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15.1.2004 | Von:
Tilman Brück
Dieter Schumacher

Die wirtschaftlichen Folgen des internationalen Terrorismus

Der Terror selbst, wie auch der Kampf gegen den Terror haben ökonomische Auswirkungen. Dieser Beitrag untersucht die Folgen des Terrors auf die Wirtschaft.

Einleitung

Die Globalisierung ermöglicht enorme ökonomische Wohlfahrtsgewinne, birgt aber auch dramatische Risiken in sich. Die Terroranschläge des 11. September 2001 sind ein Beispiel, wie extreme Globalisierungskritiker mit Gewalt gegen die ökonomischen Vorteile der Globalisierung kämpfen. Das wirft folgende Fragen auf: Welche Eigenschaften hat der neue globale Terrorismus aus ökonomischer Sicht, und welche ökonomischen Auswirkungen haben der Terror sowie der Kampf gegen den Terror induziert?


Dabei wird deutlich, dass die indirekten Schäden der Anschläge unerwartet groß ausgefallen sind. Sie verteilen sich auf alle Regionen der Welt und viele Sektoren und haben eine langfristige Auswirkung auf die Weltwirtschaft. Der Charakter der Anschläge hat die Menschen erschüttert und so das ohnehin fragile Verbrauchervertrauen in den USA und in Europa nachhaltig geschwächt. Die Kombination aus dem resultierenden Nachfrageschock und den erhöhten Transaktionskosten, die auch im Zuge der nachfolgenden Sicherheitspolitik deutlich gestiegen sind, haben der Weltwirtschaft weiteren Schaden zugefügt.

Die Wirtschafts- und Sicherheitspolitik der USA und der EU sollten die indirekten Schäden des Terrors, der Terrorbekämpfung und möglicher Folgekriege bedenken. Weitere ökonomische Schäden der Terrorverfolgung im Rahmen des Irakkrieges sind denkbar und könnten ein dramatisches Ausmaß annehmen. Insbesondere erneute Preisschocks sowie ein Absturz des Verbrauchervertrauens würden der schwachen Weltkonjunktur großen Schaden zufügen. Deshalb gilt es, ausgleichende positive Wachstumsimpulse zu schaffen. Als Kompensation der erhöhten Transaktionskosten und der hohen Wohlfahrtsverluste gerade auch in Entwicklungsländern wäre ein beschleunigter Abbau von Handelsbarrieren im Rahmen der WTO-Verhandlungen hilfreich. Außerdem muss der Preis der militärischen Eskalation mit dem zu erwartenden Nutzen verglichen werden. Die Bedeutung dieser Entscheidung zeigt, dass selbst die Globalisierung das Primat der Politik nicht in Frage stellt.

Dieser Beitrag ist im Zusammenhang mit der internationalen Konferenz "Die wirtschaftlichen Folgen des neuen globalenTerrorismus", die im Juni 2002 am DIW Berlin stattfand, entstanden. Die Konferenz wurde durch die großzügige Unterstützung des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ermöglicht. Die Konferenzbeiträge sind auf der Webseite des DIW Berlin dokumentiert. Wir möchten uns bei Barbara Bils, Janina Richter und Stefanie Erdrich für exzellente Forschungsassistenz bedanken.

Die Bedeutung der direkten Schäden

Die ökonomischen Konsequenzen des neuen globalen Terrors sind zwei Jahre nach den Anschlägen komplexer als zunächst vermutet. Die hohe Anzahl der Toten und die massive Kapitalvernichtung haben die Menschen erschüttert. Im Vergleich zu einem Erdbeben wie in Kobe 1995 oder dem Hurrican Andrew 1992 sind die Schäden am Kapitalbestand aber nicht ungewöhnlich hoch gewesen.[1]

Positiv wirkte sich in der unmittelbaren Zeit nach den Attacken der stabile Wechselkurs des Dollars, die konstanten internationalen Kapitalströme sowie die schnelle Überwindung des Erdölpreisanstiegs auf die Schadensbilanz aus. Die umsichtige Reaktion der amerikanischen Notenbank und die Sofortprogramme der westlichen Regierungen zur Schadenskompensation und zur Unterstützung der Fluggesellschaften halfen, das Ausmaß der Schäden zu minimieren. Insgesamt sind die Preisniveaus der führenden Währungen von dem Terror nicht beeinträchtigt worden.

