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4.2.2004 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Mit den Stichworten Informationsgesellschaft, Globalisierung und Migration sind neue Themenfelder der politischen Bildung beschrieben. Insbesondere die Frage nach einer europäischen Identität und die Auseinandersetzung mit dem Islam dürften in den Mittelpunkt einer "europäischen politischen Bildung" rücken.

Politische Bildung steht im 21. Jahrhundert vor neuen Herausforderungen. Mit den Stichworten Informationsgesellschaft, Globalisierung (einschließlich des globalisierten Terrorismus), Migration und politische Denationalisierung sind Themenfelder beschrieben, denen sie sich verstärkt zuwenden muss. Mit neuen Themen gehen neue Wahrnehmungsgewohnheiten und veränderte Bedürfnisse der Zielgruppen einher. Ist das Internet das Medium der Zivilgesellschaft, bedarf es einer überzeugenden Online-Präsenz. Multiplikatoren und Kooperationspartner rekrutieren sich nicht mehr unbedingt nur aus dem Kreis der klassischen Jugend- und Erwachsenenbildner. Sie sind heute möglicherweise auch im Sport oder in der Popkultur zu gewinnen.

Trotz der vielerorts konstatierten, Länder übergreifenden "Krise politischer Bildung" ist es angezeigt, die Geschichte staatlicher politischer Bildung der vergangenen 50 Jahre als Erfolgsstory zu interpretieren, wie Siegfried Schiele, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, in seinem Essay betont. Mit Einschränkungen gilt das auch für Ostdeutschland. Allerdings wird staatlich geförderte politische Bildung dort durch mehrere Faktoren (weiterhin) erschwert: eine schwächer ausgeprägte Zivilgesellschaft, wenige freie Träger, knappe Kassen und einen fortdauernden Ideologieverdacht, der sich aus Erfahrungen mit dem Politikunterricht zu DDR-Zeiten speist. Albert Scharenberg plädiert dafür, dass Initiativen der politischen Bildungsarbeit in den ostdeutschen Ländern vor allem auf Langfristigkeit angelegt sein sollten, auch wenn immer wieder "Feuerwehr"-Programme, etwa zur Bekämpfung des jugendlichen Rechtsextremismus, aufgelegt werden. Im Mittelpunkt müsse die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen stehen, beispielsweise durch Unterstützung für die Herausbildung einer demokratisch geprägten Vereinskultur.

Jürgen S. Nielsen, der ein von der Herbert-Quandt-Stiftung initiiertes Projekt über die Darstellung der Weltreligionen in europäischen Lehrplänen vorstellt, und Susanne Popp mit ihrer Untersuchung eines entstehenden Bilderkanons in europäischen Schulbüchern verweisen auf den internationalen Kontext, in dem sich politische Bildung zunehmend bewegt. Insbesondere die Frage nach einer europäischen Identität und in diesem Rahmen die Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte des Islam dürften in den kommenden Jahrzehnten in den Mittelpunkt einer "europäischen politischen Bildung" rücken. Dabei geht es darum, wie Popp unterstreicht, überlieferte nationale und regionale Identitäten nach dem Prinzip "Einheit in der Vielfalt" zu bewahren. Mit der bevorstehenden Osterweiterung der Europäischen Union, so Nielsen, werden orthodox-christliche und slawisch-katholische Kulturen an Gewicht gewinnen. Aufgeschlossenheit für andere Kulturen schließe ein, die eigene kulturelle Vielfalt zu verstehen und über diese kulturelle Dimension hinaus ihr zu Grunde liegende religiöse Einflüsse zu erkennen; das müsse sich auch in Lehrplänen widerspiegeln.

Für Uli Wessely kann sich politische Bildung in der globalen Wissensgesellschaft bewähren, wenn das Konzept des Lebenslangen Lernens ernst genommen und im eigenen Rahmen umgesetzt wird. Die zunehmende Auflösung nationalstaatlich verfasster Gesellschaften und die digitale Revolution erfordern neue Weichenstellungen in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Abschließend skizziert Gerhard de Haan die Umrisse einer politischen Bildung, die sich am Leitbild der Nachhaltigkeit orientiert. Das ist bisher nur unzureichend geschehen, obwohl die Ergebnisse von Jugendstudien und Erhebungen über das Umweltbewusstsein nahe legen, dass die Interessen von Kindern und Jugendlichen außerordentlich gute Anknüpfungspunkte bieten.