Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Kerstin Wolff

Erinnerungswege. Über die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Frauenbewegung

50 Jahre Frauenbewegung und die Zeit der Weimarer Republik

Mitten im Ersten Weltkrieg, 1915, beging der ADF seinen 50. Geburtstag. Anlässlich dieses Jubiläums hielt die Erste Vorsitzende, Helene Lange, einen Vortrag, der in der Oktoberausgabe ihrer Zeitschrift "Die Frau" abgedruckt wurde. In diesem Text wird nun zum ersten Mal – nach meinen Recherchen – die Argumentationsfigur, Louise Otto-Peters sei die Gründerin der deutschen Frauenbewegung, aufgerufen. So schrieb Lange über die Gründung des ADF: "Dem Tag des Jahres 1865, an dem die Begründerinnen unseres Vereins, Luise Otto und Auguste Schmidt, mit wenigen Gleichgesinnten den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und damit die organisierte deutsche Frauenbewegung ins Leben riefen, geht eine Vorgeschichte voran."[11] Und auch in den "Neuen Bahnen", in denen der Vortrag in gekürzter Fassung erschien, wird in einer kurzen Zusammenfassung der Feierlichkeiten diese Diskursfigur aufgenommen: "Den stimmungsvollen Auftakt zu der Tagung bildete am Nachmittag des 26. September eine Feier an der Büste der Begründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und mithin der deutschen Frauenbewegung, Louise Otto-Peters."[12] Schon alleine die Tatsache, dass 1915 das Jubiläum der Frauenbewegung begangen wurde, dieses also nicht an die Lebensdaten von Louise Otto-Peters geknüpft worden war, sondern an die Gründung des ADF, zeigt, dass sich hier der Akzent weg von der Person, hin zur Institution verschob. Louise Otto-Peters wurde zur Begründerin der Frauenbewegung insgesamt, und durch die Verschiebung der Erinnerung von der Person auf die Institution erreichte die Erinnerungsarbeit der Frauenbewegung, dass ein immer noch bestehender Frauenverein ins Zentrum rückte und dieser das Jubiläum für seine aktuelle Arbeit nutzen konnte.

Allerdings ließen die Protagonistinnen der Frauenbewegung an diesem Punkt die Erinnerung an Louise Otto-Peters nicht gänzlich fallen. Vielmehr knüpften sie ein enges Band zwischen ADF und ihrer Person. An diesem Punkt nun – so meine These – trat die Denkfigur von Louise Otto-Peters als Gründerin des ADF und somit als Gründerin der Frauenbewegung allgemein auf den Plan. Das Jubiläum des ADF wurde von der zu diesem Zeitpunkt den ersten Vorsitz innehabenden Helene Lange dafür genutzt, diese Verknüpfung herzustellen, und damit sich selbst als erste Vorsitzende des Verbandes zu legitimieren und zu stärken, denn in den Fußstapfen von Louise Otto-Peters zu stehen, bedeutete, die ruhmreiche Tradition der frühen Frauenbewegung und der liberalen Revolution von 1848/49 fortzuführen. Die ab den 1890er Jahren eingesetzten Flügelbildungen, Abspaltungen und Differenzierungen innerhalb der Frauenbewegung wurden mit dem Rückgriff auf die "Gründerin" und den Gründungsverein überspannt und die Einheit der Frauenbewegung betont – eine sinnvolle Vorgehensweise in einer Zeit, in der alle Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kriegsgesellschaft zu schweigen hatten.

In der Weimarer Republik, in der sich die staatliche Grundlage der Frauenbewegung stark veränderte, da durch die Einführung des Frauenwahlrechts die Frauen zu Staatsbürgerinnen geworden waren, schien die Zeit für Erinnerungen an den Bewegungsbeginn und an die ersten Protagonistinnen nicht sehr günstig zu sein. Neben eine bedrohliche Finanzsituation traten organisatorische Veränderungen der Vereinsarbeit der Frauenbewegung insgesamt. Trotzdem entstanden in dieser Situation ab 1927 die "Quellenhefte zum Frauenleben in der Geschichte", herausgegeben von Emmy Beckmann und Irma Stoß.[13] Das Heft zu den Anfängen der Frauenbewegung schrieb Helene Lange, die der einmal eingeschlagenen Argumentationsrichtung treu blieb und auch hier die ADF-Gründerin als Begründerin der Frauenbewegung insgesamt aufrief.