Negativ ausgewirkt haben sich die erhöhten weltweiten Transaktionskosten, die vielfältigen Rückkoppelungseffekte über verschiedene Märkte und Länder, der negative Nachfrageschock, die Erhöhung der volkswirtschaftlichen Risiken und die Unsicherheit sowie die fiskalischen Belastungen durch die Anschläge. Die echten und vermeintlichen Anthrax-Attacken haben diese Effekte potenziert. Es sind also die indirekten Effekte des neuen globalen Terrors, welche die Weltwirtschaft seit dem 11. September weiterhin belasten.

Die Rolle und Auswirkungen von Transaktionskosten

Firmen, Haushalte und Regierungen weltweit haben seit den Anschlägen ihre Sicherheitsmaßnahmen deutlich verstärkt. Zum Teil beruhen diese Maßnahmen auf neuen gesetzlichen Grundlagen wie zum Beispiel im Flugverkehr, zum Teil haben Firmen und Haushalte freiwillig ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Zusätzliche Sicherheit kann über die Anschaffung neuer Geräte, die Verarbeitung zusätzlicher Informationen, bessere Koordination und mehr Personal erfolgen. Insgesamt senken diese Maßnahmen die Produktivität von Firmen, da die so geschaffene Sicherheit kein privates, sondern ein öffentliches Gut darstellt. Die erhöhten Kosten verbessern nicht das Produktionsniveau, auch wenn einige Kosten an die Verbraucher weitergeleitet werden können, waswiederum deren Kaufkraft und Nachfrage senkt.

Diese Sicherheitsmaßnahmen sind daher nicht mit höheren Steuern zu vergleichen, sondern entsprechen eher zusätzlichen Kosten, wie sie durch einen verbesserten Umweltschutz entstehen. Insbesondere ergeben sich durch derartige Auflagen und Initiativen keine zusätzlichen Einnahmen für den Staat, welche die zusätzlichen Staatsausgaben gegenfinanzieren könnten. Umweltschutzinvestitionen können auch durch staatliche Vorschriften oder freiwillige Unternehmensentscheidungen initiiert werden und müssen auch keine unmittelbaren positiven Produktionseffekte haben. Sie optimieren aber die gesellschaftliche Wohlfahrt, wenn der Gesellschaft Umweltschutz (oder Sicherheit) wichtig ist.

Der Vergleich zeigt aber auch, dass Auflagen zum Wohle der Gesellschaft langfristig positive Rückkoppelungseffekte haben können. Strukturell werden sich Verschiebungen zu Gunsten sicherer Produkte und Dienstleistungen sowie sicherer Anbieter ergeben. Außerdem können neue Geschäftsfelder oder Firmen entstehen, die neue Bedürfnisse nach Sicherheit befriedigen oder anderen Firmen bei der Erfüllung von Sicherheitsauflagen zuarbeiten.

Berechnungen für die USA zeigen, dass der Anstieg der Staatsausgaben für zusätzliche Sicherheitsausgaben im Verhältnis zu den aktuellen Militärausgaben klein bleiben wird.[2] Zwar haben sich die Ausgaben für homeland security in den USA seit September 2001 von 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf 0,35 Prozent mehr als verdreifacht, die um inländische Sicherheitsmaßnahmen erweiterten Verteidigungsausgaben der USA sind aber niedriger als in jedem einzelnen Jahr imZeitraum von 1947 bis 1995. Die Friedensdividende der frühen neunziger Jahre bleibt den USA somit erhalten, auch wenn die niedrigsten Standards der Verteidigungsausgaben nach den Anschlägen und unter dem politischen Kurs von George W. Bush nicht gehalten werden können.

Die Transaktionskosten zum Beispiel im Verkehr, Tourismus und internationalen Handel sind unmittelbar nach den Anschlägen deutlich gestiegen. Schätzungen des Anstiegs der Transaktionskosten, zum Beispiel durch die OECD, reichen von ein bis drei Prozent des Werts der gehandelten Güter für den internationalen Warenverkehr. Hobijn berechnet für die USA, dass die erhöhten Sicherheitsausgaben der privaten amerikanischen Wirtschaft die Arbeitsproduktivität um 1,12 Prozent und die totale Faktorproduktivität um 0,63 Prozent senken werden.[3] Diese Senkung der Arbeitsproduktivität in den USA um gut ein Prozent für ein Jahr entspräche einem Verlust am amerikanischen Bruttosozialprodukt von circa 70 Mrd. US-Dollar. In Anbetracht der zu erwartenden Rationalisierungen der Sicherheitsmaßnahmen und der oben prognostizierten strukturellen Verschiebungen handelt es sich bei den Schätzungen der Produktivitätsverluste aber um eine Obergrenze, von der man sich zwei Jahre nach den Anschlägen bereits deutlich entfernt haben dürfte.

