Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Kerstin Wolff

Erinnerungswege. Über die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Frauenbewegung

Louise Otto-Peters gehört aber auch zu den ganz wenigen "gemäßigten" Protagonistinnen der bürgerlichen Frauenbewegung, die im Rahmen der neu entstehenden Frauengeschichte genannt wurden. Dies ist erstaunlich, denn die historische Frauenforschung verstand sich zu Beginn als Teil einer Identitätssuche, in deren "Mittelpunkt der dortigen Forschungspräsentationen zunächst jene ‚radikalen‘ Traditionen [standen], die mehr als vierzig Jahre verschollen waren, und zu deren Themen und Positionen sich eine – vermeintlich ungebrochene – Verbindung zur Gegenwart herstellen ließ".[24] Damit hatte sich die Erinnerung an Louise Otto-Peters endgültig aus der Eigengeschichte der bürgerlich-gemäßigten Frauenbewegung gelöst. Spannend ist, dass sie aber auch hier als Gründerin der Frauenbewegung beschrieben wurde und damit die Diskurstradition der Frauenbewegung fortgesetzt wurde. Die Funktion der Erinnerung bestand nun in einem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse, die den Ausgangspunkt der Frauenbewegung markieren wollte. Dass die historische Wissenschaft damit relativ unbekümmert und unreflektiert eine Tradition der bürgerlichen Frauenbewegung übernahm, steht auf einem anderen Blatt.

Nicht vergessen werden sollte an dieser Stelle, dass Louise Otto-Peters auch in der Forschungstradition der DDR ihren Platz fand. 1966/67 entstand am Lehrstuhl Geschichte des damaligen Pädagogischen Instituts Leipzig eine Forschungsgruppe zur Erforschung der Geschichte der proletarischen Frauenbewegung. Die Akademie der Wissenschaften hatte diesen Arbeitsschwerpunkt vorgeschlagen, als deutlich geworden war, dass bei der Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung die Frauen fast gänzlich vernachlässigt worden waren. Hans-Jürgen Arendt, einer der Mitglieder dieser – übrigens zu Beginn lediglich aus Männern bestehenden – Forschungsgemeinschaft erinnerte sich 1991 folgendermaßen an die Situation: "Die SED besaß jedoch ein elementares Interesse, sich des ungehobenen Schatzes anzunehmen, seit die unter Walter Ulbrichts Leitung ausgearbeitete achtbändige ‚Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung‘ (1966) unter diesem Aspekt auf Kritik gestoßen war."[25] In der Folge entstanden zahlreiche Arbeiten, unter anderem eine Chronik, die mit "Zur Rolle der Frau in der Geschichte des Deutschen Volkes (1830–1945)" überschrieben war und 1984 publiziert wurde. Und auch hier wird – obwohl der Schwerpunkt auf der Geschichte der proletarischen Frauenbewegung liegt – auf Louise Otto-Peters verwiesen und auf ihre Rolle als ADF-Gründerin, mit dem "die gesamtnational organisierte bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland" beginnt.[26] Die Idee der Gründung der bürgerlichen Frauenbewegung durch Louise Otto-Peters hatte sich damit auch in der proletarischen Geschichtsauffassung verfestigt.

Und heute?

Die Erinnerung an Louise Otto-Peters ist bis heute ungebrochen. Auf vielen digitalen Seiten[27] wie auch auf gedruckten findet sich Louise Otto-Peters als Ideengeberin, langjährige Erste Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und damit als Gründerin der Frauenbewegung insgesamt. So formuliert beispielsweise Rosemarie Nave-Herz, die 1981 eine Geschichte der Frauenbewegung für die niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung schrieb, gleich unter der Überschrift "Die Ausgangslage": "Als Gründerin der deutschen Frauenbewegung gilt Louise Otto-Peters (1819–1895), die von der politischen Begeisterung ihrer Zeit und den weltanschaulichen Ideen jener Epoche von Freiheit, Gleichheit, Selbständigkeit ganz erfaßt worden war und wegen ihrer politischen Poesie als ‚Lerche des Völkerfrühlings‘ gefeiert wurde" und packt in diesen einen Satz sowohl das Etikett der Gründerin als auch die Erinnerung an die Revolutionszeit.[28] Und auch in aktuelleren Werken findet sich der Zusammenhang von Gründung der Frauenbewegung und Louise Otto-Peters.[29]

