APUZ Dossier Bild

24.2.2004 | Von:
Mangol Bayat-Philipp

Die Beziehungen zwischen den USA und Iran seit 1953

Geiseldrama und innenpolitischer Machtkampf

Zweifellos haben westliche Medien und Experten die Rolle der säkularen Kräfte heruntergespielt und die religiösen Elemente der Revolution betont, die Dritte-Welt-Slogans, die antiamerikanischen, antiwestlichen und antimodernen Slogans.[16] Nach den Fernsehbildern zu urteilen, die täglich in den USA und Europa gezeigt wurden, hatte sich Iran beinahe über Nacht gegen alles gewandt, was das Land in rund einem Jahrhundert erreicht hatte. Dennoch: Universitäten und andere Institutionen der höheren Bildung verteidigten ihre Autonomie gegen den Einfluss der Mullahs. Frauen demonstrierten auf den Straßen gegen den Schleier. Wichtiger noch, im Hintergrund arbeiteten Mitglieder der neuen Regierung daran, freundschaftliche Kontakte zur US-Botschaft aufzubauen. Interims-Premierminister Mehdi Bazargan traf US-Präsidentenberater Brzezinski anlässlich einer Konferenz in Algerien, um über Waffenlieferungen zu sprechen, die das Schah-Regime bereits bezahlt hatte. Das Bild vom Handschlag der beiden Männer wurde in der iranischen Presse veröffentlicht und lieferte den radikalen Kräften einen Vorwand, um den Premierminister und sein Kabinett aus gemäßigten Liberalen zu demontieren. Es wurde als Hinterlassenschaft des Pahlewi-Regimes verunglimpft und zum Rücktritt gezwungen.

Den Anschlag auf die US-Botschaft in Teheran und das darauf folgende Geiseldrama interpretierte die US-Führung als klaren Beweis für Khomeinis unversöhnliche antiamerikanische Haltung. Die so genannten "studentischen Gefolgsleute der Khomeini-Linie", wie sie sich selbst bezeichneten, führten nach eigenen Angaben Anordnungen ihres Führers aus. Es gab jedoch keinen Hinweis darauf, dass Khomeini Kenntnis von der Aktion hatte, auch wenn er sie umgehend sanktionierte. Der Anschlag auf die amerikanische Botschaft kam daher einer Palastrevolution gleich: Khomeini übernahm die gesamte Macht im Land.

Das Geiseldrama, das 444 Tage andauerte und sicher der Grund für die Wahlniederlage Carters 1980 war, ist noch nicht eingehend untersucht. Im Oktober 1979 bat der schwer krebskranke Schah um Aufnahme in ein US-Krankenhaus. Das Außenministerium sandte Henry Precht nach Teheran, um die Entscheidung mit iranischen Regierungsvertretern zu besprechen. Precht vertrat den Standpunkt, es handle sich um eine rein humanitäre Frage, die keine politische Bedeutung habe. Bruce Laingen, Geschäftsträger in der US-Botschaft, forderte zusätzlichen Polizeischutz an, der vom Teheraner Polizeichef persönlich überwacht werden sollte. Premierminister Bazargan und Ibrahim Yazdi, der iranische Außenminister, äußerten ihre Besorgnis über die möglichen Folgen, welche die amerikanische Entscheidung im Hinblick auf die instabile politische Lage im Land mit sich bringen könne. Am 22.Oktober traf der Schah in New York ein; am 1.November fand das Treffen in Algier statt, am 4.November wurde die US-Botschaft in Teheran besetzt. Zum selben Zeitpunkt versicherte Yazdi Laingen im Außenministerium, dass sich die Situation in wenigen Tagen entspannen werde. Tatsächlich trat Premierminister Bazargan jedoch am nächsten Tag zurück.

Die Geiselnahme war vor allem ein innenpolitisches Thema; sie zielte auf die provisorische Regierung und deren Verbündete. Bazargan und seine Kollegen hatten gerade eine Verfassung für die neue Demokratische Republik Iran konzipiert. Sie wollten dem Land einen liberalen und pluralistischen Rahmen geben. Khomeini und seine Berater entwarfen in der Zwischenzeit ihr eigenes Konzept einer Islamischen Republik Iran. Bei dem heftigen Ringen beider Lager ging es um nicht weniger als die künftige Machtstruktur und die politische Kultur des Landes. Viele der politisch aktiven Gruppen, darunter auch einige eher gemäßigte und unpolitische Mullahs, befürworteten den Entwurf Bazargans. Diese Gruppen waren gegen Khomeinis Doktrin der "Herrschaft der Geistlichen", die dieser in die Verfassung aufnehmen wollte. Diese Doktrin hatte es in der Geschichte des Iran noch nie gegeben, und sie war auch nicht Teil der schiitischen Lehre.[17] Es handelte sich um eine revolutionäre Innovation.