Die Stabilität der weltweiten Finanzmärkte

Eine Besonderheit der Anschläge des 11. September war die Tatsache, dass es einer der ersten großen politischen Schocks für die permanent aktiven Weltfinanzmärkte war. Andere politische Ereignisse wie die Kubakrise oder der Kuwaitkrieg haben ebenfalls für Verunsicherungen an den Börsen der betroffenen Regionen gesorgt. Aber am Anfang des neuen Jahrhunderts war nicht klar, ob die noch stärker vernetzten und globalisierten Märkte, die Regulierungsbehörden, Zentralbanken und Regierungen fähig sein würden, schnell und angemessen zu reagieren. Die Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten und Bilder heute verbreiten, die Tiefe der Integration der Finanzmärkte sowie die erhöhte Abhängigkeit anderer Märkte und Marktteilnehmer von den Finanzmärkten haben die Marktrelevanz politischer Ereignisse deutlich erhöht. Die Terroristen hatten mit ihren Aktionen deshalb größere Spillover-Effekte erzielt, als sie je zuvor erhoffen konnten.

Zusätzlich haben die Finanzmärkte eine besondere Rolle bei der Übertragung der indirekten Auswirkungen der Anschläge, da die einzelnen Terroreffekte stark miteinander korrelieren und so Akteure zu parallelen, einander verstärkenden Handlungen an den Finanzmärkten bringen. So haben Investoren ihre Portfolios den neuen Risikostrukturen anpassen müssen, gleichzeitig haben sich die Renditen bestimmter Aktien verändert, während Kapital aus den Aktienmärkten in sicherere Anlageformen floss.

Insgesamt haben sich die amerikanischen und die weltweiten Finanzmärkte in der Folge der Anschläge als sehr widerstandsfähig erwiesen. Im Vergleich zu vergangenen Schocks (wie den Börsencrashs 1929 oder 1987, der Ermordung J. F. Kennedys 1963 oder der Invasion Kuwaits 1990) hat der amerikanische Dow Jones Index die Katastrophe vom 11. September schnell überwunden.[4] Selbst dem Herzinfarkt von US-Präsident Dwight D. Eisenhower im Jahr 1955 folgte eine längere Börsenflaute in den USA als dem Terrorangriff vom 11. September 2001.

Interessanterweise variierte die Widerstandskraft der Börsen nach dem 11. September international enorm. Dies ist einerseits ein Beleg dafür, dass Nachrichten sehr starke internationale Spillover-Effekte haben und die Auswirkungen der Attentate in manchen Ländern stärkere Spuren hinterlassen haben als in den USA. Andererseits zeigen die Daten auch, dass die Widerstandskraft der Börsen international immer noch stark variiert. Die Geld- und Fiskalpolitik sowie die Börsenaufsichten der Staaten haben einen großen Spielraum, mehr oder weniger erfolgreich auf einen solchen exogenen Schock zu reagieren. In den USA haben die Federal Reserve und die Bundesregierung in der unmittelbaren Krisenzeit richtig reagiert und durch ausreichende Liquidität die Marktstabilität gefördert und Panik verhindert.

Die Anschläge als negativer Nachfrageschock

Ein wichtiger Übertragungsmechanismus der negativen Folgen des 11. September ist der resultierende Nachfrageschock gewesen, dessen Auswirkungen auch in Deutschland weiterhin zu spüren sind. Firmen, private Verbraucher, aber auch der Staat haben ihr Ausgabenverhalten geändert. Staatliche Ausgaben sind zwar in einigen Bereichen erhöht worden. Diese Ausgaben kompensieren aber den Nachfrageschock nur teilweise, da sie sehr langfristig angelegt sind und die Staatsquote erhöhen, ohne unbedingt in ökonomisch-produktiven Bereichen eingesetzt zu werden. Sie wirken nur in bestimmten Regionen und Sektoren und auf keinen Fall so global wie die indirekten Schäden.

