Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Sandra Berndt

Louise Otto-Peters (1819–1895). Ein Kurzporträt

"Ich will mehr als Händefalten …" Organisierte Frauenpolitik

Nach dem Tod ihres Mannes 1864 gelang es Louise Otto-Peters zusammen mit anderen Frauen und Männern den Leipziger Frauenbildungsverein (FBV) zu initiieren, den sie später als "Wiege"[34] der deutschen Frauenbewegung bezeichnete. Von ihrer Person ging die entscheidende inhaltliche Prägung des FBV aus, ebenso die Planung und Vorbereitung der ersten durch diesen Verein einberufenen Frauenkonferenz vom 16. bis 17. Oktober 1865 in Leipzig, "nunmehr aus dem Leipziger Wirkungskreis herauszutreten und auf nationaler Ebene Frauenpolitik zu gestalten".[35] Ergebnis dieser Konferenz war die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) am 18. Oktober 1865 (Entscheidungstag der Völkerschlacht von 1813), dessen Vorsitz Louise Otto-Peters bis zu ihrem Tod 1895 innehatte.

Jüngere Publikationen haben gezeigt, dass FBV und ADF inhaltlich-programmatisch und organisatorisch-strukturell innovativ waren.[36] Über Jahre hinweg agierten beide Vereine als Ideenschmieden, Impulsgeber, Experimentierfelder und Botschafter der neuen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Statute und Programme der Vereine enthielten nicht Wohltätigkeit als Satzungszweck. Im Fokus standen die Vermittlung von Bildung und die Ausbildung zur Berufstätigkeit, um wirtschaftliche und soziale Selbstständigkeit zu erlangen. Gleichermaßen zählten ein Recht auf umfassende Bildung, Teilhabe an Kunst und Kultur, also eine ethische und ästhetische Persönlichkeitsentfaltung, zu weiteren satzungsgemäßen Aufgaben.[37] Unter Heranziehung Louise Ottos noch wenig wissenschaftlich untersuchtem Kunstverständnis[38] – Kunst solle für alle offen sein – wird ihr weit greifendes Emanzipationskonzept deutlich, das eine ganzheitliche Bildung für alle Menschen einforderte und diese als grundlegendes geschlechtsspezifisches und klassenübergreifendes Recht verstand.[39] In welchem Maße Arbeiterinnen und andere Frauen aus unteren Gesellschaftsschichten an dem Angebot partizipierten, ist wenig bekannt.[40]

Im ADF konnten nur Frauen Mitglieder werden und damit auch den Vorstand bilden. Die für die damalige Zeit einzigartige Reform ging mit Kontroversen einher. Dennoch waren Männer intensiv als Mitgründer und dann als Ehrenmitglieder mit eingeschränkten Rechten aktiv am Vereinsleben beteiligt. In der späteren Vereinsgeschichtsschreibung wurde dies jedoch nicht mehr adäquat dargestellt. Stattdessen fand das Selbsthilfe-Prinzip und das Verständnis des ADF als reines Frauenunternehmen stärkere Betonung.[41]

Insgesamt stand im lokalen FBV und im überregionalen ADF der Abbau struktureller Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sowie unter den Frauen im Zentrum. In einer Zeit, in der es keine vollständig eingeführte allgemeine Schulpflicht gab, Lehrpläne nach Geschlechtern getrennt waren, Mädchen bis in die 1890er Jahre kein Abitur machen durften und erst ab 1900 teilweise die Zulassung zum Studium erlangten sowie verschiedene Berufszweige für sie verschlossen blieben, war dieses erste eigenständige Frauenprojekt so gewagt wie innovativ. Der Erfolg des Projekts war unbestritten auf Louise Otto-Peters als die wichtigste Initiatorin und langjährige Vorsitzende des ADF zurückzuführen. Um meinungsbildend auf die sich formierende Frauenbewegung zu wirken, übernahm sie aus dieser Führungsposition heraus ab 1866 zielstrebig die Gründung und Herausgabe des Vereinsblattes "Neue Bahnen" bis zu ihrem Tod 1895. Die Zeitung wurde enorm wichtig für die Verbreitung frauenemanzipatorischer Initiativen und Ideen sowie für die Konsolidierung der Frauenbewegung. Ihre inhaltliche Auswertung aber steht erst am Anfang; unbestritten ist eine Doppelfunktion als Informations- und Kommunikationsplattform des Vereins im In- und Ausland und damit eine Wechselwirkung internationaler Einflüsse auf die Programmatik und Strategien des ADF.[42]

