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15.1.2004 | Von:
Willi Leibfritz

Auswirkungen des Terrorismus auf die Volkswirtschaften und die Wirtschaftspolitik

Auswirkungen auf den Reiseverkehr und den Tourismus

Unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September brach der touristische und geschäftliche Reiseverkehr mit den USA zusammen, und der gesamte internationale Reiseverkehr erlitt starke Einbußen, wobei auch die schwache Weltkonjunktur eine Rolle spielte. Generell führt aber ein höheres Terrorismusrisiko nicht unbedingt zu weniger Tourismus, sondern vor allem zu einer Verlagerung von Aktivitäten und Reisezielen, z.B. weg vom Flug- auf den Straßen- und Bahnverkehr und in Regionen, die als sicherer gelten.[10] So scheuten nach dem 11. September z.B. amerikanische Touristen Flugreisen und machten verstärkt Urlaub mit dem Auto innerhalb Amerikas oder im benachbarten Kanada. Man kann diese Verlagerung der Tourismusströme auch nach früheren Anschlägen beobachten. Beispielsweise trafen die Anschläge im ägyptischen Luxor im November 1997 den Tourismus in dieser Region sehr stark. Auch in der Türkei brach im Jahr 1999 angesichts der angespannten politischen Situation und eines Erdbebens der Tourismus ein. Während des ersten Golfkriegs 1991 und auch während des Kosovo-Konflikts 1999 kamen weniger Touristen nach Europa. Generell ist nach dem 11. September die Angst vor Anschlägen in islamischen Ländern gestiegen, und dies ist durch die späteren Anschläge auf Bali noch verstärkt worden. Dies bedeutet, dass die Terroristen zwar auf den Westen zielen, dabei aber immer auch die Wirtschaft ihrer eigenen Heimatländer treffen. Andere Tourismusgebiete, die näher liegen oder als sicherer eingestuft werden, profitieren dagegen von der Verlagerung der Tourismusströme. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Touristen zwar kurzfristig sehr stark auf terroristische Anschläge reagieren, aber sie kehren auch wieder in die angestammten Tourismusgebiete zurück, wenn die Situation als sicherer eingeschätzt wird. In der Vergangenheit war es meist so, dass sich schon ein Jahr nach den Anschlägen die Situation in den betroffenen Gebieten wieder besserte.[11] Bei Geschäftsreisen gibt es teilweise Verlagerungen der Aktivität, die möglicherweise länger anhalten. Mit den neuen Techniken über E-Mail-Kontakte, Telefon- oder Videokonferenzen können nämlich Geschäftsreisen zumindest teilweise entfallen, und der neue internationale Terrorismus könnte diesen Prozess beschleunigen.


Fußnoten

10.
Diese Verlagerung der ökonomischen Aktivität aus besonders betroffenen Gebieten heraus war auch in der Vergangenheit zu beobachten, etwa im spanischen Baskenland. Dort senkte die Terrorismusgefahr die wirtschaftliche Aktivität langfristig, und die ökonomische Aktivität verlagerte sich stärker in andere Gebiete. Vgl. A.Abadie/J. Gardeazabal, The economic costs of conflict: a case-control study for the Basque country, NBER Working Paper No. 8478, 2001. Nach Schätzungen der israelischen Nationalbank belaufen sich die gesamtwirtschaftlichen Kosten durch niedrigere Auslandsinvestitionen, weniger Tourismus und höhere Sicherheitskosten auf insgesamt vier Prozent des BIP.
11.
Es scheint auch Unterschiede je nach der Nationalität der Touristen zu geben. Nach Informationen aus der Tourismusbranche kehren die deutschen und auch die britischen Touristen relativ bald wieder in die vorherigen Risikogebiete zurück, wenn es zu keinen weiteren Anschlägen kommt. Bei Touristen aus den USA und aus Japan scheint es länger zu dauern; diese sind offensichtlich vorsichtiger, und wenn sie nach Europa kommen, müssen sie doch teilweise lange Flugreisen auf sich nehmen. Beispielsweise verzeichnete die Stadt München nach den Terroranschlägen vom 11. September beim anschließenden Oktoberfest einen Rückgang ausländischer Besucher um ein Viertel. In den ersten neun Monaten des Jahres 2002 lag die Zahl der Gäste aus den USA in München um rund 20 Prozent und die Zahl der Gäste aus Japan um 22 Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreswert. Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 26. 11. 2002.