Ein Beispiel für die Konsequenzen eines weltweiten Nachfrageschocks ist der Kursverfall fast aller Fluggesellschaften an amerikanischen und europäischen Börsen. Als Folge des Nachfragerückgangs und der veränderten Bedrohungslage im Flugverkehr haben sich das systematische sowie das individuelle Risiko der Aktienkurse der Fluggesellschaften signifikant erhöht.[5] Vor dem 11. September waren Aktien von Fluggesellschaften eher defensiv, das heißt, als Teil eines Portfolios haben diese Aktien das Gesamtrisiko des Portfolios gesenkt. Seit dem 11. September sind Aktien von Fluggesellschaften auch außerhalb der USA nun aggressive Aktien, ihr systematisches Risiko hat sich mehr als verdoppelt.

Obwohl die internationale Luftfahrtbranche schon vor den Anschlägen mit massiven Problemen zu kämpfen hatte, zeigt diese statistische Analyse, dass der 11. September eine systematische und permanente Veränderung der Risikostruktur verursacht hat. Zum Teil erklärt der Anstieg dieser Risiken auch den Anstieg in den Schwankungen der Börsenkurse seit dem 11. September.

Diese Forschungsergebnisse haben wichtige Auswirkungen für die optimale Zusammensetzung von Portfolios. Defensive Fondsmanager mussten Luftfahrtaktien aus den Portfolios nehmen, was den Abwärtstrend dieses Sektors nochmals verstärkte. Außerdem müssen Firmen mit einem höheren Risiko entsprechend höhere Renditen erwirtschaften, um das zusätzliche Risiko der Aktien zu kompensieren. So wird der Strukturanpassungsprozess in der Luftfahrtbranche nochmals beschleunigt, was das Risiko von Insolvenzen wiederum erhöht. Das Ausmaß des Nachfrageschocks sowie der indirekten Folgen und der Reaktionen auf den Schock sind unmittelbar nach den Terrorattacken unterschätzt worden. Im Verhältnis zur tatsächlichen Kapitalvernichtung stellt das große Ausmaß der indirekten Konsequenzen ein Novum in der Wirtschaftsgeschichte dar.

Risiko, Unsicherheit und Versicherungen

Die Versicherungswirtschaft war aus zwei Gründen nicht auf die Ereignisse des 11. September vorbereitet. Erstens hatte sie nicht erwartet, dass mehrere Terrorakte gleichzeitig auf ein einzelnes Objekt zielen würden und somit die Versicherungen voneinander abhängige Schadensfälle verzeichnen mussten. Zweitens hatte die Branche in ihren Berechnungen die Höhe der maximal möglichen Schadenssumme unterschätzt. Tatsächlich haben die Anschläge den größten einzelnen Schaden in der Versicherungsgeschichte herbeigeführt.

Seit dem 11. September 2001 haben Versicherungen deshalb verschiedene Anpassungen vorgenommen, um der neuen Bedrohungslage gerecht zu werden.[6] Erstens mussten Versicherungen den ihren Berechnungen zu Grunde liegenden wahrscheinlichen Maximalschaden dramatisch erhöhen. Zweitens haben sie in vielen Verträgen die Kompensation der Schäden terroristischen Handelns eingeschränkt oder ausgeschlossen. Drittens wurden die Prämien für entsprechende Verträge revidiert. Eine Erhöhung der Unsicherheit für die Versicherungsnehmer ist dadurch unvermeidbar geworden. Diese Unsicherheit ist abhängig von dem Grad der Unversicherbarkeit von Terrorschäden. Gerade große Terrorschäden sind sicherlich seit dem 11. September nicht mehr als versicherbar zu bezeichnen.

Versicherungen hatten nach den Anschlägen eine besonders schwierige Rolle, da sie an vier Fronten gleichzeitig getroffen waren und handeln mussten: Versicherungsfirmen waren als Vertragspartner der Versicherten angehalten, die Schäden zu kompensieren. Sie mussten gleichzeitig mit den Rückversicherungsunternehmen verhandeln. Außerdem galt es, als Investoren in den Finanzmärkten die Rücklagen zu verwalten. Schließlich hatten die Versicherungen als Unternehmen, deren Aktien in den Finanzmärkten gehandelt wurden, auf die Erwirtschaftung einer angemessenen Dividende und guter Aktienkurse zu achten. Die Anschläge haben die Abhängigkeit der Versicherungswirtschaft, ähnlich derjenigen der Fluggesellschaften, von außergewöhnlichen Ereignissen verdeutlicht.

