APUZ Dossier Bild

4.2.2004 | Von:
Susanne Popp

Auf dem Weg zu einem europäischen "Geschichtsbild"

Anmerkungen zur Entstehung eines gesamteuropäischen Bilderkanons

Der Bilderkanon

Bei einer Untersuchung von aktuellen, nach 1997 publizierten Schulbüchern aus Albanien, Belgien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Mazedonien, Moldawien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Schweden, der Schweiz, Serbien und Montenegro, der Slowakei, Slowenien, Spanien, der Tschechischen Republik, Ungarn und Weißrussland, wie sie Anfang 2003 in der Bibliothek des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig verfügbar waren,[10] wurden die Abbildungen ausgezählt, die (Historien-)Gemälde und Fotografien "zur Geschichte" zeigen. Die Bildwerke, die in den genannten Schulbüchern am häufigsten wiedergegeben sind, werden entsprechend der Chronologie der dargestellten Ereignisse aufgeführt.[11]

Es handelt sich um folgende Werke:

- John Trumbull (1756 - 1843): Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 (Capitol-Fassung: 1826, Öl/Leinwand, ca. 360 x 480cm, Washington, D.C.);

- Jacques-Louis David (1748 - 1825): Der Ballhausschwur [20. Juni 1789] (1791, lavierte Tuschezeichnung, ca. 30 x 40cm, Paris);

- Francisco Goya (1746 - 1828): Die Erschießung der aufständischen Madrilenen am 3. Mai 1808 (1810, Öl/Lw., ca. 266 x 406cm, Madrid);

- Eugène Isabey (1767 - 1855); Vorlage Jean Godefroy (1771 - 1839; Kupferstich): Sitzung des Wiener Kongresses [1815] (1819, Kupferstich, 60,9 x 82,5cm);

- Eugène Delacroix (1798 - 1863): Das Massaker von Chios [1822] (1823/24, Öl/Lw, 417 x 354cm, Paris) oder derselbe: Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi [1826] (ca. 1826, Öl/Lw., 213 x 142cm, Bordeaux);

- Eugène Delacroix (1798 - 1863): Die Freiheit führt das Volk [28. Juli 1830] (1830, Öl/Lw., 260 x 325cm, Paris);

- Anton Alexander von Werner (1843 - 1915): Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles [18. Januar 1871] (die "Friedrichsruher Fassung": 1885, Öl/Lw., 167 x 202cm, Friedrichsruh);

- Anton Alexander von Werner (1843 - 1915): Der Kongress zu Berlin [Schlusssitzung des Berliner Kongresses am 13. Juli 1878] (1881, Öl/Lw., 360 x 615cm, Berlin);

- William Orpen (1878 - 1931): Unterzeichnung des Friedensvertrages im Spiegelsaal von Versailles [28. Juni 1919] (1920, Öl/Lw., 152 x 127cm, London) oder eine Fotografie vom Akt der Unterzeichnung;

- Fotografie: Lenin spricht zu Rekruten der Roten Armee [20. Mai 1920][12] oder das Gemälde von Wladimir A. Serow (1910 - 1968): Lenin spricht im bolschewistischen Hauptquartier (Ende der 1940er Jahre, Öl/Lw., k.A., Moskau);

- Pablo Picasso (1881 - 1973): Guernica [Bombardierung der Stadt Guernica am 26. April 1937] (1937 [für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung], Öl/Lw, ca. 775 x 1050cm, Madrid);

- Fotografie: Konferenz von Jalta, 4. bis 11. Februar 1945 [mit Blick auf die Kamera nebeneinander sitzend von links nach rechts: Churchill, Roosevelt, Stalin];

- Fotografie: Hissen der sowjetischen Fahne auf dem Berliner Reichstagsgebäude am 2. Mai 1945 [retuschiert];

- Fotografie: Fall der Berliner Mauer, Öffnung in der Nacht des 9. November 1989 [verschiedene Varianten].

Da andere Bildwerke in der Häufigkeit erst mit einem deutlich größeren Abstand folgen, als er innerhalb des genannten Kanons vorliegt, kann die Gruppe der "Spitzenreiter" als einigermaßen abgeschlossen gelten. Zugleich muss betont werden, dass keines der untersuchten nationalen Schulbücher das komplette Repertoire enthält, sondern durchschnittlich vier bis maximal sieben der "kanonischen Bilder"[13] aufweist. Umgekehrt aber gibt es kein nationales Unterrichtswerk, das nicht mindestens zwei der meistverbreiteten Bildwerke zeigt. Am häufigsten findet man die "Liberté" von Delacroix, die offenbar als die herausragende "Ikone" der modernen europäischen Geschichte aufgefasst wird.

