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4.2.2004 | Von:
Albert Scharenberg

Zustand und Perspektiven der politischen Bildungsarbeit in Ostdeutschland

Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Phänomene

Der Aufbau von pluralistischen Strukturen politischer Bildungsarbeit in den neuen Ländern war und ist von einer historisch beispiellosen "Gleichzeitigkeit der Phänomene"[1] gekennzeichnet, deren Implikationen weitreichend sind. Aus der Überlagerung verschiedener Ereignisse und Strukturveränderungen haben sich spezifische Bedingungen und Widersprüchlichkeiten ergeben, die das wohl auffälligste Spezifikum der (bildungs)politischen Tradition und Kultur in Ostdeutschland nach der "Wende" vom Herbst 1989 darstellen.

Einer der signifikantesten Widersprüche (und zugleich eines der Kernprobleme) ist, dass sich der Aufbau von Strukturen politischer Bildungsarbeit im Kontext einer - in Westdeutschland bereits in den achtziger Jahren konstatierten - allgemeinen "Krise politischer Bildung" vollzog. Ohne die breite Debatte darüber nachzeichnen zu wollen,[2] muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die politische Bildungsarbeit sich insgesamt mit neuen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert sieht. Hintergrund ist die mit dem Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft verbundene "neue Unübersichtlichkeit" (Habermas) immer komplexer verfasster moderner Gesellschaften.

Kernelemente dieses "Strukturwandels des Politischen"[3] sind:

  • die abnehmende Überschaubarkeit und geringer werdende Transparenz von Entscheidungen im politischen Mehrebenensystem, die dazu beitragen, dass die Kommunikation politischer Zusammenhänge "objektiv" schwieriger zu werden scheint;

  • die zunehmende Professionalisierung der Politik, welche die Frage aufwirft, wie politische Bildung diesen (ambivalenten) Prozess bewerten soll;

  • die wachsende Medialisierung einer in Teilen de-territorialisierten Informationsgesellschaft (Mediendominanz);

  • der Umstand, dass politische Bildung zunehmend im Wettbewerb mit anderen Angeboten (Medien, Informations- und Kommunikationstechnologien) steht und sich daher "nur noch denken lässt als eine Veranstaltung, die in der Konkurrenz um die Zeit der Menschen steht"[4]; auch scheinen die Bürgerinnen und Bürger für politische Bildung nur noch selektiv erreichbar zu sein (politische Bildung als Bildung der Eliten);

  • Prozesse gesellschaftlicher "Enttraditionalisierung", die insbesondere die sozialisierende Wirkung traditioneller Milieus (denen oft auch die bevorzugten Zielgruppen politischer Bildungsarbeit entstammten) untergraben haben;

  • ein hiermit verbundener gesellschaftlicher "Wertewandel", der u.a. zu einer relativ breiten Abkehr von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und anderen "traditionellen" Organisationen/Organisationsformen geführt hat.

    Im Gefolge von Modernisierung, Enttraditionalisierung und Auflösung von Milieus sind die Bedingungen politischer Bildungsarbeit insgesamt schwieriger geworden. Diesem Trend sind die unterschiedlichen Träger der politischen Bildungsarbeit gleichermaßen ausgesetzt. Wie ihre Kernmilieus können sich - im Westen wie im Osten der Republik - weder die in der Tradition der Arbeiterbewegung stehenden Träger noch die kirchlichen Einrichtungen, parteinahen Stiftungen oder auch die unabhängigen Träger dieser übergreifenden Entwicklung entziehen.