Das Ausmaß der Kapitalzuflüsse in den Sektor seit dem 11. September kann als Indiz für die unerwartet hohe Schadenssumme bzw. für die knappen Reserven der Versicherungen gewertet werden. Es ist wahrscheinlich, dass in Anbetracht des potenziell nichtversicherbaren Risikos großer Terroranschläge die Versicherungsbranche einer zweiten Terrorwelle ähnlichen Ausmaßes nicht hätte standhalten können. Insofern ist eine stärkere staatliche Rolle bei der Unterstützung der Versicherungen und Rückversicherungen, die bereit sind, Terrorrisiken abzusichern, unabdingbar. Anderenfalls droht die erhöhte Unsicherheit in der Wirtschaft, die durch die Anschläge begründet wurde, permanent fortzubestehen.

Verbrauchervertrauen und Erwartungen

Anfang September 2001 zeichneten sich erste positive Entwicklungen im Verbraucherverhalten in den USA ab. Nach der Überwindung der Konjunkturflaute verbesserten sich die Aussichten für das vierte Quartal 2001. Die Terroranschläge haben die Psychologie der amerikanischen Verbraucher jedoch nachhaltig erschüttert. Besonders schwerwiegend für das Verbrauchervertrauen ist die Ungewissheit über die politischen und ökonomischen Folgen des Terrors und die Gegenreaktionen der Regierungen, der Taliban und des Al-Qaida-Netzwerks gewesen. Das heißt, Ziele, Mittel und Wirkungen der Terroristen waren nicht sofort deutlich und haben so die indirekten Wirkungen des Terrors über das mangelnde Verbrauchervertrauen verstärkt. Die noch vorhandenen Sorgen über die weltweite Konjunkturentwicklung Anfang September 2001 sind also durch die Anschläge in einer sich selbst verstärkenden Negativentwicklung potenziert worden.

Mittlerweile dürften die amerikanischen Bilanzierungsskandale bzw. der Irakkrieg die Folgen des 11. September als Wachstumsbremse in den USA überschattet haben. Der Terror hat aber zu einem entscheidenden Zeitpunkt die Konjunktur derartig geschwächt, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung negativer als erwartet verlief. Außerdem hat die bisherige Anti-Terror-Politik der amerikanischen Regierung deutlich gemacht, dass weitere Waffengänge nicht ausgeschlossen werden können. Auch wenn einige wirtschaftliche Folgen des 11. September zwei Jahre danach als überwunden angesehen werden können, stehen der Weltwirtschaft wahrscheinlich weitere indirekte Effekte der Anschläge bevor.

Auswirkungen auf den internationalen Handel

Die Auswirkung von Terrorismus auf den internationalen Handel dürften je nach Zeit und Region unterschiedlich ausfallen.[7] Man kann aber davon ausgehen, dass Terrorismus tendenziell einen negativen Effekt auf den Umfang des Außenhandels hat, weil er zusätzliche Transaktionskosten verursacht. Grundsätzlich können terroristische Anschläge auf zumindest dreierlei Weise den internationalen Handel behindern.

Erstens führt Terrorismus zu größerer Unsicherheit und erhöht so die Kosten im Geschäftsleben. Die Verunsicherung kann sogar zu veränderten Konsumgewohnheiten und Produktionsstrukturen führen (so bevorzugen z.B. Israelis jetzt geschlossene Einkaufszentren anstelle von offenen Märkten oder gehen zu Fuß, statt den Bus zu benutzen) und so auch die Außenhandelsstrukturen beeinflussen. Die von Terrorismus ausgehende Unsicherheit kann aber auch direkt einen negativen Einfluss auf den Außenhandel haben. Da terroristische Anschläge kaum vorhersehbar sind, können sich geschäftliche Vereinbarungen sehr schnell als obsolet erweisen, so dass die Unternehmen generell höheren Risiken ausgesetzt sind. Solche Unsicherheiten verringern die Attraktivität eines Landes für international agierende Produzenten.