Bei dem einzigen Schulbuch in Europa, das neben vielen anderen Abbildungen den gesamten Kanon wiedergibt, handelt es sich übrigens um den Sonderfall des mitunter sehr heftig gescholtenen "Europäischen Geschichtsbuches". Vermutlich hat sein Bildrepertoire als Modell gewirkt und auf diese Weise zur Entstehung der europaweiten Konvergenzen bei der Schulbuch-Ikonographie beigetragen, besonders auch im Hinblick auf die Unterrichtswerke jener mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder, die sich nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme grundlegend neu orientieren mussten.

Die untersuchten Schulbücher, seien sie nun üppig und aufwändig oder eher sparsam und technisch bescheiden[14] illustriert, zeigen regelmäßig auch "Bilder zur Geschichte" mit einem speziell nationalhistorischen Symbolgehalt. Somit spiegeln die Bildinventare der europäischen Geschichtsbücher die historischen Identitäten der verschiedenen Regionen und Staaten sehr lebendig wider; der neue Bilderkanon bedeutet keineswegs eine Nivellierung. Auch innerhalb der "Spitzengruppe" werden regionale und nationale Unterschiede sichtbar: So findet man beispielsweise in deutschen Büchern nur vereinzelt Anton von Werners "Berliner Kongress" oder die beiden Delacroix-Gemälde zum Ende des griechischen Freiheitskampfes (Missolonghi) und zur Niederschlagung des Aufstandes von Chios, wohingegen man recht zuverlässig auf ein Schulbuch aus einer (süd)östlichen Region Europas schließen kann, wenn man sowohl den "Berliner Kongress" als auch "Chios" oder "Missolonghi" entdeckt.

Wie man unschwer erkennen kann, beschränkt sich der Kanon der "Spitzenreiter" auf Darstellungen zur Geschichte des modernen Europas, und selbst hierbei spart er - mit seiner Präferenz für bedeutende Ereignisse der europarelevanten politischen Geschichte - zahlreiche Themen aus, die in den Schulbüchern durchaus präsent sind, wie z.B. die Industrialisierung, die agrarischen und demographischen "Revolutionen" und die "Soziale Frage",[15] der europäische Kolonialismus, der Imperialismus und die Geschichte außereuropäischer Regionen unter europäischem Einfluss, innereuropäische und transkontinentale Migrationen, die Technik-, Umwelt- und Urbanisierungsgeschichte oder die Emanzipation von Frauen.

Dies bedeutet freilich nicht, dass die europäischen Schulbücher nicht auch Bildquellen zur Geschichte von der Antike bis 1776/89 sowie, in unterschiedlichem Ausmaß, auch zu den genannten Themenkomplexen der neueren Geschichte enthielten. Doch divergieren in diesen Bereichen die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen teilweise so stark, dass dies auf die Häufigkeitsauszählung durchschlägt, oder das dargebotene Material ist so facettenreich, dass sich keine Konzentration auf "kanonische Bilder" einstellt. Letzteres gilt besonders für die Bildinventare zur "Entdeckung" Amerikas, zum Absolutismus (Louis XIV.) und zu Napoleon sowie zu den beiden Weltkriegen, dem Nationalsozialismus und dem Holocaust.

Dennoch bleibt zu konstatieren, dass im hier beschriebenen Bildinventar transnationale "Ikonen" fehlen, die sich explizit auf die Grundlagen des modernen Europas in der Antike, im christlichen Mittelalter und in der Frühen Neuzeit beziehen würden. Hier ist kritische geschichtsdidaktische Aufmerksamkeit gefordert, auch wenn die einzelnen Schulbücher als solche immer ein chronologisch und thematisch vielseitigeres Bildrepertoire darbieten als der statistisch ermittelte Bestand der "Spitzenreiter". Immerhin haben die "kanonischen Bilder" auf Grund ihrer europaweiten Verbreitung ungleich größere Chancen als andere Bildquellen, die allgemeinen Vorstellungen von der europäischen Geschichte zu beeinflussen, so dass die gegebene Einseitigkeit und Selektivität den Verlust an historischer Tiefenschärfe verstärken könnte, der mit der überproportionalen Präsenz der modernen Geschichte in den Curricula ohnehin zu verzeichnen ist.