Entscheidend für die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Zivilgesellschaft war die Gründung der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. im Januar 1993 in Leipzig. Ziel des Vereins ist es, "Leben und Werk der Dichterin, Schriftstellerin, Journalistin, 1848er-Demokratin und Frauenpolitikerin Louise Otto-Peters (1819–1895) in der Öffentlichkeit bekanntzumachen und zu würdigen".[30] 1997 wurde das Louise-Otto-Peters-Archiv gegründet, und jährlich finden Louise-Otto-Peters-Tage und andere Veranstaltungen statt. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Engagement der mittlerweile verstorbenen Initiatorin, langjährigen Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden der Gesellschaft, Johanna Ludwig. Ihr ist es zu verdanken, dass die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Stadtgeschichtsschreibung Leipzigs verankert wurde.[31] Neben dem bereits erwähnten Denkmal gibt es heute in Leipzig einen Louise-Otto-Peters-Platz, die Louise-Otto-Peters-Allee, die Louise-Otto-Peters-Schule, und in der Kreuzstraße erinnert eine Gedenktafel an ihr Wohnhaus. Außerdem findet sich ihr Grabstein auf dem historischen Leipziger Alten Johannisfriedhof, der seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch als museale Parkanlage genutzt wird.[32] Einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb Leipzigs und der Frauenbewegung mag sie bekannt(er) geworden sein durch die Gedenkbriefmarke der Deutschen Post 1974 anlässlich ihres 155. Geburtstages.

Heute gehört Louise Otto-Peters zum Kanon der wichtigen (Vor-)Kämpferinnen der Frauenbewegung in Deutschland. Sie wird als Gründerin der organisierten Frauenbewegung ebenso erinnert wie als 1848er Revolutionärin. Damit wird eine Tradition fortgesetzt, die von ihren Zeitgenossinnen bereits angestoßen, ausgearbeitet und verbreitet wurde. Als eine der ganz wenigen hat die Erinnerung an sie die verschiedenen Brüche der deutschen Geschichte überstanden, hat sie sich in den verschiedenen Wellen der Frauenbewegung immer behaupten können. Über die Gründe dafür kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Ich glaube, dass die Zwischenstellung von Otto-Peters zwischen früher Frauenbewegung und früher Arbeiterbewegung dazu geführt hat, dass sie in beiden Erinnerungskreisen rezipiert wurde. Und es kam ihr zugute, dass der bürgerlich-gemäßigte Flügel der Frauenbewegung, dem Helene Lange angehörte, sich schon recht früh einer eigenen Traditionsbildung annahm und Louise Otto-Peters darin einen prominenten Platz einnahm.[33] Ihr fiel die Aufgabe zu, als erinnerte Gründerin der Frauenbewegung die Bewegung zu einen und zu stärken, damit die Frauenbewegung der Gegenwart handlungsfähig für die Zukunft war.

Fußnoten

24.
Julia Paulus/Kerstin Wolff, Selber schreiben – Beschrieben werden – Erforscht werden. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland im Spiegel der (Selbst-)Erforschung, in: Ariadne 67–68/2015, S. 20–30, hier S. 24.
25.
Hans-Jürgen Arendt, Schwarze Wolken über dem Leipziger Forschungszentrum ‚Frauen in der Geschichte‘, in: Ariadne 20/1991, S. 70f., hier S. 70.
26.
Ders./Siegfried Scholze (Hrsg.), Zur Rolle der Frau in der Geschichte des Deutschen Volkes (1830 bis 1945) – Eine Chronik, Frankfurt/M. 1983, S. 21.
27.
Vgl. beispielsweise das bpb-Dossier zur Frauenbewegung, http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung«; die Geschichte der Frauenbewegung auf dem Blog Die Störenfriedas, https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland, oder auf Focus-online, die mit einem Bild von Louise Otto-Peters beginnt, http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/frauenbewegung«.
28.
Rosemarie Nave-Herz, Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Hannover 19975, S. 7.
29.
Vgl. beispielsweise Michaela Karl, Die Geschichte der Frauenbewegung, Stuttgart 2011; Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006.
30.
Siehe http://www.louiseottopeters-gesellschaft.de«.
31.
Vgl. ebd.; Johanna Ludwig, Eigner Wille und eigne Kraft. Der Lebensweg von Louise Otto-Peters bis zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865. Nach Selbstzeugnissen und Dokumenten, Leipzig 2014.
32.
Siehe http://www.leipzig.de/freizeit-kultur-und-tourismus/parks-waelder-und-friedhoefe/parks-und-gruenanlagen/alter-johannisfriedhof«.
33.
Kerstin Wolff, Eine eigene Geschichte schreiben. Frauenbewegungszeitschriften als vergessene Orte einer frühen Frauengeschichte, in: Feministische Studien 1/2017, S. 128–137.
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Autor: Kerstin Wolff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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