachverlag ihrer Tochter Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) in München und Stuttgart zu verkaufen gedenke. Nachdem der Fachverlag im April 2003 an den Konradin-Verlag übergegangen war, ist es um die Verkaufsabsichten der Buchtochter inzwischen still geworden.

Neben ausländischen Gruppen wie Reed-Elsevier und Wolters Kluwer, die durch Zukäufe Marktanteile in Deutschland erworben haben, sind namhafte ausländische Verlage wie Flammarion aus Frankreich und Dorling Kindersley aus England mit Neugründungen in den deutschen Markt eingetreten. Hatten sie bisher deutschen Verlagen Lizenzen für Titel erteilt, die dann unter deren Label erschienen, agieren sie nun als eigenständige Marktteilnehmer. Umgekehrt sind zahlreiche deutsche Fachverlage als Firmengründer in den Staaten des früheren Ostblocks - vor allem mit Fachzeitschriften - aktiv geworden.[15]

Aufsehen erregte der Bad Homburger Unternehmer Ludwig Fresenius. Im Jahr 2000 trat der damals Sechzigjährige einen Teilrückzug aus dem aktiven Berufsleben an und trennte sich von der Mehrheit seiner Firmenanteile. Im September 2002 beteiligte er sich mit drei weiteren Investoren zu 70 Prozent an der angeschlagenen Fuldaer Verlagsagentur (FVA) und erwarb damit auf indirektem Weg eine Beteiligung von 31,4 Prozent an der zur Gruppe gehörenden Eichborn AG. Inzwischen hat Fresenius seinen Anteil am Verlag um zehn Prozent aufgestockt. Mit diesem Aktienanteil verweigerte er bei der Hauptversammlung der Eichborn AG die Entlastung des Vorstands Mathias Kierzek für das Geschäftsjahr 2002; auch der Aufsichtsrat wurde nicht entlastet. Die Begründung: Notwendige Sanierungsmaßnahmen seien nicht rechtzeitig eingeleitet worden. In der Tat war 2002 ein Verlust von 4,7 Millionen Euro entstanden. Fresenius Kritik am Kurs des Eichborn Verlages betrifft einen Fehler, den offensichtlich viele Verlage machen: "Eichborn hat sich nicht auf seine Kernkompetenzen konzentriert. Wenn ein Unternehmen gleichzeitig in so viele Richtungen marschiert, würde das sogar einen Großkonzern überfordern. Eichborn hat sich im 'Fünfzigkampf` versucht."[16]

Die Machtkämpfe im Hause Suhrkamp nach dem Tod des Verlegers Siegfried Unseld lieferten insbesondere dem Feuilleton reichlich Stoff. Die Verlegerwitwe Ulla Unseld-Berkéwicz, bisher Geschäftsführerin der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung (der Mehrheitsgesellschafterin des Suhrkamp-Verlages), übernahm nach einer Umstrukturierung des Verlages im vergangenen Oktober selbst die Position der Sprecherin der Geschäftsführung; der von Siegfried Unseld eingesetzte alleinige verlegerische Geschäftsführer Günter Berg wurde zum Stellvertreter herabgestuft und verließ im November nach dreizehn Jahren das renommierte Verlagshaus. Der noch von Siegfried Unseld berufene, hochkarätig besetzte Stiftungsrat trat daraufhin geschlossen zurück. Suhrkamp wurde mit einem Schlag "zu einem normalen Verlag"[17].


Fußnoten

13.
Sybille Fuhrmann, Kurzerhand filetiert, in: Börsenblatt. Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, 170 (2003) 41, S. 12 - 15.
14.
Anmerkung der Redaktion: Übernimmt die Geschäftsführung die Anteile einer Gesellschaft mehrheitlich, so spricht man von einem Management Buy-Out (MBO). In der Regel finden solche Transaktionen aber nicht nur aus dem Privatvermögen der Geschäftsführung statt, sondern unter Zuhilfenahme einer Bank oder anderer Finanzinvestoren.
15.
Anmerkung der Redaktion: Zum Auslandsengagement deutscher Medienkonzerne siehe auch den Beitrag von Insa Sjurts in dieser Ausgabe.
16.
"Ich wollte ein Zeichen setzen", in: Börsenblatt. Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, 170 (2003) 36, S. 23.
17.
Hendrik Markgraf, Was auf dem Spiele steht, in: Börsenblatt. Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, 170 (2003) 50, S. 3.