APUZ Dossier Bild

4.2.2004 | Von:
Gerhard de Haan

Politische Bildung für Nachhaltigkeit

Mentalitätswandel und politische Bildung

Seither wird intensiv an Strategien gearbeitet, die einen Weg aus der Falle von Ungerechtigkeit, riskanter naturverbrauchender und -zerstörender Prosperität und der Notwendigkeit von ökonomischer wie sozialer Entwicklung bieten. Der Lösungsweg heißt nachhaltige, zukunftsfähige oder auch dauerhaft umweltgerechte Entwicklung - sustainable development. In die breitere Diskussion wurde das Konzept mit dem Schlussbericht der "Weltkommission für Umwelt und Entwicklung" gebracht, die 1983 von den Vereinten Nationen eingesetzt worden war.[1] Dieser "Brundtland-Bericht" von 1987 bildete die Grundlage für die UN-Konferenz "Umwelt und Entwicklung" von 1992 ("Rio-Konferenz"). Dort einigten sich 178 Staaten auf ein gemeinsames Leitbild der Menschheit für das 21. Jahrhundert - die nachhaltige Entwicklung. Dokumentiert wird dieses Leitbild in der "Agenda 21".[2] Seither sind zahlreiche Konferenzen, Strategiepapiere und Beschlüsse zu verzeichnen, in denen international, auf der europäischen Ebene sowie auf den verschiedenen Politikebenen in Deutschland die nachhaltige Entwicklung zum Grundsatz und zur Leitlinie für politisches Handeln erklärt wurde. "In Deutschland wurde das Prinzip Nachhaltigkeit 1994 als Staatsziel im Grundgesetz verankert."[3]

Nachhaltige Entwicklung lässt sich in einer allgemeinen Definition als das Bestreben verstehen, "neben der internationalen Gerechtigkeit für heutige und künftige Generationen hohe ökologische, ökonomische und sozial-kulturelle Standards in den Grenzen der Tragfähigkeit des Umweltraumes"[4] zu erreichen. Bei allem Konsens über das Leitbild Nachhaltigkeit ist hinsichtlich der Konkretisierung von Zielsetzungen, der Formulierung von Prioritäten des Handelns und der Entwicklung von Strategien eine außerordentlich kontroverse Diskussion zu registrieren. Soll in erster Linie die Biodiversität erhalten, der Klimawandel gestoppt und der Ressourcenverbrauch reduziert werden, oder soll in erster Linie auf den Ausgleich zwischen armen und reichen Ländern geachtet werden? Oder kommt es primär auf die ökonomische Entwicklung an, weil mit ihr erst die Bedingungen für Wohlfahrt geschaffen werden? Die wissenschaftlichen wie politischen Differenzen in diesen Fragen sind beachtlich; substanzielle integrative Konzepte sind nur selten zu registrieren.[5]

Bei aller Divergenz hinsichtlich der Formulierung von substanziellen Nachhaltigkeitspostulaten und -regeln ist eines auffällig: Generell gilt in der Diskussion um Strategien nachhaltiger Entwicklung die Frage als entscheidend, "inwieweit Gesellschaften überhaupt in der Lage sind, eine solche umfassende und weitreichende Transformation zu bewältigen, wie sie das Konzept der zukunftsfähigen Entwicklung impliziert. Dass sich dies nicht anders als über eine weitreichende Modifikation in den Lebensweisen der Menschen, nicht ohne tief greifenden Wandel der dominanten Produktions- und Konsumptionsmuster und nicht ohne eine Neuorientierung von Planungs- und Entscheidungsprozessen erreichen lässt - und zwar weltweit -, gehört zu den weitgehend geteilten Grundeinsichten der Sustainability-Debatte"[6].

Der Zusammenhang zwischen Politik, Bildung und Nachhaltigkeit liegt auf der Hand: Wo es erstens um einen weitreichenden mentalen Wandel geht, werden Prozesse veränderter Bewusstseinsbildung der Individuen notwendig, und diese sind nur über das Lernen zu verwirklichen. Die Selbstveränderung setzt eine gezielte Steuerungspolitik voraus - und Institutionen, die diese Veränderung bewirken können. Da ist es nahe liegend, den Mentalitätswandel systematisch zu initiieren und als Aufgabe des Bildungssystems zu definieren.[7] Hinsichtlich der "Neuorientierung von Planungs- und Entscheidungsprozessen" machte zweitens die Agenda 21 eindeutige Aussagen bezüglich der Notwendigkeit, in der parlamentarischen Politik und in staatlichen Strukturen nur Initiatoren für die nachhaltige Entwicklung zu sehen. Die Forderung nach einer umfassenden Partizipation der Bürger durchzieht die Agenda 21 ebenso[8] wie den Diskurs über Umsetzungsstrategien von Nachhaltigkeitszielen.[9] Es gilt als ausgemacht, dass das politisch-administrative System nur als einer von vielen Akteuren zu sehen ist: "Nachhaltigkeit ist ein gesellschaftliches Projekt, das aufgrund der Dynamik und Komplexität seiner ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen nicht erschöpfend und nicht unumstritten für alle Zeiten abschließend definiert werden kann. Vielmehr müssen sich die Akteure, Organisationen, Institutionen, diskutierende Zirkel und Individuen mit ihren partikularen Weltbezügen, Identitäten und Interessen zukunftsfähige Formen des Wirtschaftens und Lebens im Verlauf dieses Prozesses erst finden."[10]

