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24.2.2004 | Von:
Mangol Bayat-Philipp

Die Beziehungen zwischen den USA und Iran seit 1953

Der Sturz von Mosaddeq

Zu Beginn des Jahres 1950 änderten die USA ihre globale Strategie. Damit einher ging eine grundlegende Neueinschätzung der Politik gegenüber Iran. Vor dem Hintergrund sowjetischer Kernwaffentests und der Etablierung einer kommunistischen Regierung in China entwickelten US-Regierungsvertreter eine aggressivere Strategie zur Eindämmung des sowjetischen Expansionismus. In der Studie des Nationalen Sicherheitsrates NSC-68 vom April 1950 wurde "eine erneuerte Initiative im Kalten Krieg"[4] gefordert. Erstmals tauchte der Begriff "perimeter defense" auf. Die US-Führung verstärkte die militärische Präsenz in der Region und die Wirtschaftshilfen für Länder, "die wie Iran an der Peripherie der sowjetischen Einflusssphäre liegen". US-Politiker äußerten erstmals ihre Sorge hinsichtlich der politischen Stabilität Irans. Die"Nationale Front", eine Organisation, die unter der Führung von Mohammad Mosaddeq allenationalistischen Parteien zusammenbrachte, baute ihre Macht in der politischen Arena aus, und die Tudeh-Partei, seit einem gescheiterten Mordanschlag auf den Schah 1949 geächtet, nahm ihre Aktivitäten wieder auf. Nach Teheran entsandte Regierungsvertreter kehrten mit alarmierenden Berichten über eine "gefährliche und explosive" Situation in die USA zurück und warnten vor der Möglichkeit, dass Iran "ein neues China" werden könne.[5] So wurde ein Vier-Punkte-Programm entwickelt, das darauf zielte, den USA eine entscheidende Rolle in innenpolitischen Angelegenheiten Irans zu sichern.

Mohammad Mosaddeq wurde 1951 zum Premierminister ernannt. Die Dachorganisation "Nationale Front", der er vorstand, warb für die Nationalisierung des iranischen Öls, das bis dahin im Rahmen der so genannten Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) in britischem Besitz war. Die Mitglieder der Organisation - die weltlichen, modernistischen liberalen Parteien - teilten dieses Ziel mit der Tudeh-Partei.

Will man die alarmierenden Beschreibungen der US-Regierungsvertreter über Iran bewerten, sollte man die immense Popularität der Mosaddeq-Regierung nicht unterschätzen. Ein halbes Jahrhundert Reformen hatte eine gebildete, moderne akademische Mittelschicht geschaffen, politisch anspruchsvoll und bereit, Macht zu übernehmen. Sie bildete weder eine neue Elite noch agierte sie in einem sozialen Vakuum. Eine wachsende Arbeiterklasse, eine nationalistisch gesinnte Schicht von Händlern und eine militante Schicht von Oberschülern und Universitätsstudenten bildeten ein eindrucksvolles, die Klassengrenzen überschreitendes Wählerpotenzial für die "Nationale Front". "Auch wenn Großbritannien und verschiedene iranische Akteure offensichtlich wichtige Beiträge zum Sturz von Mosaddeq leisteten, lässt sich aus der Beweislage schließen, dass das Mosaddeq-Regime wahrscheinlich überlebt hätte, wenn die USA nicht eingegriffen hätten."[6] Die Tudeh-Partei konnte hinsichtlich der Popularität nicht mit Mosaddeq konkurrieren. Zudem wurde sie von britischen und US-amerikanischen Geheimagenten infiltriert; diese inszenierten fingierte kommunistische Straßendemonstrationen und provozierten abscheuliche Taten, um in der Öffentlichkeit Angst vor der Gruppierung zu schüren.[7]

Die "Operation Ajax" - so der Codename des Putsches der Geheimdienste CIA und MI6 - wurde mit Verweis auf eine unmittelbar drohende kommunistische Machtübernahme gerechtfertigt. Es war das erste Mal in dieser Region, dass die Vereinigten Staaten eine ausländische Regierung stürzten. Der Putsch markierte auch den Beginn einer politischen Vorherrschaft der USA im Mittleren Osten - auf Kosten des Verbündeten Großbritannien. Dieser verlor überdies sein Monopol auf das iranische Öl, als ein Konsortium internationaler - meist amerikanischer - Firmen die Rechte an Produktion und Export übernahm und der iranischen National Oil Company einen Teil der Exportentscheidungen sowie Exklusivrechte in inländischen Öl-Angelegenheiten überließ.[8] Die Sowjetunion hatte nichts zu verlieren - mit Ausnahme des Vertrauens der iranischen Kommunisten. Die Rechtfertigung des Putsches mit dem Kalten Krieg war nichts weiter als eine Verschleierung der weit komplexeren geo-ökonomischen Strategie, die dahinter stand.[9]