Die Frage stellt sich aber an dieser Stelle, ob diese Erzähltradition in anderen Werken aus der Frauenbewegung der damaligen Zeit ebenfalls auftaucht, also wie erfolgreich Helene Lange als Chronistin und Interpretin der Geschichte der Frauenbewegung gewesen ist. Exemplarisch möchte ich hier auf das Buch von Agnes von Zahn-Harnack – der letzten Vorsitzenden des Bundes Deutscher Frauenvereine – eingehen, die 1928 in Berlin das Buch "Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele" veröffentlichte.[14] Da die Autorin nicht chronologisch vorgeht, sondern thematisch, findet sich der Absatz zum Beginn der Frauenbewegung im Kapitel zu den Frauenbildungs- und Frauenberufsvereinen. Zahn-Harnack schildert darin den Beginn der Frauenbewegung nicht so dezidiert wie Helene Lange – trotzdem geht die Erzählung in eine ähnliche Richtung: "Die 40er Jahre sind darum so unauflöslich mit dem Anfang der Frauenbewegung verbunden, weil die Stürme der Revolution auch vor dem eingeschreinten und eingesargten Frauenleben nicht haltmachten. Die Enge zu sprengen, das wurde die große Sehnsucht der Frau; sie suchte sich hierzu Bundesgenossen und so entstanden, (…) die ersten Frauenvereinsbildungen und die ersten Frauenbildungsvereine. (…) Louise Otto-Peters war es, die in Gemeinschaft mit Auguste Schmidt die Gründung plante und vollzog, und ihr Name gehört als erste in das goldene Buch der Frauenbewegung."[15]

Zusammenfassend kann hier festgestellt werden, dass die starke Verknüpfung zwischen der Gründung des ADF 1865 in Leipzig als Beginn der Frauenbewegung und der Person von Louise Otto-Peters sich ab 1915 durchzusetzen begann. Formuliert hatte diese Verknüpfung Helene Lange, die damit darauf verwies, in welcher Tradition sie sich selbst verstand. Die Funktion der Erinnerung an Louise Otto-Peters lag in der Idee einer Gründungsgeschichte, eines gemeinsamen Beginns der Frauenbewegung, die das Handeln in der Gegenwart legitimieren sollte.

In Nachkriegszeit und Zweiter Frauenbewegung

Wie und dass die sich wiedergründende Frauenbewegung an Louise Otto-Peters anknüpfte, wurde bereits für das Jahr 1948 beschrieben. Diese Erinnerungsspur wurde dann vor allem in den 1950er Jahren genutzt, um das scheinbar verloren gegangene Wissen um die Geschichte der Frauenbewegung zu erneuern und damit die Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft der Bewegung zu nutzen. Eine besonders wichtige Erinnerungsschrift erschien Anfang der 1950er Jahre und trug den Titel "Hundert Jahre Frauenbewegung in Deutschland", Verfasserin war die CDU-Politikerin und Leiterin des Frauenfunks des Hessischen Rundfunks, Gabriele Strecker; Herausgeberin das Büro für Frauenfragen in der Gesellschaft zur Gestaltung öffentlichen Lebens, später Büro für staatsbürgerliche Frauenarbeit genannt.[16] Dieses Büro war eingebunden in die Reeducation-Politik der US-amerikanischen Besatzer und wurde durch Marshallplangelder in Wiesbaden gegründet und finanziert. Hauptaufgabe des Büros bestand darin, "Frauen für eine Teilnahme am öffentlichen Leben zu interessieren sowie bereits politisch partizipierende Frauen zu fördern und zu unterstützen".[17] Wenn dieses Büro nun eine Schrift zur historischen Entwicklung der Frauenbewegung in Deutschland herausgab, kann davon ausgegangen werden, dass hier ein Versuch gestartet wurde, ein offizielles beziehungsweise ein staatlich gewolltes Erzählmuster zu präsentieren.

Ideengeschichtlich lässt Gabriele Strecker die Frauenbewegung mit den Vorstellungen der Französischen Revolution beginnen, um dann aber bereits auf Louise Otto-Peters zu sprechen zu kommen, "die sich in der politischen Luft der 48er Jahre zu einer ungewöhnlichen Persönlichkeit entwickelt hatte (…) [und] im Jahr 1865 in Leipzig den ‚Allgemeinen Deutschen Frauenverein‘ [gründete]. Damit beginnt die Geschichte der organisierten deutschen Frauenbewegung."[18] Strecker nimmt damit exakt die Erzählweise auf, die von Helene Lange 1915 gesetzt wurde, und verknüpft damit lückenlos die Nachkriegsfrauenbewegung mit der bürgerlich (gemäßigten) Frauenbewegung um Lange.

Was wie eine persönliche Entscheidung dieser Autorin anmutet, wird bei genauerer Betrachtung allerdings zu einer hochgradig politisch aufgeladenen Erzählung. Denn die Frauenbewegung der Nachkriegszeit wurde ebenso wie das Land in zwei Hälften gespalten, die jeweils einen Teil der Geschichte für sich beanspruchten. Ging die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung in die spätere DDR, um hier das Frauen- und Emanzipationsbild zu legitimieren, übernahm die Bundesrepublik die gemäßigt bürgerlichen Vorbilder, um ebenfalls die eigene Vorgehensweise argumentativ abzustützen. Damit wurde billigend in Kauf genommen, dass Arbeitsweisen und Themen "vergessen" beziehungsweise nicht tradiert wurden, die sich auf dem "linken" beziehungsweise sich als "radikal" verstehenden Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung befunden hatten – auch die pazifistische Tradition in der Weimarer Republik wurde ignoriert. Die Wiedergründung der Frauenbewegung in der Bundesrepublik war damit bürgerlich-gemäßigt geprägt,[19] und dies blieb sie auch, bis Ende der 1960er Jahre die "neue" oder "zweite" Frauenbewegung startete, die sich "bewusst von der etablierten, traditionellen und zahm gewordenen Politik der Frauenverbände absetzte".[20] Die Erinnerung an Louise Otto-Peters hatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit also die Funktion, an den "richtigen", sprich bürgerlich-gemäßigten Flügel der Frauenbewegung anzuknüpfen.

