APUZ Dossier Bild

4.2.2004 | Von:
Susanne Popp

Auf dem Weg zu einem europäischen "Geschichtsbild"

Anmerkungen zur Entstehung eines gesamteuropäischen Bilderkanons

In den aktuellen Geschichtsschulbüchern Europas hat sich ein gemeinsames Inventar von historischen Bildquellen zur neueren europäischen Geschichte etabliert. Der Beitrag stellt den Bilderkanon vor und erörtert dessen geschichtsdidaktisches Potenzial.

Einleitung

Nach der für den 1. Mai 2004 vorgesehenen Erweiterung wird die Europäische Union 25 Mitgliedstaaten mit zusammen über 450 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen umfassen. Zugleich wird - sollte die bisher eingeschlagene Richtung der europäischen Integration beibehalten und statt des nationalen Vetorechts im Ministerrat die Mehrheitsentscheidung eingeführt werden - für alle Bürger und Bürgerinnen unmissverständlich deutlich werden, dass in Brüssel de facto ein transnationaler Staat entstanden ist, der über viele jener Kompetenzen verfügt, die bisher charakteristische Merkmale nationaler Souveränität waren.




Somit ist es nur verständlich, dass man allenthalben nach Mitteln und Wegen sucht, einen europäischen Gemeinsinn zu fördern, der die Idee der "Werte-Gemeinschaft Europa" mit Leben erfüllt. Dabei wird die Stärkung einer transnationalen europäischen Identität weithin auch als Aufgabe für die historische und politische Bildung in Europa verstanden, die zum Aufbau eines europäisch orientierten Geschichtsbewusstseins bei der jungen Generation beitragen soll. Denn politische und kulturelle Gemeinschaften können sich "offenbar nur selbst verstehen, wenn sie bei ihrer Ortsbestimmung Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft aufeinander beziehen"[1]. Somit muss der traditionell in der Nationalhistorie verankerte Geschichtsunterricht angemessene Antworten auf fundamental sich verändernde Rahmenbedingungen finden.

Dabei stellt die kulturelle Vielfalt der europäischen Regionen und Staaten mit ihren spezifischen historischen Identitäten eine besondere Herausforderung dar. Die kulturelle Heterogenität gilt zwar zu Recht als unverzichtbarer Bestandteil der europäischen Identität, doch wurzeln das nationale Denken und die damit verbundenen historischen Identitäten häufig in "Geschichtsbildern",[2] die in den entsprechenden Geschichtskulturen und -schulbüchern ihren Ausdruck finden und mehr von nationalen Abgrenzungen (bisweilen auch Ausgrenzungen) als von europäischen Orientierungen bestimmt sind. In Anbetracht der europäischen Geschichte der vergangenen 200 Jahre vermag die Präsenz national "umkämpfter Vergangenheiten"[3] kaum zu überraschen. Doch wenn der Geschichtsunterricht in der Europäischen Union dem Prinzip der "Einheit in der Vielfalt eines erweiterten Europas" gerecht werden will, muss er überzeugende Konzepte entwickeln, welche die gewachsenen regionalen und nationalen historischen Identitäten nicht nur anerkennen und bewahren, sondern auch in transnational europäische Perspektiven integrieren.


Fußnoten

1.
Karl-Ernst Jeismann, Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B51 - 52/2002, S. 13.
2.
Der Begriff "Geschichtsbilder" wird hier mit Karl-Ernst Jeismann als "Metapher für gefestigte Vorstellungen und Deutungen der Vergangenheit mit tiefem zeitlichem Horizont, denen eine Gruppe von Menschen Gültigkeit zuschreibt", verstanden. Vgl. ebd.
3.
In Anlehnung an den Titel von Petra Bock/Edgar Wolfrum (Hrsg.), Umkämpfte Vergangenheit, Göttingen 1999.