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4.2.2004 | Von:
Gerhard de Haan

Politische Bildung für Nachhaltigkeit

Politikverständnis und Engagement

Man ist gut beraten zu fragen, ob die Kinder und Jugendlichen überhaupt ein Interesse an einem Engagement für die Nachhaltigkeit haben, wenn es darum geht, Gestaltungskompetenz für nachhaltiges Handeln fördern zu wollen. Wenn man der jüngsten Shell-Jugendstudie Glauben schenkt, dann ist es um das politische Engagement bei den 12- bis 25-Jährigen generell schlecht bestellt. Demnach sind wir mit einer Generation von "Egotaktikern" konfrontiert: "Zur egotaktischen Grundeinstellung gehört ein Schuss Opportunismus ebenso wie eine Portion Bequemlichkeit, eine abwartende und sondierende Haltung ebenso wie die Fähigkeit, im richtigen Moment bei einer sich bietenden Chance zuzugreifen."[29] Allerdings finden sich in der Studie nur wenige Belege für eine derart "egotaktisch" agierende Jugendgeneration. Opportunismus und Bequemlichkeit sind demnach gar nicht so weit verbreitet. Vielmehr zeichnet sich die Jugend durch ein im doppelten Sinne "entgrenztes" Politikverständnis aus: Politik wird einerseits nicht mehr allein national gesehen (oder nur lokal), sondern global (und europäisch). Anderseits werden Aktivitäten als politisch gewertet, die jenseits von Parteiendemokratie, Verbandsarbeit und formalisierten Möglichkeiten des Engagements liegen.

Das Interesse an der parlamentarischen, parteipolitischen Politik, an den institutionalisierten Formen der Mitwirkung - selbst in Verbänden und Vereinen - hat in den vergangenen zehn Jahren einen dramatischen Einbruch erlitten. Waren 1991 noch 57 Prozent der 12- bis 25-Jährigen politisch interessiert, so sind es 2002 nur noch 34 Prozent. Zwar steigt das Interesse mit zunehmendem Alter, aber selbst unter den 22- bis 25-Jährigen schenken 56 Prozent der Politik wenig bis gar keine Aufmerksamkeit. Unter den Hauptschülern finden sich sogar 93 Prozent Uninteressierte.[30]

Schaut man sich näher an, wo sich die Jugendlichen im Rahmen der "entgrenzten Politik" engagieren mögen - wenn schon nicht in den klassischen Feldern der Politik und in der Verbandsarbeit -, dann erhält man in der Shell-Studie zum Beispiel den Hinweis darauf, dass ihnen zu 55 Prozent ein Sozialengagement für die eigene Lebensgestaltung wichtig ist. Freilich lassen sich noch andere Wertorientierungen nennen, die im Kontext des Sozialen liegen: So ist 60Prozent der Jugendlichen das Umweltbewusstsein wichtig, und zwischen 85 und 95 Prozent halten Freundschaft, Partnerschaft und Familienleben für entscheidend für die eigene Lebensgestaltung.

Wofür engagiert man sich im Detail? Die Studie von Jürgen Zinnecker u.a.[31] unter 10- bis 18-Jährigen in Nordrhein-Westfalen liefert, differenziert nach dem Alter, folgendes Bild. Auf die Frage "Wofür setzt Du Dich ein?" antworteten die 10- bis 12-Jährigen folgendermaßen: An erster Stelle stand mit 60 Prozent "für den Tierschutz", gefolgt von "für meine Familie" (52) und "für den Schutz der Umwelt (Wald, Natur, Wasser)" mit 50 Prozent. Rang vier nimmt der Einsatz "für Kinder, die von anderen Kindern geärgert werden" ein (47), Rang fünf besetzt, schon deutlich abgeschlagen, der Einsatz "für die Rechte von anderen Menschen" (33 Prozent). Der Sportverein, die Rechte aller Kinder, das Engagement für Behinderte, Alte, Kinder aus der Dritten Welt werden von 18 bis 26 Prozent der Kinder genannt.[32] Im Ergebnis zeigt sich: 87 Prozent der Kinder setzen sich für irgendeine Sache ein. Der Tierschutz, die eigene Familie und der Umweltschutz dominieren. Jungen haben dabei einen stärkeren Bezug zu den Rechten anderer und zum Sport, Mädchen machen sich eher für alte und behinderte Menschen stark - jedenfalls zeigen sich in diesen Feldern starke Geschlechterunterschiede.

