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15.1.2004 | Von:
Willi Leibfritz

Auswirkungen des Terrorismus auf die Volkswirtschaften und die Wirtschaftspolitik

Auswirkungen auf den internationaler Handel

Ein Faktor, über den das Wachstum mittel- und längerfristig gebremst werden könnte, sind höhere Transportkosten als Folge der höheren Sicherheitsvorschriften.[6] Schätzungen zufolge (die allerdings unmittelbar nach den Anschlägen gemacht wurden und aus heutiger Sicht als Obergrenze gelten) belaufen sich die nach dem 11. September veranlassten zusätzlichen Sicherheitskosten auf ein bis drei Prozent des gesamten Wertes der international gehandelten Waren; dies entspricht einem Betrag von jährlich 5,6 bis 16,8 Mrd. US-Dollar.[7] Mit den zusätzlichen Erfahrungen und den verbesserten Technologien dürften sich die Sicherheitskosten in Zukunft allerdings tendenziell wieder verringern. Dies gilt natürlich nur, falls es nicht zu weiteren größeren Anschlägen kommt, die eine zusätzliche Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen nach sich ziehen.

Die aufgrund der Sicherheitskosten höheren Importpreise verringern das Handelsvolumen je nachdem, wie stark die Nachfrage sich durch die höheren Preise verringert, d.h. wie preiselastisch sie ist. Einer Untersuchung des bilateralen Handels zwischen 103 Ländern zufolge beträgt die Preiselastizität dieser Handelsströme rund drei, d.h., wenn die Importpreise im Durchschnitt um ein Prozent steigen, sinkt das Importvolumen um drei Prozent.[8] Demnach würde der Anstieg der Sicherheitskosten nach dem 11. September um ein bis drei Prozent den Entwicklungspfad des Welthandelsvolumen um drei bis neun Prozent senken. Dieser Effekt, der erst nach mehreren Jahren voll wirksam wird, entspricht einem durchschnittlichen Anstieg des Welthandels in einem Zeitraum von ein bis zwei Jahren. Die zusätzlichen Sicherheitskosten dürften das zukünftige jährliche prozentuale Welthandelswachstum damit zwar bremsen, aber in einer Größenordnung, die eher hinter als vor dem Komma liegt. Die Globalisierung wird dadurch jedenfalls nicht - wie dies schon vermutet wurde - gestoppt. Auch in Zukunft wird die Wirtschaftsentwicklung in den Industrie- und Schwellenländern die entscheidende Bestimmungsgröße für das Welthandelswachstum sein. Der Welthandel, der nach dem starken Wachstum von rund zwölf Prozent im Jahr 2000 im Jahr 2001 stagnierte, nahm 2002 um rund 3,5 und 2003 um rund vier Prozent zu. Nach der jüngsten Prognose der OECD wird er im Jahr 2004 wieder um acht und 2005 um knapp neun Prozent wachsen.

Diese Durchschnittsbetrachtung des Welthandels verdeckt allerdings, dass es einzelne Warenströme und einzelne Länder gibt, die überdurchschnittlich von den zusätzlichen Sicherungskosten betroffen sind. Dies sind insbesondere:

- Waren, die sehr preiselastisch sind, so dass die höheren Sicherheitskosten die Nachfrage stärker senken;

- Waren, die schnell verderblich sind (wie Obst und Gemüse), so dass ihre Qualität von den längeren Sicherheitsüberprüfungen stark beeinträchtigt wird;

- Waren, die aus Ländern stammen oder in Häfen verschifft werden, in denen die Sicherheit weniger gewährleistet ist und

- Länder, die einen überdurchschnittlich hohen Import- und Exportanteil am BIP haben.

Da der weitaus größte Teil des Welthandelsvolumens auf die Industrieländer entfällt, sind diese Volkswirtschaften zwar absolut gesehen von den negativen Wirkungen der höheren Sicherheitskosten auf den internationalen Handel am stärksten betroffen. Bezieht man diese Effekte aber auf das BIP der Länder, dann zeigt sich, dass viele Entwicklungs- und Schwellenländer, insbesondere in Asien, Nordafrika und im Mittleren Osten, überdurchschnittlich betroffen sind. Diese Länder haben überdurchschnittlich hohe Außenhandelsanteile relativ zu ihrem BIP, exportieren Waren mit hoher Preiselastizität (z.B. Agrarprodukte) und/oder sind wegen ihrer geopolitischen Lage mit besonders hohen Sicherheitskosten auf ihren Handelsströmen belastet oder werden wegen der höheren Risiken als Absatzländer gemieden.

