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24.2.2004 | Von:
Ferhad Ibrahim

Iran und die arabische Welt

Iran, Saudi-Arabien und die GCC-Staaten

Die regionalen Beziehungen am Golf werden von den Veränderungen in den bilateralen Beziehungen der drei Akteure Iran, Saudi-Arabien und GCC beeinflusst. Insbesondere die Beziehungen zwischen Iran und Saudi-Arabien scheinen für die gesamte Region von großer Bedeutung zu sein. In der Golfregion beruhen die Konflikte auf politischen, ökonomischen und territorialen Differenzen. Zwischen Iran und Saudi-Arabien bestehen jedoch keine territorialen Streitigkeiten. Die ökonomischen Differenzen ergaben sich in den achtziger und neunziger Jahren aus der jeweiligen Preispolitik im Rahmen der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC). Der größte Erdölproduzent der OPEC, Saudi-Arabien, war wegen der politischen Verpflichtungen gegenüber dem Westen stets für eine moderate Entwicklung der Erdölpreise. Im Zeichen der allmählichen gegenseitigen Annäherung seit dem zweiten Golfkrieg stellt der wirtschaftliche Aspekt in den iranisch-saudischen Beziehungen kaum noch einen Streitpunkt dar.

Die politischen Differenzen begannen mit dem Sturz des Schahs und der Ausrufung der Islamischen Republik in Iran. Für Chomeini war Saudi-Arabien die Verkörperung einer Ordnung, die er radikal und kategorisch ablehnte. Abgesehen von den historischen Differenzen zwischen der Schi`a und der sunnitisch-wahhabitischen religiösen Lehre, welche die Grundlage der saudischen Herrschaft bildet, waren politische Aspekte für die Haltung Chomeinis ausschlaggebend. Das saudische System war für ihn das, was die Schiiten seit 1 400 Jahren die "ungerechte Herrschaft" nannten, also eine Dynastie, die das Recht der Nachkommen des Propheten infrage stellte. Bis zum Erscheinen des schiitischen Imam dürfen nach der Lehre Chomeinis die Gelehrten die Herrschaft stellvertretend ausüben. Der Export der Revolution sollte die ungerechte Herrschaft beenden, so Chomeinis Standpunkt. Die Saudis betrachteten die Umsturzversuche Teherans dagegen als eine expansionistische Politik, welche die arabischen Staaten des Golfs bedrohte. Die Unterstützung Saddam Husseins im achtjährigen Krieg gegen Iran war daher folgerichtig.

Iran versuchte, Saudi-Arabien, das sich im Golfkrieg gegen Teheran gestellt hat, politisch herauszufordern. Die jährlichen Demonstrationen iranischer Pilger in Mekka führten zu blutigen Auseinandersetzungen und brachte die Saudis, die in der Pilgerzeit für Ordnung sorgen sollten, in Verlegenheit. Die politischen Beziehungen entspannten sich jedoch nach dem zweiten Golfkrieg tendenziell. Die Besuche der Außenminister, vor allem des saudischen Kronprinzen Abdallah, in Teheran und die Visite des iranischen Staatspräsidenten Chatami in Riad im Jahre 2001 besiegelten die Normalisierung der Beziehungen. Die Abkehr des Iran von der revolutionären Politik der Chomeini-Ära und die Veränderungen der regionalen und internationalen Rahmenbedingungen dürften bei der Entspannung eine Rolle gespielt haben. Dennoch bietet die Frage der Sicherheit am Golf und die Rolle der Saudis in den regionalen Konflikten Stoff für weitere Differenzen zwischen den beiden Staaten. Umsturzversuche wie in Bahrain in den frühen achtziger Jahren stehen in der Golfregion seit dem Tode Chomeinis nicht mehr auf der politischen Agenda Irans.

Die Beziehungen Irans zu den anderen GCC-Staaten sind von territorialen und politischen Differenzen geprägt. Territoriale Streitigkeiten sorgen für Spannungen zwischen vielen Golfstaaten. Hier sind folgende Konflikte zu erwähnen: Iran und Irak, Kuwait und Irak, Saudi-Arabien und Katar, Katar und Bahrain, Saudi-Arabien und Kuwait, Saudi-Arabien und Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate und Oman etc. Das Geflecht territorialer Konflikte scheint vom politischen Klima zwischen den einzelnen Staaten abhängig zu sein. 1992 entwickelte sich der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar zum Feuerwechsel an der gemeinsamen Grenze, der Streit zwischen Katar und Bahrain führte seit Ende der neunziger Jahre zu Verstimmungen.

