APUZ Dossier Bild

4.2.2004 | Von:
Susanne Popp

Auf dem Weg zu einem europäischen "Geschichtsbild"

Anmerkungen zur Entstehung eines gesamteuropäischen Bilderkanons

"Bilder zur Geschichte"

In diesem Zusammenhang mag die Beobachtung interessant sein, dass sich - bislang weithin unbemerkt und unkommentiert - seit dem großen Umbruch zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts in den aktuellen Geschichtsschulbüchern Europas ein konvergierendes Inventar von etwa 15 "Bildern zur Geschichte" etabliert hat, dem man offenbar europaweit einen herausragenden historischen Erinnerungs- und Symbolwert zuschreibt, zumindest im Hinblick auf den Geschichtsunterricht und die entsprechenden Unterrichtswerke.[4] Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden schon bald alle europäischen Geschichtslehrer und -lehrerinnen von Finnland bis Griechenland und von Irland bis Weißrussland über einen gemeinsamen Fundus von ebenso populären wie historisch aussagekräftigen Bildquellen zur modernen europäischen Geschichte verfügen, der den ikonischen Kernbestand eines transnationalen historischen "Bildgedächtnisses" begründen könnte. Im Unterschied etwa zum "Europäischen Geschichtsbuch",[5] welches neben den nationalhistorischen Schulbuchwerken steht und eine transnational-europäische Perspektive anstrebt, geht das neue Bildinventar aus den nationalen Schulbuchwerken selbst hervor. Gegründet auf ein Fundament nationaler Akzeptanz, lädt es ein, europaweite Brücken zwischen den heterogenen regionalen und nationalen Geschichts(unterrichts)kulturen zu schlagen.

Dieselben Bilder haben keineswegs überall dieselbe Bedeutung und Relevanz. Am Beispiel von Jacques-Louis Davids Darstellung des Ballhausschwures am 20. Juni 1789 kann man sich unschwer vergegenwärtigen, dass dieses Historienbild[6] in französischen Schulbüchern primär ein nationalhistorisches Ereignis von europäischer und welthistorischer Tragweite darstellt, während es andernorts als "Ikone" der europäischen Geschichte präsentiert und in unterschiedlicher Weise mit der je eigenen Nationalhistorie verbunden wird. Die Anknüpfungspunkte können in dem einen Land - in parallelisierendem Zugriff - in revolutionären Erhebungen liegen, für welche die Französische Revolution möglicherweise eine wichtige Vorreiterrolle gespielt hat (z.B. in Polen), wohingegen man vielleicht in einem anderen Land - gleichsam kontrastierend - einen patriotisch-"nationalen" Widerstand gegen die französische Fremdherrschaft in den Vordergrund rückt, der zu einem nationalen Gründungsmythos und Kernelement des patriotischen Selbstverständnisses geworden ist. Somit bekommt man zugleich historische Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Blick, wenn man jene europaweit verbreiteten "Bilder zur Geschichte" im jeweiligen nationalen Geschichtsunterricht nicht nur auf ihre gesamteuropäische Relevanz hin beleuchtet, sondern auch komparatistisch im Hinblick auf die Verschiedenartigkeit der historischen Erfahrungen befragt, die im eigenen Land und anderswo damit verknüpft sind.

Dabei bietet die Tatsache, dass gerade Bilder bzw. Bildquellen einen ersten gemeinsamen Fokus für den Geschichtsunterricht in Europa konstituieren, besonders auch im Hinblick auf das "visuelle Zeitalter" einen viel versprechenden Anreiz für die Geschichtsvermittlung. Denn historische Bildquellen sind nicht nur Ausdruck historisch-gesellschaftlicher Erfahrungen, sondern formen auf besondere Weise individuelle und kollektive Vorstellungen von der Vergangenheit und beeinflussen den Blick auf Gegenwart und Zukunft. Darüber hinaus dienen die einschlägigen fachspezifischen Methoden, welche die Schüler und Schülerinnen bei der Analyse und Interpretation von historischen Bildquellen im Geschichtsunterricht kennen lernen, dem Aufbau ebenso allgemeiner wie grundlegender Kompetenzen im Bereich der medial vermittelten visuellen Kommunikation. Nicht zuletzt aber wird eindrucksvollen historischen Bilddokumenten eine hohe Lernwirksamkeit zugeschrieben: Man nimmt vielfach an, dass die Auseinandersetzung mit Bildern verstärkt affektive Assoziationen hervorruft, die später dafür sorgen, dass nicht nur die Bilddokumente selbst, sondern auch die damit verbundenen historischen Gedächtnisinhalte vergleichsweise gut erinnert werden.[7] Klug ausgewählte "Schlüsselbilder" zur Geschichte Europas könnten somit als "Ankerkonzepte" für den Aufbau einer elementaren historischen Wissensstruktur genutzt werden, die - weit davon entfernt, als Selbstzweck zu fungieren - ein unverzichtbares Instrument für den historischen Bildungsprozess im eigentlichen Sinne darstellt.