Mit Hilfe eines ökometrischen Modells (Allgemeines Gleichgewichtsmodell) wurde ermittelt, dass ein unterstellter durchschnittlicher Anstieg der Sicherheitskosten im internationalen Handel um ein Prozent des Warenwertes zu jährlichen Wohlfahrtsverlusten für die Weltwirtschaft von etwa 75 Mrd. US-Dollar (in Preisen von 1997) führt. Der größte Teil des absoluten Wohlfahrtsverlustes entfällt nach diesen Berechnungen auf die westeuropäischen Volkswirtschaften (je nach Annahmen insgesamt rund 29,5 bis zirka 33 Mrd. US-Dollar), gefolgt von Nordamerika (rund 13,5 bis zirka 18,5 Mrd. US-Dollar). Bei relativer Betrachtung, also bezogen auf das BIP, sind aber viele Entwicklungs- und Schwellenländer wegen ihrer besonders preiselastischen Handelsströme und der aufgrund ihrer geopolitischen Lage höheren Sicherheitskosten stärker betroffen als die Industrieländer. Während nach diesen Modellrechnungen die Wohlfahrtsverluste in Nordamerika mit rund 0,2 und in Westeuropa mit rund 0,4 Prozent des BIP beziffert werden, belaufen sie sich in Nordafrika und dem Mittleren Osten auf bis zu 0,5 und in Südasien sogar auf bis zu 0,6 Prozent.[9] Diese Durchschnittswerte für die Regionen verdecken allerdings, dass die Belastungen in einzelnen Ländern deutlich höher sein können.

Der internationale Terrorismus hat inzwischen zu einem Wettbewerb um die höchstmögliche Sicherheit an den verschiedenen Abfertigungsstellen, insbesondere an Flughäfen und Seehäfen, geführt. Die verstärkte Abwicklung des Handels über die besonders sicheren (oder als sicherer geltenden) Häfen geht allerdings zu Lasten der anderen Häfen, die als weniger sicher gelten. Um Diskriminierungen zu verhindern, ist eine verstärkte internationale Zusammenarbeit notwendig und auch ein entsprechender Mittel- und Know-how-Transfer an ärmere Länder, um diese in die Lage zu versetzen, die notwendigen Sicherheitsbedingungen zu schaffen.


Fußnoten

6.
Vgl. zum Folgenden The impact of the terrorist attacks of 11 September 2001 on international trading and transport activities, OECD Working Party of the Trade Committee, March 2002; P. Walkenhorst/N. Dihel, Trade Impacts of the Terrorist Attacks of 11 September 2001: A Quantitative Assessment, May 2002 (unveröffentlichtes Manuskript).
7.
Die Kosten der Grenzkontrollen (durch zeitliche Verzögerungen, Dokumentenbeschaffung usw.) betrugen vor den Anschlägen schätzungsweise fünf bis 13 Prozent des Warenwertes. Zum Vergleich: Die Zölle, die auf dem Außenhandel lasten, belaufen sich auf drei bis zehn Prozent und die nichttarifären Handelsbeschränkungen (NTB) (wie Importkontingente usw.) auf zwei bis sieben Prozent des Warenwertes.
8.
Eine Preiselastizität von drei kann als Obergrenze betrachtet werden. Beim internationalen Handel von Industrieprodukten wurde für die meisten der untersuchten OECD-Länder eine langfristige Preiselastizität von rund (minus) eins ermittelt. Vgl. K. Murata/D. Turner/D. Rae/L. Le Fouler, Modelling Manufacturing Export Volumes Equations. A System Estimation Approach, OECD Economic Department, Working Papers No. 235, Paris 2000.
9.
Vgl. P. Walkenhorst/N. Dihel (Anm. 6).