Dem Einzelnen werden in diesem Zusammenhang erhebliche Kompetenzen bei der Beteiligung an und Selbstorganisation von Verständigungs- und Entscheidungsprozessen abverlangt, zum Beispiel die eigenständige Aneignung und Bewertung von Informationen, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sowie vorausschauendes Planen in vernetzten Systemen. In der Agenda 21 wird deshalb in Kapitel 36 für die "Neuausrichtung der Bildung auf eine nachhaltige Entwicklung" plädiert: "Um wirksam zu sein, soll sich eine umwelt- und entwicklungsorientierte Bildung/Erziehung sowohl mit der Dynamik der physikalischen/biologischen und der sozioökonomischen Umwelt als auch mit der menschlichen (evtl. auch einschließlich der geistigen) Entwicklung befassen, in alle Fachdisziplinen eingebunden werden und formale und nonformale Methoden und wirksame Kommunikationsmittel anwenden", heißt es dort.[11]

Der damit formulierte doppelte Aufforderungscharakter, Lernkonzepte für die Möglichkeit des Handelns im Sinne der Nachhaltigkeit zu entwickeln und in die offerierten Handlungsstrategien Elemente der Partizipation der Individuen zu integrieren, führt direkt in Konzeptionen der "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung". Ihr wird seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland sowie international von politischer Seite größere Aufmerksamkeit gewidmet.

Dies dokumentiert sich zum Beispiel im Orientierungsrahmen "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung" der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung,[12] in den Beschlüssen zu "Education and Public Awareness and Science for Sustainable Development" der Commission on Sustainable Development der Vereinten Nationen[13] und im Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2000 "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung"[14]. Im Jahr 2002 hat die OECD die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung zu einem der drei übergreifenden Bildungsziele erklärt, die alle Modelle der Kompetenzentwicklungen leiten sollten.[15] Nicht zuletzt haben die Vereinten Nationen für die Zeit von 2005 bis 2014 eine Dekade der "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgerufen.[16] In ihr sollen Impulse für Innovationen in allen Bildungsbereichen vermittelt werden.


Fußnoten

1.
Vgl. Volker Hauff (Hrsg.), Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987.
2.
Vgl. BMU (Hrsg.), Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro - Dokumente - Agenda 21, Bonn o.J.
3.
Dass. (Hrsg.), Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland, Bericht der Bundesregierung anlässlich der UN-Sonderversammlung über Umwelt und Entwicklung in New York, Bonn 1997, S. 10. Hervorhebungen im Original.
4.
Holger Rogall, Akteure der nachhaltigen Entwicklung. Der ökologische Reformstau und seine Gründe, München 2003, S. 26.
5.
Einige Ausnahmen seien hier genannt: Jürgen Kopfmüller u.a., Nachhaltige Entwicklung integrativ betrachtet. Konstitutive Elemente, Regeln, Indikatoren, Berlin 2001. Vgl. auch Reinhard Coenen/Armin Grunwald (Hrsg.), Nachhaltigkeitsprobleme in Deutschland. Analysen und Lösungsstrategien, Berlin 2003.
6.
J. Kopfmüller u.a. (ebd.), S. 33.
7.
Für Deutschland wird dieses eindrücklich dokumentiert in: BMBF (Hrsg.), Bericht der Bundesregierung zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, Bundesdrucksache (BT-Drs.) 14/7971 vom 3.1. 2002, Bonn 2002.
8.
Vgl. BMU (Anm. 2).
9.
Vgl. exemplarisch H. Rogall (Anm. 4) und Jörg Tremmel, Nachhaltigkeit als politische und analytische Kategorie. Der deutsche Diskurs um nachhaltige Entwicklung im Spiegel der Interessen der Akteure, München 2003.
10.
J. Kopfmüller u.a. (Anm. 5), S. 111.
11.
BMU (Anm. 2), S. 261.
12.
BLK, Bildung für eine nachhaltige Entwicklung - Orientierungsrahmen (Materialien zur Bildungsplanung und Forschungsförderung, Heft 96), Bonn 1998; www.blk-bonn.de/papers/heft69.pdf.
13.
United Nations (Hrsg.), Indicators of Sustainable Development. Framework and Methodologies, New York 1996.
14.
Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung", BT-Drs. 14/3319 vom 10.5. 2000, Berlin 2000.
15.
Vgl. OECD (Hrsg.), DeSeCo Strategy Paper. An Overarching Frame of References for a Coherent Assessment and Research Program on Key Competencies; www.statistik.ad-min.ch/stat_ch/ber15/deseco/deseco_strategy_paper_final. pdf.
16.
Vgl. Nachhaltigkeit lernen. Hamburger Erklärung der Deutschen UNESCO-Kommission zur Dekade der Vereinten Nationen "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (2005 - 2014); www.umweltbildung.de/news/startseite/hamburger erklaerungunescokommission.pdf.