"Menschenwürdiges Dasein für Alle …" Zur Aktualität von Louise Otto-Peters

Louise Otto-Peters konnte in ihren vermutlich letzten Aufzeichnungen und Veröffentlichungen zum einen auf ein langes und intensives Leben zurückblicken, zum anderen berichten Tagebuchaufzeichnungen und Bittschriften an die Deutsche Schillergesellschaft zwischen 1864 und 1889 von ihrer trotz unermüdlicher journalistischer und schriftstellerischer Arbeit andauernden prekären Situation.[43] Mindestens seit 1873 drängte sie auf Entlassung aus der aktiven Vorstandsarbeit, um sich alleinig der Schriftstellerei zu widmen, wurde aber noch 1891 zur ADF-Vorsitzenden wiedergewählt. 1892 gab sie die Leitung des FBV an Auguste Schmidt ab; 1894 erlebte sie die Einführung der Gymnasialkurse für Mädchen, die der ADF unter Leitung von Dr. Käthe Windscheid einrichtete, als letzten öffentlichen Auftritt. Am 13. März 1895 verstarb sie 76-jährig an einer Lungenentzündung in ihrer Wohnung in der Kreuzstraße 29 in Leipzig-Reudnitz. Sie wurde an der Seite ihres Mannes auf dem Neuen Johannisfriedhof, dem heutigen Friedenspark, unter einem unbearbeiteten Granitstein ohne Kreuz beigesetzt. Der Grabstein befindet sich heute im Lapidarium des Alten Johannisfriedhofs; eine Baumpflanzung kennzeichnet das eigentliche Grab.

Louise Otto-Peters war vielleicht die bedeutendste deutsche Feministin des 19. Jahrhunderts, "[d]ie Otto beeinflußte alles, was mit der Bewegung zusammenhing, selbst die Sprache: Sie gab Begriffen wie Selbsthilfe, Pflichten und Rechte, Freiheit, Selbständigkeit jene Bedeutung, die aus der historischen Perspektive für die ganze Frauenbewegung, nicht nur die bürgerliche, sondern auch die wachsende proletarische charakteristisch ist".[44] Sie ist in einem Atemzug mit denjenigen Frauen zu nennen, die auf unterschiedlichsten Wegen für gleichberechtigte Partizipation eintraten und prägte so über ein halbes Jahrhundert aktiv die erste deutsche Frauenbewegung. Louise Otto-Peters schuf die ideellen und praktischen Grundlagen für unsere heutige gesellschaftspolitische Situation mit. Und doch bleiben Fragen und Forschungsdesiderate.

Die Gründung des ADF, der nach übergreifendem Konsens den Beginn der organisierten Frauenbewegung in Deutschland markiert und als erster gesamtnational orientierter Frauenverein gilt, wurde zur "Keimzelle" [45] vieler Fraueninitiativen und Vereinsgründungen, quasi zum "Prototyp eines genuin feministischen Projektes",[46] womit es gelang, eigene Anliegen in öffentliche Debatten zur Diskriminierung von Frauen einzubringen. Sowohl der Deutsche Staatsbürgerinnen-Verband e.V., die rechtliche Nachfolgeorganisation des ADF, als auch viele andere Frauenorganisationen, die sich nach 1945 und 1968 in Westdeutschland und ab 1989 in Ostdeutschland konstituierten, knüpften wesentlich bewusst und unbewusst an das ADF-Modell an.[47] FBV und ADF schufen für Mädchen und Frauen eine Vielfalt realer sozialer Angebote zur Verbesserung von Bildung und Erwerbsarbeit. Das dort vertretene Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht bis heute Generationen von Frauen ein selbstbestimmtes Leben. Zugleich wurde durch Petitionen und seit Erlangen des Wahlrechts Einfluss auf Politik und Gesetzgebung genommen. Frauen haben seither eine Stimme in Öffentlichkeit und Politik. Dennoch würde Louise Otto-Peters heute – mit Worten und Taten – nicht weniger engagiert sein. Die von ihr in der "Frauen-Zeitung" publizierte Idee einer "untheilbaren Freiheit" forderte politische, soziale und religiöse Grundrechte uneingeschränkt für alle Menschen. Daraus resultierte auch, sich gegen solche Diskriminierungen einzusetzen, selbst wenn sie davon nicht direkt betroffen war.