Lediglich der Konflikt um den Anspruch Irans auf den Staat Bahrain scheint abgeklungen zu sein. Eines sorgt aber für Spannungen in den iranischen Beziehungen zu den GCC-Staaten: die drei Inseln am Golf, Abu Musa, Tumb al-Sughra und Tumb al-Kubra. Nach dem Abzug Großbritanniens aus der Golfregion übernahm Iran mit Zustimmung des Herrschers von al-Sharja, Khalid bin Muhammad al-Qawasimi, die Herrschaft über die drei Inseln. In einem "Memorandum of Understanding" einigten sich al-Sharjah und Iran darauf, dass die zivile Verwaltung auf den beiden bewohnten Inseln Abu Musa und Tumb al-Kubra nach dem Abzug der Briten bei den arabischen Bewohnern der beiden Inseln verbleiben solle.[14] In den neunziger Jahren demonstrierte Iran seinen Besitzanspruch an den Inseln. Der Besuch Rafsandschanis auf Abu Musa 1992 war der Beginn einer faktischen Angliederung der Inseln an Iran. Im Jahre 2002 wurde dieser Prozess mit der Übernahme der Zivilverwaltung abgeschlossen. Um diesem langwierigen Konflikt zu lösen, schlug die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate eine Regelung durch den Internationalen Strafgerichtshof vor. Iran lehnt einen Schiedsspruch über einen Teil seines Territoriums ab und betrachtet die Abmachungen von 1971 als gültig. Der GCC unterstützt in seinen jährlichen Außenministertreffen dagegen regelmäßig die Ansprüche der Vereinigten Arabischen Emirate, so dass der Konfliktweiter schwelt. Hintergrund für die beharr-liche Position des GCC dürfte der Umstand sein, dass in diesem Raum große Mengen Erdöl vermutet werden. Das ist auch der Grund für die territorialen Differenzen zwischen den GCC-Staaten.

Abgesehen von den territorialen Streitigkeiten entwickelte Iran in den neunziger Jahren vielfältige Beziehungen zu den Ländern des Golfkooperationsrates. Die Einwände Irans gegen die Erklärung von Damaskus vom März 1991 dürften bei diesen nicht ohne Echo geblieben sein. Die kleineren GCC-Länder haben kein Interesse an einer Schwächung Irans in der Golfregion. Die Präsenz der drei Regionalmächte Saudi-Arabien, Iran und Irak sowie eine Machtbalance, welche die Interessen der kleineren Staaten berücksichtigt, könnte für diese von vitalem Interesse sein. Der von Irak nach dem Sturz Saddam Husseins beabsichtigte Beitritt zum Golfkooperationsrat könnte einerseits die Übermacht der Saudis im Rat neutralisieren. Andererseits könnte er die iranische Rolle schwächen - es sei denn, Iran würde als Golfstaat und Erdölproduzent einen Beitrittsantrag stellen. Der Rat verlöre dann aber seine arabische Identität.

Der halbwegs erfolgreiche Golfkooperationsrat findet das Interesse vieler anderer Beitrittskandidaten, u.a. des Jemen, der seinen Ausschluss in den achtziger Jahren als eine Art Diskriminierung verstand, und Jordaniens, das nach dem dritten Golfkrieg auf die engen Beziehungen zu den Golfstaaten verweist. Während ursprünglich die Erdölproduktion Hintergrund für die Integrationsbestrebungen der GCC-Staaten war, könnte sich durch die Neuaufnahme dieser Länder der Charakter des Rates als Club wohlhabender Staaten ändern. Nach den Prognosen der Vereinten Nationen wird die Bevölkerung Jemens im Jahre 2050 auf über 100 Millionen Menschen anwachsen, die iranische Bevölkerung dürfte demnach auf 121 und die irakische auf über 50 Millionen steigen.[15] Der GCC würde durch die Aufnahme von Staaten mit großer Bevölkerungszahl seine Qualität als "Club der Reichen" verlieren. Zudem dürften sich mit dem Wandel der bisherigen kohärenten Bevölkerungsstruktur weitere Probleme ergeben.


Fußnoten

14.
Vgl. Al-Isa, Shamlan, al-khilafat al-hududiya wa al-iqlimiya bain al-`arab wa al-iraniyin (die Grenzstreitigkeiten zwischen den Arabern und Iranern), in: Markaz al-Dirasat al-`Arabiya, Al-`Alaqat al-`Arabiya al-Iraniya (die arabisch-iranischen Beziehungen), Beirut 1996, S. 435 - 447.
15.
Vgl. United Nations, World Population Ageing 1950 - 2050, New York 2002.