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30.1.2004 | Von:
Barbara Dietz

Ost-West-Migration nach Deutschland im Kontext der EU-Erweiterung

Prognosen künftiger Ost-West-Wanderungen

Bereits Anfang der neunziger Jahre wurden Überlegungen dazu angestellt, welche Wanderungen von Ost- nach Westeuropa durch die Aufhebung der Ausreisebeschränkungen aus den postsozialistischen Transformationsländern zu erwarten wären. Eine bis heute richtungsweisende Studie verglich das potentielle Ost-West-Wanderungsszenario mit der Migrationssituation zwischen Süd- und Nordeuropa, wo innerhalb von 20 Jahren (1950 - 1970) etwa drei Prozent der Bevölkerung der südlichen Länder nach West- und Nordeuropa migrierten.[17] Unter der Annahme einer ähnlichen Wanderungsneigung in Osteuropa würden ca. drei Millionen osteuropäischer Migranten in einem Zeitraum von 15 Jahren nach der Aufhebung von Einreisebarrieren in den EU-Staaten zu erwarten sein. Damit würden jährlich ca. 200 000 osteuropäische Zuwanderer in alle EU-Länder kommen, dies entspräche etwa 0,08 Prozent der EU-Bevölkerung im Jahre 2002.

Im Anschluss an diese Studie legten eine Reihe von Experten weitere Schätzungen zu potentiellen Migrationen als Folge der EU-Osterweiterung vor. Diese basierten auf ökonometrischen Schätzmodellen sowie Befragungen zur Migrationsneigung osteuropäischer Bürger in ihren Herkunftsstaaten. Die Befragungsstudien ergaben zunächst, dass zwischen zehn und 30 Prozent der osteuropäischen Bevölkerungen bereit wären, nach Westeuropa zu wandern.[18] Dabei handelte es sich jedoch um reine Absichtserklärungen. Nur bei einem kleinen Teil der Wanderungswilligen kann davon ausgegangen werden, dass sie ihre Migrationsabsicht tatsächlich realisieren. Im Ergebnis wurde ein ernst zu nehmendes anfängliches Migrationspotential von insgesamt etwa 700 000 Personen in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn festgestellt, wovon ca. 300 000 Personen nach Deutschland kommen wollen.[19]

Zudem machten es sich verschiedene ökonometrische Studien zur Aufgabe, das Ost-West-Wanderungspotential zu schätzen. In jeweils unterschiedlicher Modellspezifikation wurde angenommen, dass Lohndifferenzen, die relative Arbeitslosigkeit, die bereits im Land lebenden Migrantenbevölkerungen und die geographische Distanz die Wanderungen beeinflussen. Im Rückgriff auf die Erfahrungen der Süd-Nord-Wanderungen wurden diese Hypothesen zur Prognose des Ost-West-Wanderungspotentials genutzt. Die Studien kamen zu dem Ergebnis, dass netto zwischen drei und fünf Prozent der Bevölkerung osteuropäischer Beitrittsstaaten innerhalb von 15 bis 20 Jahren nach Westeuropa wandern, wobei sich etwa 60 Prozent aller Ost-West-Migranten in Deutschland niederlassen werden.[20]

Abhängig von den jeweiligen Modellannahmen zeigten ökonometrische Studien, dass die Nettomigration aus Osteuropa nach Deutschland 15 Jahre nach Einführung der Freizügigkeit zwischen 1,9 und 3,9 Millionen Menschen umfassen wird (vgl. PDF-Version).[21] Dies bedeutet, dass dann etwa 2,4 bis 4,4 Millionen Osteuropäer in Deutschland leben werden. Obschon es infolge der EU-Osterweiterung zu deutlich stärkeren Ost-West-Migrationen nach Deutschland kommt, unterstützen die wissenschaftlichen Studien die These eines bedrohlichen Wanderungsszenarios nicht.


Fußnoten

17.
Vgl. Richard Layard/Olivier Blanchard/Rudiger Dornbusch/Paul Krugman, East-West Migration: The Alternatives, Cambridge, Mass.-London 1992.
18.
Vgl. Heinz Fassmann/Christine Hintermann, Migrationspotential Ostmitteleuropa. Struktur und Motivation potentieller Migranten aus Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn, ISR-Forschungsbericht 15, Wien 1997; Claire Wallace, Migration Potential in Central and Eastern Europe, Genf 1998.
19.
Vgl. H.Fassmann/Ch. Hintermann (ebd.), S. 13ff.
20.
Die vorgestellten Studien sind: Tito Boeri/Herbert Brücker, The Impact of Eastern Enlargement on Employment and Labour Markets in the EU Member States, Berlin-Milano 2000; Hubertus Hille/Thomas Straubhaar, The Impact of the EU-Enlargement on Migration Movements and Economic Integration: Results of Recent Studies, in: OECD (Hrsg.), Migration Policies and EU Enlargement. The Case of Central and Eastern Europe, Paris 2001; Hans-Werner Sinn/Gebhard Flaig/Martin Werding/Sonja Munz/Nicola Düll/Herbert Hofmann, EU-Erweiterung und Arbeitskräftemigration. Wege zu einer schrittweisen Annäherung der Arbeitsmärkte, München 2001.
21.
Die gravierenden Differenzen in den Zuwanderungsschätzungen sind in erster Linie auf die ihnen zugrunde liegenden Modellspezifikationen zurückzuführen. Vgl. dazu Herbert Brücker, Die Folgen der Freizügigkeit für die Ost-West-Migration. Schlussfolgerungen aus einer Zeitreihenanalyse der Migration nach Deutschland, 1967 - 1998, in: Beihefte der Konjunkturpolitik, (2001) 52, S. 17 - 54; Gebhard Flaig, Die Abschätzung der Migrationspotentiale der osteuropäischen EU-Beitrittsländer, in: Beihefte der Konjunkturpolitik, (2001) 52, S. 55 - 76.