Für viele, die sich mit Louise Otto-Peters intensiver beschäftigen, ist sie eine couragierte Visionärin mit politischem Weitblick. Sie war ein modern denkender und handelnder Mensch, auch wenn ihre Kritik an rauchenden und trinkenden Frauen in Männerkleidung oder an sexueller Freizügigkeit aus heutiger Sicht einen verengten Blick zeigt. Im Mittelpunkt ihres Konzepts stand nicht die ihrer Ansicht nach hedonistische Selbststilisierung zum Beispiel einer Louise Aston, sondern Selbstentfaltung durch gesellschaftliche Teilhabe und Mitarbeit. Es ist auffällig, wie stark ganzheitlich sie in ihren journalistischen und literarischen Beiträgen argumentiert und Gerechtigkeit im Sinne eines erfüllten menschlichen Lebens fordert.[48] In diesem humanistischen Gedankenexperiment ist für alle Menschen die volle Entwicklung individueller Fähigkeiten und ein gerechter Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen gewährleistet.[49]

Fußnoten

34.
Louise Otto-Peters, Zum 25jährigen Bestehen des Frauenbildungsvereins in Leipzig, in: Neue Bahnen 4/1890, S. 25–29, hier S. 27.
35.
Schötz (Anm. 8), S. 438.
36.
Vgl. etwa dies., Leipzig und die erste deutsche Frauenbewegung, in: Detlef Döring (Hrsg.), Leipzigs Bedeutung für die Geschichte Sachsens. Politik, Wirtschaft und Kultur ins sechs Jahrhunderten, Leipzig 2014, S. 157–180, hier S. 159–168; Rita Huber-Sperl, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Organisiert und engagiert. Vereinskultur bürgerlicher Frauen im 19. Jahrhundert in Westeuropa und den USA, Königstein/Ts. 2002, S. 11–40, hier S. 29.
37.
Vgl. Louise Otto-Peters, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Blicke auf das Frauenleben der Gegenwart. Mit einer Reminizenz der Verfasserin und Betrachtungen zu der Schrift aus heutiger Sicht, hrsg. von Astrid Franzke/Johanna Ludwig/Gisela Notz, Leipzig 1997 (1866).
38.
Vgl. Louise Otto, Die Mission der Kunst mit besonderer Rücksicht auf die Gegenwart, Leipzig 1861; dies., Die Kunst und unsere Zeit, Großenhain 1852.
39.
Vgl. Johanna Ludwig, "Die Kunst für Alle!" Einblicke in das Kunstverständnis von Louise Otto-Peters und ihr eigenes künstlerisches Schaffen, in: Schötz/Kämmerer/Rothenburg (Anm. 22), S. 131–139; Susanne Schötz, Louise Otto-Peters – Über Kunst und Künstlertum, in: Ludwig/Schötz/Rothenburg (Anm. 6), S. 207–212.
40.
Vgl. Irina Hundt/Susanne Schötz, "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne". Der Allgemeine Deutsche Frauenverein von 1865, in: Ariadne 67–68/2015, S. 8–17, hier S. 12.
41.
Vgl. Irina Hundt, Das Selbsthilfe-Prinzip bei der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) im Jahre 1865 mit einem Ausblick auf die Diskussion in darauffolgenden Jahren, in: Berndt/Kämmerer (Anm. 33), S. 62–82. Als erste Historiografin des ADF stellte Louise Otto-Peters anhand heute nicht mehr überlieferter Protokolle seine Geschichte dar, die jedoch Fragen aufwirft. Vgl. Louise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, gegründet am 18. Oktober 1865 in Leipzig, Leipzig 1890.
42.
Vgl. u.a. Magdalena Gehring, Vorbild, Inspiration oder Abgrenzung? Die Amerikarezeption der deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. (i.V.); Susanne Schötz, "[…] daß Alles, was wir hier wagen und sagen doch überaus bescheiden ist gegen das, was man im freien Amerika fordert." Zur Rezeption ausländischer frauenemanzipatorischer Aktivitäten durch die Pionierinnen des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, in: Ludwig/Schötz/Rothenburg (Anm. 6), S. 80–89.
43.
Vgl. Schötz (Anm. 16).
44.
Boettcher Joeres (Anm. 12), S. 21.
45.
Gerhard (Anm. 12), S. 76.
46.
Hundt/Schötz (Anm. 40), S. 12.
47.
Vgl. Hundt (Anm. 2), S. 12.
48.
Vgl. Berndt (Anm. 33).
49.
Vgl. L.O. [Louise Otto], Menschenwürdiges Dasein für alle, in: Neue Bahnen 16/1868, S. 121–124, hier S. 122.
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