Zweitens reagiert der Staat auf zunehmende terroristische Aktivitäten mit einer Verstärkung von Sicherheitsmaßnahmen. Strengere Sicherheitsvorkehrungen bedeuten höhere Kosten für den Handel, z.B. durch Verlängerung von Lieferzeiten. So wurden nach den Anschlägen vom 11. September die Grenzen der USA geschlossen. Transportfahrzeuge mussten daher an der Grenze zwischen denUSA und Kanada zwanzig Stunden warten, während sie sonst die Grenze in wenigen Minutenüberqueren. El Al, die israelische Fluggesellschaft, benötigt im Allgemeinen einen Tag für die Sicherheitsprüfungen der von ihr transportierten Waren.

Drittens besteht das Risiko einer unmittelbaren Zerstörung der gehandelten Güter. Terroristen nehmen Handelsströme vermehrt ins Visier, weil Länder wirtschaftlich besonders dadurch geschädigt werden können, dass für die Industrie wichtige Lieferbeziehungen unterbrochen oder bestimmte Transportwege zerstört werden. So gab es z.B. nicht weniger als 178 Bombenanschläge auf eine Ölpipeline in Kolumbien allein im Jahr 2001.

Um den Einfluss von Terrorismus auf den Außenhandel zu quantifizieren, haben wir auf das Gravitationsmodell des internationalen Handels zurückgegriffen, in dem der Umfang des bilateralen Handels in Abhängigkeit

- vom Sozialprodukt des Lieferlandes und des Bestimmungslandes als Indikator für die Angebots- und Nachfragestärke der Länder und

- von der Entfernung als Indikator für die Höhe der Transportkosten erklärt werden. Die Ergebnisse zeigen für die Standardvariablen das typische Bild. So steigt der Handelsumfang zwischen zwei Ländern mit der Höhe ihres Sozialprodukts, während er mit zunehmender Entfernung abnimmt.

Diesen Erklärungsansatz haben wir um verschiedene Maßzahlen für Terrorismus ergänzt.[8] Zunächst verwenden wir Angaben über die Anzahl von terroristischen Anschlägen. Diese Daten können aus Mickolus zusammengestellt werden und beruhen auf einer ausführlichen Dokumentation von terroristischen Vorfällen, die weltweit zwischen 1968 und 1979 bekannt wurden.[9] Der Autor definiert Terrorismus als "the use, or threat of use, of anxiety-inducing extranormal violence for political purposes (...) when such action is intended to influence the attitudes and behavior of a target group wider than the immediate victims and when (...) its ramifications transcend national boundaries"[10]. Die in dem Datensatz berücksichtigten politisch motivierten Anschläge umfassen Entführungen, Geiselnahmen, Besetzungen, Briefbomben, Brand und Explosionen mit Bomben, Anschläge mit Raketen und anderen Waffen, Flugzeugentführungen, Attentate, Sabotage, Drohungen mit radioaktivem Material oder Krankheitserregern, Verschwörungen, Konspiration, Schusswechsel mit der Polizei und Waffenschmuggel.

Eine zweite Gruppe von Variablen beruht auf allgemeineren Indikatoren für die interne Instabilität eines Landes. Diese Angaben beziehen sich auf die Jahre von 1960 bis 1993 und erfassen die Zahl politisch motivierter Morde oder Mordversuche, Guerillaaktivitäten, politische Säuberungen, Aufstände und Revolutionen.

In einem dritten Ansatz verwenden wir Angaben darüber, in welchem Maße die verschiedenen Länder Ressourcen für die Verminderung militärischer Konflikte einsetzen. Insbesondere stützen wir uns auf Daten des IMF über die Militärausgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt und auf Angaben von Easterly and Sewadeh über den Anteil der Streitkräfte an der Bevölkerung.[11] Dahinter steht die Überlegung, dass höhere Verteidigungsausgaben ein Indikator dafür sind, dass ein Land größeren internen oder externen Bedrohungen ausgesetzt ist.

Im Ergebnis der Berechnungen zeigt sich, dass Terrorismus tatsächlich einen negativen Effekt auf den internationalen Handel hat. Länder, die von Terrorismus betroffen sind, handeln signifikant weniger miteinander als andere Länder. Eine Verdoppelung von terroristischen Anschlägen verringert den bilateralen Handel um vier Prozent. Die Schätzungen anhand der Indikatoren für interne Instabilität bestätigen den negativen Effekt. Dies gilt für alle Indikatoren einzeln ebenso wie für alle zusammen. Auch die Größe der Streitkräfte hat eine negative Wirkung auf den Außenhandel. Dagegen ist der Einfluss der Verteidigungsausgaben positiv. Dies könnte darauf hindeuten, dass höhere Verteidigungsausgaben tatsächlich zu mehr Sicherheit führen.

