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15.1.2004 | Von:
Willi Leibfritz

Auswirkungen des Terrorismus auf die Volkswirtschaften und die Wirtschaftspolitik

Ökonomisches Krisenmanagement nach den Terroranschlägen

Die amerikanische Konjunktur verzeichnete schon vor den Anschlägen des 11. September ein geringfügiges Minuswachstum. Zu einem Abgleiten in eine tiefe Rezession durch die Terroranschläge ist es jedoch nicht gekommen. Vielmehr hat sich die amerikanische Wirtschaft überraschend schnell erholt. Dies lag vor allem an dem effizienten Krisenmanagement der amerikanischen Notenbank. Die Finanzmärkte blieben in den Tagen unmittelbar nach den Anschlägen geschlossen - zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg - und öffneten erst wieder am 17. September. Die Notenbank machte klar, dass sie den Banken im Grunde unlimitiert Liquidität zur Verfügung stellen würde, um Zahlungsschwierigkeiten und Zusammenbrüche zu verhindern. Sie senkte den kurzfristigen Zinssatz auf einen Tiefstand, der seit 40 Jahren nicht mehr erreicht worden war, zeitweise bis auf 1,2 Prozent. Es kam auch unmittelbar zu einer Kooperation zwischen der amerikanischen Notenbank, der Europäischen Zentralbank und der englischen und der kanadischen Notenbank, die zusammen internationale Kreditlinien in Höhe von 90 Mrd. US-Dollar bereitstellten und die Zinsen deutlich senkten, um den Weltfinanzmarkt liquide zu halten und das Vertrauen wiederherzustellen.

Neben der Geldpolitik wurde auch die Finanzpolitik sehr schnell aktiv. Nur drei Tage nach den Anschlägen beschloss der amerikanische Kongress ein Hilfsprogramm in Höhe von 40 Mrd. US-Dollar. Ferner wurden den amerikanischen Fluggesellschaften Zuschüsse in Höhe von fünf Mrd. US-Dollar und Darlehen in Höhe von zehn Mrd. US-Dollar gewährt.[2] Neben diesen Hilfen an die Betroffenen verlangte der amerikanische Präsident vom Kongress eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben in Höhe von 48 Mrd. US-Dollar. Dies entspricht einem Anstieg des Verteidigungshaushalts um 14 Prozent. Aufgrund dieser Programme stiegen die staatlichen Verbrauchsausgaben in den USA kräftig an, ein Vierteljahr nach den Anschlägen um über zehn Prozent oder 1,8 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Die Terroranschläge vom 11. September verursachten große Schäden, und auch die Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte werden häufig mit denen von Naturkatastrophen verglichen. Ein Vergleich mit dem staatlichen Ausgabenanstieg nach Naturkatastrophen in den USA und anderen Ländern macht das Ausmaß der Budgetbelastung deutlich (vgl. die Tabelle: siehe PDF-Version).

Der schon vorher expansive Kurs der Geld- und Finanzpolitik wurde durch die zusätzlichen Maßnahmen noch expansiver. Die Finanzmärkte beruhigten sich nach den ersten Panikreaktionen relativ schnell.[3] Auch das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher verbesserte sich wieder, in den USA und auch in Europa einschließlich Deutschlands. Das reale BIP der USA, das im ersten Halbjahr 2001 leicht geschrumpft war, ging im dritten Quartal noch einmal zurück. Aber schon im vierten kam es zu einer Erholung, die sich im ersten Quartal 2002 mit einem Anstieg von fünf Prozent (saisonbereinigt und auf die Jahresrate hochgerechnet) verstärkt fortsetzte. Der extrem expansive wirtschaftspolitische Kurs der USA hat also die amerikanische Wirtschaft aus der Rezession "herauskatapultiert". In den Sommermonaten 2002 kam der Aufschwung wieder ins Stocken, und es gab Befürchtungen eines erneuten Rückschlags, also einer so genannten double-dip recession. Sowohl die Börsenkurse als auch das Unternehmer- und Verbrauchervertrauen brachen weltweit wieder ein, und die Wirtschaftsprognosen wurden nach unten revidiert. Dies war allerdings nicht mehr auf die Terroranschläge im Herbst 2001 zurückzuführen, sondern auf neue Ereignisse, insbesondere Vertrauensverluste in die Solidität großer Unternehmen in den USA (Stichwort "Enronitis") und insbesondere auf Ängste im Vorfeld des Krieges gegen den Irak und - damit zusammenhängend - den vorübergehend höheren Ölpreis.[4] Dennoch betrug das Wachstum in den USA im Durchschnitt des Jahres 2002 knapp 2,5 Prozent. Im Vergleich dazu blieb das Wachstum im Durchschnitt der Eurozone und in Deutschland mit knapp ein Prozent bzw. rund ein viertel Prozent deutlich geringer.

