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24.2.2004 | Von:
Ferhad Ibrahim

Iran und die arabische Welt

Iran und Ägypten

Die iranisch-ägyptischen Beziehungen sind seit der ägyptischen Revolution von 1952 von zahlreichen Divergenzen gekennzeichnet. Lediglich in der Ära Anwar el-Sadat entwickelte sich das Verhältnis positiv. Die engen Beziehungen zum Pahlevi-Regime und die Aufnahme des schwer erkrankten Schahs in Ägypten 1979 bildeten die Grundlage für eine lange und anhaltende Phase der Spannungen zwischen beiden Ländern. Ägypten hatte während des achtjährigen irakisch-iranischen Krieges Irak unterstützt. Massive Waffenlieferungen trugen nach 1982 dazu bei, dass Irak sein Territorium verteidigen konnte, nachdem Iran zuvor eine Reihe von Schlachten gewonnen und die irakische Armee aus Iran gedrängt hatte.

Die Spannungen zwischen beiden Staaten wurden durch die Vorwürfe Ägyptens verstärkt, Iran unterstütze die ägyptischen Islamisten, die Dschihad-Gruppe und die islamische Gruppe Jamat Islamiya materiell und politisch. Eine wichtige Frage, die stets zu Differenzen zwischen Kairo und Teheran führte, war das Bestreben Irans, eine dominante Rolle in der Golfregion zu spielen. Iran legitimierte diesen Anspruch durch die Tatsache, dass es als größter Anrainerstaat das Recht habe, in der Frage der Sicherheit am Golf mitzubestimmen. Ägypten, das sich stets als Zentrum der arabischen Welt betrachtete, wollte dagegen verhindern, dass andere regionale Mächte - einschließlich Iran - ihm diese Rolle streitig machten. Die Doktrin der "ägyptischen Rolle", also der zentralen Rolle Ägyptens in der arabischen Welt, kam nach einer relativ kurzen Phase der Isolierung des Landes nach den Verträgen von Camp David (1978) seit Ende der achtziger Jahre erst wieder voll zur Geltung. Veränderungen in Iran nach dem Tode von Ayatollah Chomeini im Juni 1989 und die Reintegration Ägyptens in das so genannte arabische Regionalsystem (al-nizam al-iqlimi al-arabi) Ende der achtziger Jahre führten zu einer langsamen Entspannung, die sich über mehr als zwei Dekaden vollzog.

Der irakische Überfall auf Kuwait im August 1990 schuf günstige Bedingungen für eine Normalisierung der iranisch-ägyptischen Beziehungen. Dennoch vollzog sich die Annäherung nur sehr langsam und nicht problemlos. Von ägyptischer Warte standen weiterhin drei Fragen im Raum: Ägypten fürchtete noch immer, dass Iran danach strebe, seine Vorherrschaft am Golf durchzusetzen. Zudem akzeptierte Iran die prowestliche außenpolitische Orientierung Ägyptens in der Nach-Nasser-Ära nicht. Die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Ägypten wurde von Teheran mit Argwohn beobachtet. Ägyptische Vorwürfe, dass Iran immer noch den Export der Revolution anstrebe, ägyptische Islamisten unterstütze und in der Golfregion eine Vormachtstellung aufzubauen versuche, führten zu einem eher vorsichtigen Kurs. Iran war zwar unter den Präsidenten Haschemi Rafsandschani und Chatami bestrebt, die Beziehungen zu dem größten arabischen Staat zu normalisieren. Die Interessenlage und die unterschiedlichen Auffassungen im konservativen und liberalen Lager verhinderten aber eine von Iran getragene Entspannungspolitik.[2]

Zwischen dem zweiten und dem dritten Golfkrieg lassen sich Ansätze für eine Entspannungspolitik, aber auch deutliche Differenzen beobachten. Die Erklärung von Damaskus vom März 1991 und die iranische bzw. ägyptische Haltung dazu ist ein Beispiel für die problematischen bilateralen Beziehungen. Nach dieser Erklärung, die von den Staaten des Golfkooperationsrats (GCC) sowie von Ägypten und Syrien unterzeichnet wurde, sollte Ägypten und Syrien eine wichtige Rolle in der Sicherheitspolitik am Golf zukommen. Iran fühlte sich zum einen von diesem neuen Zusammenschluss ausgeschlossen, zum anderen wollte es die Einmischung der Nichtgolfstaaten in die Angelegenheiten der Golfregion nicht akzeptieren. Fest steht, dass die Golfstaaten selbst die Idee einer arabischen Sicherheitsgarantie für die Golfregion als nicht sehr effektiv betrachteten. Sie unterzeichneten bald Sicherheitsverträge mit den USA, mit Großbritannien und Frankreich, aber die ablehnende Haltung Irans blieb nicht ohne Echo. Einige GCC-Staaten, vor allem Oman und Katar, wollten die iranischen Vorbehalte nicht ganz außer Acht lassen. Ägypten bewertete die iranische Haltung als feindselig. Die Berichterstattung der halboffiziellen ägyptischen Presse über Iran und die iranische Golfpolitik war auffallend negativ.