Unsere empirischen Ergebnisse auf der Grundlage eines Datensatzes für mehr als 200 Länder bestätigen also die These, dass Terrorismus und Gewalt den Umfang des internationalen Handels verringern. Höhere Risiken, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und unmittelbare Zerstörungen erhöhen die Transaktionskosten und machen so einen Teil des Handels unrentabel.

Lektionen zur Reduzierung der ökonomischen Kosten

Der wichtigste Baustein zur Eindämmung der Schäden des 11. September sowie möglicher zukünftiger Anschläge extremer Terroristen ist die genaue Analyse der zu erwartenden Reaktionen der Märkte und Marktteilnehmer. Eine Wiederholung der Ereignisse des 11. September wäre zum Beispiel für Versicherungsunternehmen eine starke Belastung. Die psychologischen Reaktionen und die anfängliche Hilflosigkeit der Regierungen wären wahrscheinlich weniger ausgeprägt und könnten so zu einer schnelleren Stabilisierung der ökonomischen Konsequenzen beitragen.

Ungewiss ist jedoch, ob die ökonomischen Konsequenzen neuer Formen des globalen Terrors ähnlich gut verstanden werden. Eine Wiederholung der Anthrax-Anschläge oder anderer biologischer Angriffe, großflächige Computerviren-Attacken oder die Explosion nuklearer Kampfstoffe sind neuartige Bedrohungen, deren Konsequenzen erst allmählich deutlich würden. Deshalb ist es wichtig, derartige Bedrohungen zu analysieren und rechtzeitig Vorbeugungs- sowie Katastrophenschutzmaßnahmen zu entwickeln.

Im Falle neuartiger Angriffe sind dann die schnelle Verbreitung von Informationen unter den ökonomischen Akteuren wie Regulierungsbehörden und Zentralbanken entscheidende Faktoren zur Minimierung von negativen ökonomischen Konsequenzen. Außerdem sollte die Wirtschafts- und Sicherheitspolitik insbesondere der USA und der EU die indirekten Schäden des globalen Terrors, der internationalen Terrorbekämpfung und möglicher Folgekriege bedenken. Insbesondere erneute Preisschocks und ein weiteres Einbrechen des Verbrauchervertrauens könnten der Weltkonjunktur großen Schaden zufügen. Deshalb gilt es, ausgleichende und weit verbreitete Wachstumsimpulse zu schaffen. Das bedeutende ökonomische Potenzial der Globalisierung sollte eine effektive, weltweite und nachhaltige Eindämmung des Terrors nicht nur im Rahmen der Sicherheitspolitik, sondern auch über ökonomische Anreize ermöglichen.

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Fußnoten

1.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2001, Für Stetigkeit - Gegen Aktionismus. Jahresgutachten 2001/02, S. 19 - 21.
2.
Vgl. Bart Hobijn, What Will Homeland Security Cost?, DIW Berlin, 14./15. Juni 2002.
3.
Vgl. ebd.
4.
Vgl. Thomas F. Siems, An Empirical Analysis of the Capital Markets' Response to Cataclysmic Events, DIW Berlin, 14./15. Juni 2002.
5.
Vgl. Konstantinos Drakos, The Financial and Employment Impact of 9/11: The Case of the Aviation Industry, DIW Berlin, 14./15. Juni 2002.
6.
Vgl. Michael Wolgast, Global Terrorism and the Insurance Industry: New Challenges and Policy Responses, DIW Berlin, 14./15. Juni 2002.
7.
Vgl. dazu auch den Beitrag von Willi Leibfritz in dieser Ausgabe.
8.
Vgl. Volker Nitsch/Dieter Schumacher, Terrorism and Trade, DIW Berlin, 14./15. Juni 2002.
9.
Vgl. E. F. Mickolus, Transnational Terrorism., Westport, CT. 1980.
10.
Ebd., S. xiii.
11.
Vgl. W. Easterly/M. Sewadeh, Global Development Network Growth Database, World Bank, Washington, D. C. 2002.