Inzwischen ist bekannt, dass Harry S. Truman und seine Regierung - trotz ihrer Sorge um den Schutz der Peripherie - nicht an eine unmittelbare Bedrohung in Iran glaubten und keine Notwendigkeit sahen, Mosaddeq zu stürzen. Tatsächlich fiel die Entscheidung zwei Wochen nach der Übernahme des Präsidentenamtes durch Dwight D. Eisenhower - obwohl es im US-Außenministerium, bei der CIA und unter Experten Widerstand gegen die Intervention gab. Die neue Regierung formulierte eine neue globale Strategie, die als "New Look" bekannt wurde. Dabei handelte es sich um eine Fortschreibung des Truman'schen Ansatzes der Peripherie-Verteidigung; mit ihr sollten aggressivere verdeckte Aktionen vorangetrieben werden. Die Brüder John und Allen Foster Dulles übernahmen die Kontrolle der amerikanischen Außenpolitik, der eine als Außenminister, der andere zunächst als stellvertretender Direktor und später als Direktor der CIA.[10] Iran diente als Testfall: Das Land sollte ein Satellitenstaat werden, politisch stabil und wirtschaftlich fähig, ein rasches Modernisierungsprogramm zu stützen, das der Gesellschaft zugute kommen und das Image der USA in der Welt verbessern sollte. Bis 1955 wandelte sich Iran "von einer schwachen Nation, die traditionell eine 'neutrale` Position in internationalen Angelegenheiten einnahm, zu einem Aktivposten gegen den Kommunismus"[11]. Für die US-Führung war Iran "von entscheidender Bedeutung" für die nationale Sicherheit und bot eine Basis für die Durchführung nachrichtendienstlicher Operationen gegen die Sowjetunion, für grenzüberschreitende Spionage und, ab 1957, für die elektronische Überwachung militärischer Einrichtungen in Zentralasien. Die verdeckten Aktionen der CIA halfen dem Pahlewi-Regime bei der Aufdeckung oppositioneller Netzwerke sowie staatsgefährdender Verschwörungen. Schon im Herbst 1953 kam ein US-Oberst nach Teheran, um dort eine neue nachrichtendienstliche Einheit aufzubauen, die dann offiziell dem iranischen Militär unterstellt wurde. Das nachrichten- und sicherheitsdienstliche Netz des ganzen Landes wurde auf diese Weise zentralisiert und zu einer hoch effizienten, modernen und mächtigen Organisation ausgebaut, die alle Bedrohungen der monarchischen Diktatur abwehrte. Die berüchtigte SAVAK war das mächtigste Instrument des Pahlewi-Regimes zur Kontrolle aller Bereiche des öffentlichen Lebens. Die Auslandssektion unterstützte die USA beim Sammeln nachrichtendienstlicher Informationen und bei der Implementierung ihrer Politik in der Region. Der israelische Geheimdienst Mossad unterstützte die CIA beim Training und bei der Ausrüstung der SAVAK-Mitarbeiter.


Fußnoten

4.
M. Gasiorowski, U.S. Foreign Policy and the Shah. Building a Client State in Iran, Ithaca 1991, S. 55.
5.
Ebd., S. 56.
6.
Ebd., S. 80.
7.
Vgl. ebd., S. 68f.
8.
Vgl. J.A. Bill/W. M. Roger Louis (Hrsg.), Musaddiq, Iranian Nationalism, and Oil, Austin 1988.
9.
Vgl. ebd., S. 192.
10.
Vgl. J.L. Gaddis, Strategies of Containment, New York 1982, Kap. 5.
11.
U.S. National Security Council, U.S. Policy toward Iran (NSC 5504), January 15, 1955, S. 1, zit. in: M. Gasiorowski (Anm. 5), S. 95.