Doch mit den Vorzügen, die historische Bildquellen für die Geschichtsvermittlung bieten, sind auch besonders anspruchsvolle geschichtsdidaktische Herausforderungen verbunden. Denn "Bilder sind stumme Zeugen, und es ist schwierig, ihre Aussage in Worte zu übersetzen"[8]. Sieht man einmal davon ab, dass das erforderliche Sachwissen zu den einzelnen Werken für Lehrkräfte im Allgemeinen nur schwer zugänglich ist und die meisten aktuellen Schulbücher die Bilddokumente noch immer nicht als Quellen, sondern als illustrierende Beigaben präsentieren, erfordert die Bildquellenkritik professionelle Kompetenzen.

Mit wenigstens drei elementaren Aspekten des Verhältnisses von Bildquellen zur Vergangenheit sollten Schüler und Schülerinnen vertraut gemacht werden. So können die Details von bildlichen Darstellungen einzigartige Informationen für die Rekonstruktion beispielsweise der materiellen Kultur der Vergangenheit liefern. Peter Burke hält etwa in Bezug auf die Geschichte der Kleidung fest: "Manche Kleidungsstücke haben Jahrtausende überlebt, will man aber einen Eindruck vom ganzen Ensemble gewinnen, will man feststellen, was wie zusammenpasste und getragen wurde, so muss man sich Bilder und Drucke anschauen (...)."[9]

Was dagegen die Darstellung von historischen Ereignissen in mimetisch-illusionistischen Gemälden anbelangt, so öffnen diese entgegen allem Anschein für die Schüler und Schülerinnen gerade kein "Fenster" zum vergangenen Geschehen; vielmehr dokumentieren sie die Art und Weise, wie man in der Vergangenheit historische oder zeitgenössische Ereignisse für die Nachwelt dargestellt hat. Schließlich gilt es in einem weiteren Schritt zu verstehen, dass populäre Bilddarstellungen oder vielmehr -deutungen von historischen Ereignissen - ganz unabhängig von ihrem dokumentarischen Wert - höchst wirksame Faktoren von historischen Prozessen sein und ihrerseits "Geschichte machen" können, indem sie kollektive Erinnerungen prägen und die Einstellungen und Verhaltensweisen historischer Akteure beeinflussen. Ein bekanntes Beispiel bieten die National-Ikonographien des 19. Jahrhunderts, die vielerorts im Zuge des nation building entstanden sind. Einige dieser Bilder, die heute weithin vergessen sind, haben wesentlich dazu beigetragen, mit Hilfe historischer Imaginationen nationale Identitäten zu formen und erwünschte Orientierungen visuell und damit affektiv besonders wirksam in der nationalen Memoria zu verankern. Andere dieser Bilder haben bis heute ihre Popularität bewahrt oder vielleicht auch eine neue gewonnen - zum Beispiel im Kontext des Bilderkanons der Geschichtsschulbücher in der Europäischen Union.


Fußnoten

4.
Zur Analyse des gemeinsamen Bildinventars in europäischen Schulbüchern und der einzelnen Bildwerke sowie zu geschichtsdidaktischen Umsetzungsmöglichkeiten im Interesse einer europäisch orientierten historischen Bildung vgl. Susanne Popp, Die europäische Identität im Bild. Analysen zu den populärsten Bildquellen in den Geschichtsschulbüchern Europas, Schwalbach/Ts. (i.V.).
5.
Vgl. Frédéric Delouche (Hrsg.), Das europäische Geschichtsbuch. Von den Anfängen bis heute [1992], völlig überarb. und erw. Neuausgabe, Stuttgart 1998. 14 Autoren aus 13 europäischen Ländern haben an diesem Gemeinschaftswerk mitgewirkt, das inzwischen in über 20 Sprachen übersetzt ist.
6.
Der kunsttheoretische und -geschichtliche Begriff des "Historienbildes" bezieht sich auf die traditionelle Unterscheidung von fünf Bildgattungen nach dem Kriterium der dargestellten Gegenstände (Historie, Porträt, Genre, Landschaft, Stillleben). Historien stellen geschichtliche Ereignisse (im modernen Sinne), aber auch religiöse und mythologische Szenen dar. Ebenso können zeitgenössische Ereignisse Gegenstand von Historienbildern sein; diese nennt man bisweilen auch "Ereignisbilder". Vgl. zum Thema des Historienbildes z.B. die Einführung in Thomas W. Gaehtgens/Uwe Fleckner (Hrsg.), Historienmalerei, Berlin 1996.
7.
Zum Zusammenhang von Erinnerungsvermögen und emotionalen Faktoren vgl. z.B. Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen, Frankfurt/M. 19973, S. 210ff. Vgl. auch Bernd Mütter/Uwe Uffelmann, Emotionen und historisches Lernen. Forschung - Vermittlung - Rezeption, Frankfurt/M..19963.
8.
Peter Burke, Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen, Berlin 2003, S. 15.
9.
Ebd., S. 91.