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15.1.2004 | Von:
Harald Müller

Das transatlantische Risiko - Deutungen des amerikanisch-europäischen Weltordnungskonflikts

Der Autor beschreibt die unterschiedlichen Deutungsmuster der transatlantischen Beziehungen aus amerikanischer und deutscher Sicht. Er kommt zu dem Schluss, dass in den Beziehungen kein neues Großprojekt, sondern Schadensbegrenzung auf der politischen Agenda stehe.

Transatlantischer Streit: Grund zur Sorge

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen bereiten große Sorge. Das Zerwürfnis infolge der Irakkrise war kein einmaliger Fauxpas, sondern bildete den schrillen Höhepunkt einer Serie von Auseinandersetzungen, die grob mit dem Gegensatzpaar Unilateralismus (amerikanische Position) und Multilateralismus (deutsche Position) beschrieben werden können. Diesen scharfen Gegensatz durch beschönigende Uminterpretationen ("Multilateralismus amerikanischer Art"[1]) zu verdecken, hilft nicht viel weiter, weil dieser wackere Versuch die realen Kontroversen nicht aus der Welt schaffen kann; Multilateralismus verlangt nun einmal, dass man bereit ist, sich den einvernehmlich gesetzten Regeln auch zu unterwerfen.[2] Die Unterwerfung möglichst vieler anderer unter selbstgesetzte Regeln zu verlangen ist hingegen kein Multilateralismus; eben diesen Stil werfen jedoch amerikanische Kritiker nicht zu Unrecht der eigenen Regierung vor.[3] Auch wenn die Wogen sich geglättet haben, man wieder miteinander redet und sich demonstrativ um Oberflächenharmonie und Gemeinsamkeiten bemüht, bleiben die Besorgnisse bestehen. Denn es ist gerade dieses allzu sehr bemühte Bemühen, welches die Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass irgendwo im Untergrund die Kontroversen weiterbrodeln und auf eine günstige Gelegenheit zur nächsten Eruption warten.


Der deutsch-amerikanische Streit hat verschiedene Deutungen erfahren; die meisten davon sind relativ optimistisch, was die Zukunft der transatlantischen Beziehungen angeht. Diese Deutungen bilden den Gegenstand der folgenden Untersuchung. Es sollen die Weltbilder und Politikvorstellungen offen gelegt werden, welche die Interpretationen und Argumentationen ihrer Protagonisten leiten. In kritischer Auseinandersetzung mit ihnen soll eine eigene Deutung entwickelt werden, die eher dazu führt, die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Amerika unter der Perspektive von Labilität und Risiko zu betrachten.

Für hilfreiche Kommentare danke ich Jonas Wolff.


Fußnoten

1.
Andrew B. Denison, Unilateral oder multilateral? Motive der amerikanischen Irak-Politik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), B 24 - 25/2003, S. 17 - 24; Joachim Krause, Multilaterale Ordnung oder Hegemonie? Zur transatlantischen Debatte über die weltpolitische Neuordnung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31 - 32/2003, S. 6 - 14.
2.
Die im Wissenschaftsdiskurs geltende Definition bei John Gerard Ruggie, Multilateralism: The Anatomy of an Institution, in: ders. (Hrsg.), Multilateralism Matters. The Theory and Practice of an Institutional Form, New York 1993, S. 3 - 47.
3.
Vgl. Joseph Nye, U.S. Power and Strategy After Iraq, in: Foreign Affairs, 82 (2003) 4; Madeleine K. Albright, Bridges, Bombs, or Bluster?, in Foreign Affairs, 82 (2003) 5, S. 2 - 19.