Die neue Welle der Frauenbewegung in Deutschland, die von jungen Frauen getragen wurde, die nichts mit den älteren Frauen in den Verbänden zu tun hatten, erlebte sich daher als "geschichtslos". So sprach zum Beispiel Silvia Bovenschen, ein aktives Mitglied der autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre, in einem Interview mit dem "Spiegel" im Februar 2011 vom Kampf der Geschlechter in der Vergangenheit und bekannte: "Wir wussten von alldem nichts, als wir 1968 an der Uni begannen, uns mit dem Phänomen zu beschäftigen, dass immer nur die Männer die großen Reden hielten und die Frauen die Flugblätter tippten."[21] Und auch Alice Schwarzer betont in ihrer Autobiografie, dass sie – und andere Frauen der autonomen Bewegung – 1972 fest davon überzeugt waren, die Ersten zu sein. "Ich weiß fast nichts über unsere Vorläuferinnen, die Historische Frauenbewegung." Lediglich ein paar Namen seien bekannt: "Die einzigen Namen, die ich kenne, sind die der Sozialistin Clara Zetkin (1857–1933) und der mit den Sozialisten zusammenarbeitenden Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters (1819–1895). Sie haben in den Geschichtsbüchern überlebt."[22]

Hier zeigt sich, dass Louise Otto-Peters zu einer der wenigen historischen Frauen gehörte, die aus der Geschichte des Frauenemanzipationskampfes des 19. Jahrhunderts durchgängig erinnert wurden. Wie ist dies zu deuten? Es steht zu vermuten, dass die Erinnerung an Louise Otto-Peters sich aus der Erinnerungskultur der Frauenbewegung langsam herausgelöst hatte, da sie durch die Geschichtswissenschaft auch als 1848er Revolutionärin und frühe Sozialreformerin entdeckt worden war. Sie und ihre Texte zur sozialen Lage der Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren nicht nur in der Literatur der Frauenbewegung selbst rezipiert worden, sondern wurden auch recht früh in der einsetzenden wissenschaftlichen Forschung zu Vormärz und Revolutionszeit wahrgenommen.[23]

Fußnoten

11.
Helene Lange, Fünfzig Jahre deutscher Frauenbewegung, in: Die Frau 1/1915, S. 2f.
12.
O.A., Die Jubiläumsversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, in: Neue Bahnen 20/1915, S. 161.
13.
Emmy Beckmann/Irma Stoß, Geleitwort, in: Quellenhefte zum Frauenleben in der Geschichte, Heft 17, Innenumschlag, Berlin 1927.
14.
Agnes von Zahn-Harnack, Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele, Berlin 1928.
15.
Ebd., S. 162.
16.
Vgl. Tanja Roth, Gabriele Strecker – Leben und Werk einer frauenpolitischen Aktivistin in der Nachkriegszeit, Kassel 2016, S. 122.
17.
Ebd., S. 122.
18.
Gabriele Strecker, Hundert Jahre Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 1951, S. 9.
19.
Siehe Kerstin Wolff, Ein Traditionsbruch? Warum sich die autonome Frauenbewegung geschichtslos erlebte, in: Julia Paulus/Eva-Maria Silies/dies. (Hrsg.), Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik, Frankfurt/M. 2012, S. 256–274.
20.
Ute Gerhard, Frauenbewegung in Deutschland – Gemeinsame und geteilte Geschichte, in: Ingrid Miethe/Silke Roth (Hrsg.), Europas Töchter. Traditionen, Erwartungen und Strategien von Frauenbewegungen in Europa, Opladen 2003, S. 81–100, hier S. 89.
21.
Silvia Bovenschen, Kinder sind die Falle, in: Der Spiegel, 10.1.2011, S. 108ff., hier S. 108.
22.
Alice Schwarzer, Lebenslauf, Köln 2011, S. 249.
23.
Vgl. beispielsweise Werner Thönnessen, Frauenemanzipation. Politik und Literatur der deutschen Sozialdemokratie zur Frauenbewegung 1863–1933, Frankfurt/M. 1969, S. 14, Anm. 4.; Margrit Twellmann, Die Deutsche Frauenbewegung. Ihre Anfänge und erste Entwicklung 1843–1889, Meisenheim/Gl. 1972; Ruth-Ellen Boetcher Joeres, Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung: Louise Otto-Peters, Frankfurt/M. 1983.
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Autor: Kerstin Wolff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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