    Die Bewältigung dieser neuen Herausforderungen wird erschwert durch die institutionelle Nachrangigkeit der politischen Bildung. Im politisch-institutionellen Prozess erscheint sie nicht als lebensnotwendiger Kernbereich mit Gewährleistungsfunktion, sondern als "Überbau", dessen Nutzen fraglich erscheint oder - wie die jüngeren Debatten über Rassismus und Rechtsextremismus zeigen - in erster Linie von kurzfristigen politischen Opportunitätskriterien und Konjunkturlagen abhängig ist (politische Bildung als "Feuerwehr der Demokratie"). Trotz wiederkehrender Appelle gibt es keine verbindliche Definition ihrer Aufgaben, Inhalte und Formen. Diese institutionelle Nachrangigkeit hat dazu beigetragen, dass auch die Finanzierung der politischen Bildung (finanz)politischen Konjunkturlagen unterliegt und unter dem Druck schrumpfender finanzieller Gestaltungsspielräume auf allen Ebenen zurückgegangen ist. Dem angesichts der skizzierten neuen Herausforderungen eigentlich wachsenden Bedarf steht eine schrumpfende finanzielle Ausstattung gegenüber. Komplementär zur abnehmenden Finanzausstattung wird politische Bildung zunehmend zur "Marktfähigkeit" angehalten.[5]

    Auch wenn die hier skizzierten Herausforderungen für die politische Bildungsarbeit in den alten wie neuen Bundesländern von Bedeutung sind, besitzen sie für Letztere eine besondere Relevanz. Sie veranschaulichen, dass man vermeiden muss, als Bewertungsmaßstab für die ostdeutsche Entwicklung das Phantombild einer intakten westdeutschen Bildungs- und Trägerlandschaft anzulegen. Vielmehr lassen sich die spezifischen Schwierigkeiten und Defizite der politischen Bildung in Ostdeutschland nur im Kontext der allgemeinen Krise politischer Bildungsarbeit nachvollziehen und diskutieren.

    Vor dem Hintergrund der spezifischen Eindimensionalität und Ideologielastigkeit politischer Bildung in der DDR, die bei den Bürgerinnen und Bürgern Vorbehalte gegenüber politischer Bildung insgesamt erzeugte, lassen sich im Zusammenhang dieser allgemeinen Krise zwei der "Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Phänomene" geschuldete ostdeutsche Spezifika aufzeigen. Erstens vollzog sich der Aufbau einer pluralistischen Bildungsarbeit im Kontext ihrer allgemeinen Krise. Ein derartiger sich dem Trend entgegenstellender "Kaltstart" bringt besondere Probleme mit sich. Zweitens überlagerten sich durch die "Gleichzeitigkeit" die ökonomischen und politischen Umbruch- und die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse: das Ende des real existierenden Sozialismus in Osteuropa und der Niedergang der DDR, der Beitritt zur Bundesrepublik unddie Übernahme der westdeutschen Verfassung und Gesellschaftsordnung, ökonomische Modernisierung, Globalisierung, Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung. Zudem vollzogen sich diese multidimensionalen Transformationsprozesse durch den Kontinuitätsbruch der "Wende"-Zeit weniger evolutionär als vielmehr auf allen Ebenen schockartig. Plötzlich veränderte sich das politisch-gesellschaftliche Koordinatensystem; es kam zu einer raschen Entwertung von Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissen. Praktisch über Nacht war der lebensweltliche Kompass der Individuen unwiderruflich veraltet.


  • Fußnoten

    1.
    Martina Weyrauch, Was ist politische Jugendbildung? Papier für die Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg, Potsdam 2002.
    2.
    Einige nützliche Überlegungen hierzu finden sich in: Klaus-Peter Hufer, Politische Erwachsenenbildung zwischen Krise und Perspektive, in: ders./Birgit Wellie (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche und bildungstheoretische Reflexionen: fachliche und didaktische Perspektiven zur politisch-gesellschaftlichen Aufklärung, Berlin-Cambridge 1998, S. 117 - 130.
    3.
    Albert Scharenberg/Oliver Schmidtke (Hrsg.), Das Ende der Politik? Globalisierung und der Strukturwandel des Politischen, Münster 2003.
    4.
    Holger Ehmke/Herbert Wulfekuhl, Politische Bildung im Weiterbildungsmarkt. Neue Aufgaben und neue Chancen, in: kursiv. Journal für politische Bildung, (1999) 4, S. 22 - 27, hier: S. 27.
    5.
    Zur kritischen Diskussion dieses Sachverhalts vgl. Benno Hafeneger/Klaus-Peter Hufer, Qualität und Evaluation in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, in: kursiv, (2003) 2, S. 12 - 17.