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24.2.2004 | Von:
Mangol Bayat-Philipp

Die Beziehungen zwischen den USA und Iran seit 1953

Carters Politik als Katalysator der Revolution

Die Menschenrechtspolitik von US-Präsident Carter und seine Entschlossenheit, die amerikanischen Waffenverkäufe zu reduzieren und auf die Regionen zu beschränken, in denen die USA Länder in Abhängigkeitsbeziehungen halten wollten, erwies sich als Katalysator der bisher unterdrückten Spannungen und Konflikte. Die westlichen Medien - einschließlich der amerikanischen - begannen offener über die Unterdrückung durch das Pahlewi-Regime zu schreiben. In Büchern wurden die Brutalität des von Amerikanern und Israelis trainierten Geheimdienstes SAVAK, die weit verbreitete Korruption und die dunklen Geschäfte des Regimes mit westlichen Unternehmen beschrieben. Bei einem Besuch in Washington kam es zu Straßendemonstrationen gegen den Schah und seine Frau, angeführt von iranischen Oppositionsgruppen. In Fernsehinterviews wurden nun - anders als in der Vergangenheit - keine Anstrengungen mehr unternommen, ein positives Bild des Monarchen zu zeichnen. US-Regierungsvertreter rieten dem Schah, sein Regime zu liberalisieren und die Korruption im Land zu bekämpfen, allem voran in seiner Familie. Die Reformen griffen zu kurz und kamen zu spät. Im Oktober 1978 diskutierten einige US-Regierungsexperten und wissenschaftliche Berater bereits über Verhandlungen mit Ayatollah Khomeini, der sich damals in Frankreich aufhielt und eine triumphale Rückkehr nach Iran vorbereitete.

Dem bisher zugänglichen Material über die Revolution nach zu urteilen, war die Regierung Carter in der Frage der Reaktion auf die Ereignisse in Iran stark gespalten. Sie stand dabei mehreren außenpolitischen Problemen gegenüber: der Vertrag zur Begrenzung strategischer Waffen mit Moskau, die Friedensverhandlungen zwischen Ägypten und Israel in Camp David, die Normalisierung der Beziehungen zu China und nicht zu vergessen die sowjetische Einmischung in Afghanistan. Die US-Politiker und ihre Berater standen vor der zentralen Frage: "Wie können die amerikanischen Interessen in der Region gewahrt werden, wenn der Schah stürzt?"[15] Einerseits versicherten sie den Schah in regelmäßigen Abständen der amerikanischen Unterstützung und stimmten dem Verkauf von Waffen an Teheran zu, um den Aufruhr zu bekämpfen. Andererseits suchten einige Regierungsvertreter unter den Führern der gemäßigten Opposition und den Mullahs nach möglichen neuen Gesprächspartnern. Von November 1978 bis zur Flucht des Schahs im Januar 1979 sorgten einander widersprechende Szenarien für Iran für hitzige Debatten; dabei standen sich das Weiße Haus auf der einen Seite und das US-Außenministerium auf der anderen Seite gegenüber. Zbigniew Brzezinski, der nationale Sicherheitsberater von Präsident Carter, befürwortete eine Unterstützung für den Schah; Henry Precht, der Chef der Iran-Abteilung im Außenministerium, und später auch Außenminister Cyrus Vance selbst sprachen sich dafür aus, auf Khomeini zu setzen. Khomeini, von den moderaten Kräften im Exil als gemäßigt beschrieben, wurde als eine Persönlichkeit dargestellt, die helfen würde, in Iran eine wahrhaft legitime und liberale Regierung wiederherzustellen. Die Sprecher Khomeinis in Europa und den USA charakterisierten ihn als eine ernsthafte, rationale Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und versicherten der westlichen Öffentlichkeit, dass Iran ein verlässlicher Verbündeter des Westens bleiben werde. Mehdi Bazargan, den Khomeini als Interims-Premierminister vorschlug, sowie die anderen Mitglieder der provisorischen Regierung waren moderne, westlich gebildete und weltlich orientierte Liberale.

Was nur wenige Monate zuvor noch nicht als unausweichlich erschien, wurde nun Realität: Der Schah wurde gestürzt, und Khomeini kehrte nach Teheran zurück, von großen Massen als Retter der Nation gepriesen. In dieser frühen Phase der Revolution war das Wesen des neuen Regimes noch nicht klar erkennbar. Zwischen den verschiedenen Fraktionen tobte ein heftiger Machtkampf. Zudem war Khomeini noch nicht als unumstrittener, alleiniger Führer des revolutionären Iran akzeptiert. Die rhetorischen Täuschungsmanöver der verschiedenen Gruppen und die gegenseitigen Anschuldigungen vermochten kaum die Tatsache zu verdecken, dass die ideologisch vielschichtige Allianz, die zum Sturz des Schahs geschmiedet worden war, auseinanderbrach.

Auch wenn es nach außen hin so schien, war die Situation doch nicht komplexer als 1953. Die Mittelschicht war breiter und stärker geworden. Die weltlichen Kräfte waren bereit, die Macht zu übernehmen. Sie hatten nichts dagegen, dass Khomeini nominell als Kopf der revolutionären Bewegung agierte. Denn sie vertrauten darauf, dass er sich - wie er es versprochen hatte - in seine Moschee zurückziehen werde, sobald seine Mission erfüllt war. Hatten die säkularen Kräfte ihre Fähigkeit, die Mullahs zu überstimmen, überschätzt? Die inzwischen veröffentlichten Memoiren einiger Akteure von damals lassen darauf schließen, dass Khomeini alle überrascht hat. Viele sprachen von der "entführten Revolution".


Fußnoten

15.
Ebd., S. 47.