Trotz des gegenseitigen Misstrauens entschied sich Iran im November 1991 zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Ägypten. Dass die Differenzen nicht völlig behoben waren, zeigte die Beschränkung der diplomatischen Vertretung auf die Ebene der Geschäftsträger. Die Begründung für die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen durch den Vorsitzenden des außenpolitischen Ausschusses im iranischen Parlament, Sayed Rajaye Chorasani, dürfte wenig zur Entspannung beigetragen haben: "Die Sadat-Regierung, die mit dem zionistischen Regime Frieden geschlossen hat, hat ihre gerechte Strafe erhalten."[3] Diese Äußerung war für die Regierung Hosni Mubarak, die Sadats Nahostpolitik fortsetzte und zu den Stützen des Nahost-Friedensprozesses in den neunziger Jahren zählte, wenig schmeichelhaft.

In der zweite Hälfte der neunziger Jahre, aber vor allem nach der Wahl Chatamis zum neuen iranischen Präsidenten 1997, kam es zu einem außenpolitischen Kurswechsel. Attentate gegen iranische Oppositionelle im Ausland, extreme Entscheidungen bei außenpolitischen Fragen sowie die Nichtbeachtung internationaler Normen sollten der Vergangenheit angehören. Als Zeichen der neuen Außenpolitik unter Chatami besuchte der ägyptische Außenminister Amr Musa Ende der neunziger Jahre Iran. Der iranische Außenminister Kamal Charrazi erwiderte 2001 den Besuch und traf mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak zusammen.[4] Dieser Besuch wurde zum Anlass genommen, den Terroranschlag vom 11. September 2001 zu verurteilen und den Terrorismus abzulehnen.

Das Treffen von Chatami und Mubarak im Dezember 2003 in Genf dürfte der vorläufige Höhepunkt in den bilateralen Beziehungen gewesen sein. Chatami erklärte allerdings, dass nicht alle Differenzen ausgeräumt seien. Die Meinungsverschiedenheiten beziehen sich auf regionale Fragen wie die iranische Golfpolitik und die Regelung des Nahostkonflikts, aber auch auf symbolische Fragen wie die Umbenennung einer Straße in Teheran, die nach dem Mörder des ägyptischen Präsidenten Sadat, Khalid Islambuli, benannt worden war.[5] Abgesehen von diesen Differenzen dürfte Ägypten den iranischen Einfluss in der arabischen Welt weiterhin ablehnen, weil es die Schwächung der eigenen Rolle in diesem Raum befürchtet.[6]


Fußnoten

2.
Vgl. hierzu Fahmi Huwaidi, al-khitab al-siyasi wa al-i`lami lada al-hukumat wa al-nukhbat wa tathir dhalik fi al-`alaqat al-`arabiya-al-iraniya (Der politische und kommunikative Diskurs der Regierungen und der Eliten und deren Einfluss auf die arabisch-iranischen Beziehungen), in: Markaz al-Dirasat al-wahda al-`arabiya, al-`alaqat al-`arabiya-al-iraniya (Zentrum für Arabische Einheit: die arabisch-iranischen Beziehungen), Beirut 1997, S. 233 - 254.
3.
Neue Zürcher Zeitung (NZZ) vom 6. 11. 1991.
4.
Vgl. Soha Abdelaty/Nevine Khalil, Iran and Egypt move "closer together", in: Al-Ahram Weeekly vom 4. 10. 2001.
5.
Die iranische Regierung erklärte Anfang Januar 2004, dass sie die Straße umbenennen wolle. Vgl. dazu al-Hayat vom 6. 1. 2004.
6.
Vgl. hierzu Abu Amud, Muhammad Sa`ad, al-`alaqat al-`arabiya - al-`arabiya fi al-nisf al-thani min al-qirn al-`ishrin (Die arabisch-arabischen Beziehungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts), in: al-Siyasa al-Duwaliya, Nr. 139 (Januar 2000), S. 8 - 28.