Anders sieht es bei den Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren aus. Hier rangiert das Engagement für die eigene Familie mit 60 Prozent ganz vorne, gefolgt vom Einsatz gegen Drogen (39), für den Tierschutz (36) und für Menschenrechte (34) sowie für den Sport (32 Prozent). Für die Rechte von Kindern und Jugendlichen, gegen Gewalt unter den Gleichaltrigen und für den Umweltschutz mögen sich zwischen 27 und 30 Prozent engagieren. Weit abgeschlagen ist das Engagement für (klassische) Politik zu verbuchen. Nur 6 Prozent der Jugendlichen sehen darin ein Einsatzfeld für sich.[33]

Auch unter den Jugendlichen ist grundsätzlich ein starkes Engagement zu erkennen. Aber die Prioritäten verschieben sich: Eindeutig dominiert die Familie (trotz der Bedeutung, die Peer-groups in diesem Alter gewinnen), vor dem Engagement gegen Drogen. Dann folgt der Tierschutz (vor den Menschenrechten). Der Umweltschutz ist in seiner Bedeutung für diese Altersgruppe stark abgerutscht. Mädchen machen sich in diesem Alter übrigens mehr als die Jungen für den Tierschutz (45 Prozent), gegen Gewalt (33) und für Gleichberechtigung (24 Prozent) stark.

Generell engagieren sich Jugendliche gerne im persönlichen Lebensumfeld. Sie tun dies, weil es Spaß macht, weil es ihnen wie anderen Jugendlichen und Kindern zugute kommt und weil das Engagement im Team realisiert werden kann.[34] Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben offenbar (zumindest kurzfristig) dazu beigetragen, dass sich die soziale Orientierung weiter verstärkt hat. Wollten im Januar 2001 nur 30 Prozent mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen, so waren es ein Jahr später 40 Prozent.[35] Der Hang, anderen helfen zu wollen, hat sich insbesondere bei den Jüngeren verschoben: Im Januar 2001 bestand für 16 Prozent der 21- bis 29-Jährigen darin der Sinn des Lebens, im Februar 2002 waren es plötzlich 22 Prozent.[36] Und die Zukunftshoffnung liegt laut der Studie von Horst Opaschowski in der Hilfsbereitschaft (57 Prozent), vor menschlicher Wärme (54 Prozent) und sozialer Gerechtigkeit (51Prozent), wenn sie gefragt werden, "was in Zukunft im Leben wichtig und wertvoll sein soll"[37].

Mit diesem Interesse an Gerechtigkeit korrespondieren die Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage aus dem Jahr 2002 zu den zentralen Forderungen einer nachhaltigen Entwicklung:[38] 84 Prozent beantworten die Forderung "Es sollte Gerechtigkeit zwischen den Generationen bestehen, wir sollten die Umwelt nicht auf Kosten der nachkommenden Generationen ausplündern" positiv. 78 Prozent befürworten einen "fairen Handel zwischen den reichen Ländern dieser Erde und den Entwicklungsländern". 47 Prozent der Befragten können sich vorstellen, das sie sich "in irgendeiner Form an den Angelegenheiten ihres Wohnbezirkes" beteiligen würden - nur 9 Prozent geben an, dass sie dies derzeit schon tun.

Man kann an diesen Werten - wie generell aus den Jugendstudien - vor allem eins ablesen: Das Leitbild Nachhaltigkeit ist mit seinen Bezügen zur Natur, zum Umweltschutz wie zur sozialen Gerechtigkeit bei Kindern und Jugendlichen dann resonanzfähig, wenn es im Sinne der gesellschaftlichen und gelebten Demokratie lebensweltnah aufbereitet wird. Hier liegen zentrale Aufgaben der politischen Bildung im 21. Jahrhundert.

Internetempfehlungen des Autors

www.institutfutur.de
www.service-umweltbildung.de
www.blk21.de
www.blk-demokratie.de


Fußnoten

29.
Deutsche Shell (Hrsg.), Jugend 2002. 14. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M. 2002, S. 33.
30.
Vgl. ebd., S. 92f.
31.
Jürgen Zinnecker u.a., Null zoff & voll busy. Die erste Jugendgeneration des neuen Jahrhunderts, Opladen 2002.
32.
Vgl. ebd., S. 80. Die Kinder konnten bis zu sechs Antworten wählen. Es wurde nicht nach dem tatsächlichen Engagement gefragt. Vielmehr konnte die Frage auch so verstanden werden, dass einem der jeweilige Aspekt wichtig ist.
33.
Vgl. ebd., S. 82.
34.
Vgl. Bernhard von Rosenbladt, Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement, Gesamtbericht, Stuttgart 2000, S. 155. Vgl. dazu auch die älteren Shell-Jugendstudien. Vgl. zu den Motiven für Engagement generell: Enquete-Kommission "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestags (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement. Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002.
35.
Vgl. Allensbacher Institut für Demoskopie, zit. nach: Horst Opaschowski, Was uns zusammenhält. Krise und Zukunft der westlichen Wertewelt, München 2002, S. 171.
36.
Vgl. ebd.
37.
Ebd., S. 169 (repräsentative Befragung von Personen ab 14 Jahren).
38.
Vgl. hierzu und zu den folgenden Daten sowie Zitaten: BMU, Umweltbewusstsein in Deutschland 2002. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, Berlin 2002, S. 32f. Vgl. auch den ausführlichen Band der Verfasser dieser Studie: Heiko Grunenberg/Udo Kuckartz, Umweltbewusstsein im Wandel. Ergebnisse der UBA-Studie Umweltbewusstsein in Deutschland 2002, Opladen 2003.