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15.1.2004 | Von:
Victor Mauer

Die geostrategischen Konsequenzen nach dem 11. September 2001

Ausweitung des US-Einflusses in Zentralasien

Als US-Präsident George W. Bush am Abend des 11. September 2001 nach einem Tag als Gefangener auf der Flucht im eigenen Land endlich in seinen Amtssitz zurückkehren konnte, sprach er im Bunker des Weißen Hauses gegenüber seinen engsten Sicherheitsberatern von "einer großen Chance"[6], welche die terroristischen Anschläge den Vereinigten Staaten eröffneten - der Chance, die Welt im Kampf gegen den internationalen Terrorismus hinter der globalen Führungsmacht USA zusammenzuführen. Innerhalb von nur 102 Tagen ist es seiner Regierung mit politischer und teilweise logistischer Unterstützung des Staatensystems gelungen, einen Regimewechsel in Afghanistan herbeizuführen und damit der Führungsspitze der Al-Qaida ihre jahrelange Operationsbasis zwischen Kandahar und Kabul für Planung und Training von groß angelegten Terrorakten zu entziehen.

Geostrategisch von weit größerer Bedeutung ist indessen, dass die Vereinigten Staaten innerhalb kürzester Zeit eine informelle Quasi-Hegemonie in Zentralasien haben errichten können - gewiss nicht auf einem Diskussionsforum gleichberechtigter Stimmen beruhend, wie das ein Berichterstatter in einem anderen Kontext treffend beschrieben hat, sondern auf einer Art "Versammlungsraum, in dem die Vereinigten Staaten genaue Aufgaben verteilen, darauf bedacht sind, die meisten Koalitionspartner nicht zu überfordern, und doch zugleich einige gerade dadurch verletzen, dass von ihnen nichts verlangt wird"[7].

Die amerikanische Hegemonie im weiteren zentralasiatischen Raum kann sich im Wesentlichen auf fünf Faktoren stützen. Erstens verbindet alle Staaten - ob regionale oder externe Akteure - ein gemeinsames Ziel: die Zerschlagung des radikal-islamischen Terrorismus, der als Bedrohung der nationalen und internationalen Ordnung wahrgenommen wird. Weil der Terrorismus weder in Afghanistan noch in den angrenzenden Ländern besiegt ist und darüber hinaus sämtliche Staaten Zentralasiens idealer Nährboden für radikal-islamische Strömungen sind, wird zweitens ein Interesse aller Akteure daran bestehen, dass die ursprünglich kurzfristig avisierte amerikanische Militärpräsenz mittel- bis langfristig fortbesteht. Drittens versprechen sich die Regierungen der Region von der den Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terrorismus entgegengebrachten Unterstützung die Stützung ihrer eigenen autokratischen Regime. Die USA wiederum geraten dabei in einen Zielkonflikt: Einerseits sind sie auf die undemokratischen Regime im Kampf gegen den Terrorismus angewiesen, andererseits entfernen sie sich dadurch von dem selbst deklarierten Wilsons' schen Ideal einer umfassenden Demokratisierung. Viertens sind die USA als regionaler Balancer willkommen, der dafür sorgt, dass ein relativ stabiles Gleichgewicht im Kräftespiel konkurrierender Mächte besteht. Und schließlich, fünftens, sorgt Washington für ein Zurückdrängen des in der Region partiell als Bedrohung empfundenen russischen Einflusses.[8] Die überlegene Macht der USA wird dagegen nicht als Bedrohung, als erzwungene Hegemonie oder gar als imperiale Ordnung wahrgenommen. Vielmehr werden die Vereinigten Staaten als Ordnungsfaktor perzipiert, der dazu beiträgt, regionale Sicherheitsdilemmata zu überwinden. Der Antrieb zur Gegenmachtbildung entfällt, weil deren Kosten den aus der Hegemonie abgeleiteten Nutzen bei weitem übersteigen würden.[9]

Am deutlichsten erkennbar wird der dem 11. September 2001 folgende geostrategische Paradigmenwechsel im zentralasiatischen Raum, wenn man die Beziehungen Washingtons zu der eurasischen Großmacht Russland und der ostasiatischen Großmacht China betrachtet, die zu Beginn der Präsidentschaft Bush noch mit Skepsis bzw. als "strategische Konkurrenten" wahrgenommen wurden. Zu schwach zur Gegenmachtbildung hat Präsident Putin auf eine Annäherung an die Vereinigten Staaten gesetzt. Für die Unterstützung der USA verspricht er sich amerikanisches Entgegenkommen bei der Rüstungskontrolle und im Bereich der Wirtschaftshilfe, vor allem aber eine freie Hand in Tschetschenien. China verfolgt eine nuanciertere Politik. Auf der einen Seite betreibt das Reich der Mitte mit der weiteren Aufstockung seines Militäretats sowie mit einer Politik der regionalen Sicherheitskooperation eine vorsichtige Gegenmachtbildung; auf der anderen Seite fühlt es sich angesichts des aus den tief greifenden ökonomischen und sozialen Umbrüchen resultierenden destabilisierenden Potenzials nach wie vor Deng Xiaopings Maxime ("Frieden und Entwicklung") verpflichtet. Eine offene Konfrontation mit der "asiatisch-pazifischen Macht" USA, deren Verteidigungsetat die Summe der Verteidigungsbudgets der Groß- und Mittelmächte China, Russland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland um mehr als das Doppelte übersteigt,[10] gilt es um jeden Preis zu vermeiden.


Fußnoten

6.
Zit. in: Bob Woodward, Bush at War, London u.a. 2003, S. 32.
7.
John Vinocur, America's "We'll Call If We Need You" War, in: International Herald Tribune vom 3. 10. 2001.
8.
Vgl. Rajan Menon, The New Great Game in Central Asia, in: Survival, 45 (2003) 2, S. 187 - 204; Roald Sagdeev/Susan Eisenhower (Hrsg.), Islam and Central Asia: An Enduring Legacy or an Evolving Threat?, Washington, D. C. 2000.
9.
Vgl. Stephen M. Walt, Keeping the World "Off Balance": Self Restraint and U.S. Foreign Policy, in: G. John Ikenberry (Hrsg.), America Unrivaled: The Future of the Balance of Power, Ithaca-London 2002, S. 121 - 154.
10.
Vgl. IISS, The Military Balance 2003/2004, London 2003, S. 233, 247 - 250, 269, 298.