Irans Revolutionäre verteidigten den Angriff auf das "Nest der Vipern", wie sie die US-Botschaft nannten, als Akt legitimer Selbstverteidigung gegen die teuflischen Absichten des "Großen Satan" - die USA - und seines Verbündeten, des "Kleinen Satan" Israel. Mit dem Reißwolf vernichtete Dokumente, die auf dem Botschaftsgelände in Teheran gefunden und akribisch wieder zusammengesetzt wurden, sollten der Öffentlichkeit als Beweis für die konspirativen Pläne der Amerikaner dienen, die diese angeblich mit Hilfe der iranischen Verräter gegen die Nation schmiedeten. Washington verurteilte diese offenkundige Verletzung internationalen Rechts in schärfster Form. Die Verhandlungen zwischen den Regierungen dauerten Monate. Die Hoffnung auf eine Freilassung der Geiseln zerschlug sich rasch wieder. Gerüchte machten die Runde, dass die USA über geheime Kanäle auch mit Mitgliedern aus Khomeinis Kreis verhandelten. Im Frühjahr 1980, der Präsidentschaftswahlkampf war in vollem Gange, stand das Geiseldrama ganz oben auf der politischen Agenda Carters.

Im April setzten die Entscheidungsträger zunehmend auf eine militärische Lösung zur Beendigung der Geiselnahme. Bis dahin hatte Washington keine Gelegenheit ausgelassen, um eine diplomatische Lösung der Krise herbeizuführen. Berichten zufolge "schien die militärische Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion im Dezember 1978 erneute Beweise dafür geliefert zu haben, dass die USA und Iran grundlegende Sicherheitsinteressen teilten, egal wie weit ihre Politik auch voneinander abweichen mochte (...) Zu diesem Zeitpunkt eine militärische Aktion gegen Iran zu führen hätte zur politischen Destabilisierung regionaler Regierungen geführt und die amerikanischen Bemühungen um die Schaffung eines regionalen Sicherheitsrahmens unterbrochen"[18]. Sowohl Präsident Carter als auch Außenminister Vance teilten die Haltung zur Außenpolitik im Allgemeinen und zur Sowjetunion im Besonderen. Sie glaubten an die Bedeutung der Diplomatie und waren "grundsätzlich davon überzeugt, dass der Weg zum Frieden über vorsichtige Kommunikation und fortgesetzte Diskussion derThemen führe und nicht über wilde Drohungen"[19].

Das Scheitern aller Bemühungen veranlasste den nationalen Sicherheitsberater Brzezinski, die militärische Option vorzubereiten. Jedoch misslang die Rettungsoperation am 24. April, über die in Abwesenheit von Außenminister Vance entschieden worden war. Schlechtes Wetter und technische Probleme brachten einen der eingesetzten Hubschrauber zum Absturz, weshalb Carter die Mission abbrechen musste. In den Meinungsumfragen stürzte der US-Präsident deutlich ab, Außenminister Vance trat aus Protest gegen den Militäreinsatz zurück. Die diplomatischen Verhandlungen wurden zwar fortgesetzt, aber sie gingen nicht rasch genug voran, um Carters Wiederwahl zu sichern. Die Geiseln wurden schließlich am Tag der Amtseinführung Ronald Reagans - am 20. Januar 1981 - freigelassen.

Die Einzelheiten der Verhandlungen, die schließlich zur Freilassung der amerikanischen Diplomaten führten, wurden erst nach dem Ende von Reagans Präsidentschaft bekannt. In der Amtszeit von George Bush sen. nahm sich Gary Sick, Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates unter Carter und verantwortlich für die Iranpolitik, viel Zeit für eine gründliche Untersuchung. Seine Analyse - zunächst in Form einer Kolumne in der "New York Times" veröffentlicht - bestätigte einige der wildesten Gerüchte, die im Herbst 1980 kursierten. Reagans Wahlkampfmanager hatten einen geheimen Deal mit einigen Beamten Khomeinis geschlossen: militärische Hilfe und Waffenlieferungen als Gegenleistung für eine Verschiebung der Freilassung der Geiseln bis nach den US-Präsidentschaftswahlen. Um "Überraschungen" auszuschließen, hatten Reagans Männer die diplomatischen Bemühungen Carters sabotiert und die Rettung der amerikanischen Diplomaten unnötig hinausgezögert. Der Bericht Sicks erschütterte die politischen Zirkel Washingtons. Denn das umstrittene Buch brachte auch George Bush sen. ins Spiel, der als Vize-Präsident angeblich von den geheimen Treffen mit iranischen Abgesandten in Europa wusste.[20] Dementis und Anschuldigungen folgten, und noch immer halten viele die Enthüllungen Sicks für eine Konspirationstheorie. Waren sie das?


Fußnoten

16.
Vor einigen Jahren sendete das ABC-Fernsehen eine Serie von Berichten zur eigenen Berichterstattung des Senders über die iranische Revolution und die Geisel-Krise. Die darin interviewten Kameraleute gaben zu, dass sie sich vor allem auf die Menschenmenge konzentriert hätten, die anti-amerikanische Slogans rief, um das auf dem Bildschirm dargestellte extremistische Klima zu unterstreichen, während nur wenige Meter vom Botschaftsgebäude entfernt die Menschen ihren normalen Alltagsgeschäften nachgingen, ruhig und gleichgültig gegenüber der Botschaftsszene.
17.
Vgl. Mangol Bayat, The Iranian Revolution of 1978 - 79: Modern or Fundamentalist?, in: Middle East Journal, (1983). Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bezeichneten viele Wissenschaftler, einschließlich des Herausgebers der Zeitschrift, diesen Artikel als "umstritten". Heute stellt diese Analyse die allgemeine Sicht dar.
18.
G. Sick (Anm. 15), S. 331.
19.
Ebd., S. 342.
20.
Vgl. ders., October Surprise: American Hostages and the Election of Ronald Reagan, New York 1991; R. Parry, Trick or Treason: The October Surprise Mystery, New York 1993.