Die Aussichten von Bildquellen, in die Gruppe der "Spitzenreiter" aufzurücken, beeinflussen die Chancen von historischen Themen, als besonders wirkungsmächtig oder symbolträchtig in Bezug auf die europäische Geschichte wahrgenommen zu werden. Beispielsweise können wir nur spekulieren, welchen Stellenwert die deutsche Bombardierung der baskischen Stadt Guernica im April 1937 im kollektiven Gedächtnis hätte, wenn nicht Picassos weltberühmtes Werk daran erinnern würde; auch wissen wir nicht, welche "Ikone" gegebenenfalls den Platz von "Guernica" in den Schulbüchern einnehmen würde. Mit Blick auf die Werke von David, Goya, Delacroix und Picasso erkennt man deutlich, dass die Auswahl der "Spitzenreiter" nicht allein historiographischen Kriterien folgt, sondern auch von kunst- bzw. rezeptionsgeschichtlichen Faktoren und den ästhetischen Präferenzen der heutigen Massenkultur bestimmt ist. Damit schlagen vergangene Darstellungskonventionen auf unsere ikonisch geprägten Geschichtsvorstellungen durch: Dies betrifft z.B. nicht nur die Idealisierungs- und Personalisierungstendenzen bei der Darstellung historischer Ereignisse, sondern auch "Nullstellen" bzw. das Nichtvorhandensein entsprechender "Ikonen" zu bestimmten historischen Themenbereichen, die man in der Vergangenheit vielleicht nicht für darstellungswürdig befand.

Das Wirken solch "sachfremder" kunst- und ästhetikgeschichtlicher Faktoren zeigt sich unter anderem auch darin, dass sich unter den meistreproduzierten "Bildern zur Geschichte", von den Fotografien einmal abgesehen, die ohnehin eine unmittelbare Präsenz des Fotografen am Ort des Geschehens dokumentieren, ausschließlich "Ereignis-"[16] und keine "Vergangenheitsbilder" befinden, obgleich sie in der Vergangenheit sehr einflussreich waren. Dabei verzichten die aktuellen Schulbücher in Europa keineswegs darauf, auch solche Historienbilder exemplarisch wiederzugeben, die historische "Vergangenheitskonstruktionen" belegen, nur haben diese keine Chance auf eine europaweite Präsenz - zum einen wegen ihres meist eng begrenzten nationalen Bedeutungs- und Symbolgehaltes, zum anderen aber auch, weil sie als Kunstwerke heute keine überragende Popularität genießen.

Im Unterricht sollte man den Einfluss der heutigen Medienkultur und ihrer ästhetischen Präferenzen auf den Kanon der meistverbreiteten "Bilder zur Geschichte" gezielt ansprechen, um den Schülern und Schülerinnen die Einseitigkeiten der Auswahl, aber auch die Bedingtheit von Geschichtsvorstellungen im "visuellen Zeitalter" bewusst zu machen. Letzteres scheint umso dringender geboten, als man überall in Europa die Unterrichtswerke zunehmend opulenter mit Abbildungen und entsprechend sparsamer mit Texten ausstattet.


Fußnoten

10.
Die Länderauswahl richtete sich nach den Beständen der genannten Bibliothek und entspricht nicht ganz dem Kreis der Mitgliedsstaaten des Europarates; so fehlen Andorra, Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Island, Liechtenstein, Luxemburg, Malta, San Marino, die Türkei, die Ukraine und Zypern, wohingegen Weißrussland erfasst wurde, das (neben Monaco) nicht Mitglied des Europarates ist. In einigen mittel- und osteuropäischen Staaten, wo man neben den National- auch Weltgeschichtsbücher einsetzt, findet man die hier in Rede stehenden Bildwerke vorzugsweise in den Letzteren. Türkische Unterrichtswerke waren in der Braunschweiger Bibliothek nicht verfügbar.
11.
Da eine Wiedergabe der Bildwerke hier nicht möglich ist, soll für eine erste Orientierung auf das Internet verwiesen und zugleich vermerkt werden, dass die meisten dort dargebotenen Bild-Präsentationen bildquellenkritischen Maßstäben nicht genügen und die begleitenden Informationen häufig unzuverlässig sind.
12.
Die Schulbücher zeigen oft die retuschierte Fassung, aus der die Figur Trotzkis, im Original rechts im Bild neben dem Rednerpult stehend, entfernt wurde.
13.
So der Titel einer Rubrik in der Zeitschrift "Praxis Geschichte".
14.
In einigen Ländern mit sehr bescheiden ausgestatteten Schulbüchern bietet man anstelle von Bildreproduktionen gezeichnete Bildskizzen an.
15.
Ausgehend vor allem von französischen Schulbüchern verbreiten sich gegenwärtig Adolph von Menzels (1815 - 1905) "Das Eisenwalzwerk" (1875, Öl/Lw., 153 x 253cm, Berlin), Robert Köhlers (1815 - 1917) "Der Streik" (1886, Öl/Lw., 181,6 x 275,6cm, Berlin) und - mit einigem Abstand - auch Köhlers "Der Sozialist" (1885, Öl/Holz, 39,7 x 31cm, Berlin) zunehmend in Europas Geschichtsschulbüchern. Vor allem das erste Bild könnte in die Spitzengruppe vorrücken.
16.
Die Künstler standen dem jeweils dargestellten Geschehen zumeist räumlich und/oder psychisch relativ nahe. Unmittelbare Augenzeugen der dargestellten Szenen waren David, von Werner (in Versailles und Berlin) und Orpen.