Im Jahr 2003 wurde die Wirtschaftsentwicklung der USA zunächst durch die höheren Militärausgaben für den Krieg im Irak angeregt. Die Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank bewirkte zudem, dass trotz des Anstiegs der Arbeitslosigkeit die Nachfrage der privaten Haushalte nach dauerhaften Konsumgütern und Wohnungen hoch blieb. Nach dem Ende des Irakkrieges verbesserte sich das Wirtschaftsklima weltweit, und auch die Börsenkurse erholten sich deutlich. Die gesamtwirtschaftliche Produktion stieg im dritten Quartal in den USA um mehr als acht Prozent gegenüber dem zweiten (saisonbereinigt und auf die Jahresrate hochgerechnet), ein Wachstum, das sich in dieser Höhe allerdings nicht fortsetzen wird. Im Jahresdurchschnitt 2003 dürfte das Wachstum in den USA knapp drei Prozent betragen haben, und für das Jahr 2004 wird allgemein mit einer Beschleunigung auf rund vier Prozent gerechnet. Im Euroraum, in dem die gesamtwirtschaftliche Produktion im ersten Halbjahr 2003 leicht zurückging, wurde im Jahresdurchschnitt 2003 ein Wachstum von lediglich knapp einem halben Prozent erreicht, und in Deutschland stagnierte die gesamtwirtschaftliche Produktion. Für das Jahr 2004 wird im Euroraum (und auch in Deutschland) allgemein mit einer Erhöhung des Wachstums auf 1,5-2 Prozent gerechnet. Die Gründe für das in den zurückliegenden Jahren höhere Wachstum in den USA lagen sowohl in der expansiveren Makropolitik (Geld- und Finanzpolitik)[5] und (im Jahr 2003) der unterschiedlichen Wechselkursentwicklung (Abwertung des Dollars und Aufwertung des Euro, welcher das Exportwachstum im Euroraum dämpfte) als auch in günstigeren strukturellen Einflüssen in den USA (u.a. günstigere demographische Entwicklung, höheres Produktivitätswachstum, flexiblere Arbeits- und Produktmärkte). Aufgrund letzterer Faktoren dürfte das Wirtschaftswachstum in den USA auch in den nächsten Jahren höher bleiben als in Europa.


Fußnoten

2.
Kritisch kann man hier aber anmerken, dass mit solchen Staatshilfen, insbesondere, wenn sie als Subvention und nicht als Darlehen gewährt werden, auch Unternehmen gestützt werden, die vorher schon Verluste gemacht haben und eigentlich hätten aus dem Markt ausscheiden müssen. Ein generelles Problem bei Subventionen ist, dass sie auch unproduktive Unternehmen erhalten, aber in Krisenzeiten werden solche ordnungspolitische Bedenken meist übergangen.
3.
Dabei half es auch, dass die Banken vor den Anschlägen eine gute Kapitalbasis hatten. Je schwächer ein Finanzsystem ist, desto anfälliger ist es gegenüber derartigen Schocks.
4.
Da es ohne die Anschläge vom 11. September wohl nicht zum Irakkrieg gekommen wäre, lässt sich inzwischen der Einfluss der Terroranschläge auf die Wirtschaftsentwicklung von den Einflüssen späterer politischer Entscheidungen nicht mehr trennen.
5.
Die konjunkturellen Impulse der Finanzpolitik waren in den USA zwischen 2000 und 2003 größer als je zuvor. Der strukturelle (d.h. um Konjunktureinflüsse bereinigte) gesamtstaatliche Budgetsaldo (als Anteil am BIP) verschlechterte sich um rund 5,5 Prozentpunkte.