Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Gabriella Hauch

Für die "Harmonie der Menschheit". Zum Verhältnis von Revolution und Geschlecht im langen 19. Jahrhundert

Die große Französische Revolution: eine für Frauen?

Mit der "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" vom 26. August 1789 wurde am Beginn der Französischen Revolution die diskursive Auseinandersetzung eröffnet, welche Menschengruppen die neue Freiheit und Gleichheit ein- und welche ausschließen würde.[18] Adressiert an den mündigen Bürger blieb der Geschlechtergruppe Frau der Subjektstatus verwehrt, sie blieb von den projektierten staatsbürgerlichen Handlungsräumen der neuen Gesellschaftsformation ausgeschlossen. Zwei Jahre später, im September 1791, legte die Schriftstellerin Olympe de Gouges (1748–1793) die "Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin" vor, worin sie, der Struktur der Menschenrechtserklärung folgend, die volle rechtliche, politische und soziale Gleichstellung der Frau forderte.[19] Diese beiden kontroversen Erklärungen, die den Ein- und Ausschluss aus politischen Handlungsräumen entlang der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit implizit und explizit thematisierten, zeigen den Verhandlungsstatus der Problematik: Handelte es sich um Freiheit und Gleichheit in Brüderlichkeit oder in Geschwisterlichkeit?

Die geschlechtsspezifisch erste Phase der Französischen Revolution eröffnete für Frauen und Männer verschiedenster sozialer Positionierungen neue Formen der Artikulation von Wünschen und Protest gegenüber den alten sowie den sich neu formierenden Eliten. Unterschiedliche Organisationsformen entstanden. Es gab Vereine, die Frauen nur als Zuhörerinnen duldeten, etwa die Jakobinerclubs. In Paris gab es in der Regel gemischtgeschlechtliche Clubs, wie die Bruderschaft für beide Geschlechter, während außerhalb der Hauptstadt reine Frauenclubs dominierten.[20] Neben dem Erlernen und Ausprobieren, was "politisch sein" bedeutete – eine Frage, die auch Männer betraf –, übernahmen diese Vereine auch soziale Aufgaben und organisierten angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit erste staatlich-kollektive Werkstätten. Mit der Kriegserklärung vom 20. April 1792 kam auch die Frage der bewaffneten Frau auf die Diskursagenda.

Frauen der unteren und mittleren Schichten zeigten – nachdem sie immer eine wichtige Rolle in Volksaufläufen oder Hungerunruhen gespielt hatten – beim Sturm auf die Bastille, dass militante Protestformen zur Durchsetzung ihrer Anliegen nicht außergewöhnlich waren. Besonders der Zug der Marktweiber nach Versailles am 5. und 6. Oktober 1789 wurde breit rezipiert, diese Akteurinnen zeitgenössisch ebenso als Heldinnen gefeiert wie geschmäht.[21] Die Beteiligung der Frauen an der nicht institutionalisierten Gewalt der Volksaufstände 1792 und 1793 während der Revolution ist ebenso evident wie ihre Teilnahme in der Revolutionsarmee. Als allerdings Pauline Léon (1768–1838), eine revolutionäre Republikanerin, dieses Engagement zu institutionalisieren suchte und 1792 in die Gesetzgebende Versammlung eine Petition zur Bewaffnung von Frauen einbrachte, wurde ihre Initiative zwar begrüßt, aber mit dem Hinweis abgelehnt, dass dies "wider die Natur" sei.[22]

Mit Beginn der Terrorherrschaft der Jakobiner 1793 endete die geschlechtsspezifisch erste Phase der Revolution, die als eine Art Laboratorium in Sachen Geschlechterpolitik angesehen werden kann. Innovationen wie das Recht auf Scheidung, das Recht der Frau auf Familieneigentum, väterliche Alimentationspflichten für ledige Kinder oder die Gleichsetzung von Jungen und Mädchen in der Schulbildung wurden sukzessive infrage gestellt. Armee und Politik wurden als Männerräume institutionalisiert. Mit den damit verbundenen geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen schien für das männliche Individuum des Dritten Standes in der angespannten politischen, militärischen und ökonomischen Situation eine Aufwertung verbunden. Im April 1793 wurden alle Frauen aus der Armee entlassen, im Juni lehnte die Nationalversammlung den Entwurf des Marquis de Condorcet über die Gleichberechtigung der Frauen ab, im September wurden die Frauenclubs aufgelöst und schließlich 1794 Frauen die Teilnahme an politischen Versammlungen verboten. Die Geschlechterpolitik der Jakobiner schrieb so die Geschlechtergruppe Frau durch Gesetze und Verbote als unpolitisch fest. Das galt nicht nur für "oppositionelle" Frauen wie Madame Roland (1754–1793), Charlotte Corday (1768–1793) oder Olympe de Gouges, selbst die Jakobinerinnen wurden als potenziell konterrevolutionär, weil weiblich, eingestuft.

Der Herrschaft Napoleons und dem proklamierten Ende der Revolution 1799 folgte 1804 der für die Geschlechterpolitik der Bürgerlichen Moderne mit Vorbildcharakter ausgestattete Code Civil, später umbenannt in Code Napoléon, der etliche auf egalité zielende geschlechterpolitische Gesetze im Familienrecht wieder zurücknahm und ungleiche Handlungsräume an der Geschlechtergrenze verankerte. Zwar definierte er die Ehe noch als zivilen Vertrag, diese Verbindung dann allerdings als "sakral"; 1816 wurde die Scheidung wieder abgeschafft. Auch die Alimentationspflicht des Vaters für außereheliche Kinder wurde untersagt. Was blieb, war die Gleichsetzung von Jungen und Mädchen im Erbrecht.[23] Dem entsprachen in großen Linien die Familien- und Eherechte der im 19. Jahrhundert auf nationaler Ebene beschlossenen Bürgerlichen Gesetzbücher.

Die Besetzung weiter Teile Deutschlands durch die Französische Armee unter Napoleon begründete zum einen die lang andauernden Ressentiments gegen den westlichen Nachbarstaat, bedeutete aber, dass etliche Ideen, auch die Geschlechterverhältnisse betreffend, wie sie zu Beginn der Französischen Revolution diskutiert worden waren, nach Mitteleuropa sickerten. Neben den sogenannten antinapoleonischen Freiheitskämpfen, in denen auch Frauen aktiv waren,[24] entstanden mit der Bewegung der Jungdeutschen oder dem Jungen Österreich, der Romantik beziehungsweise verschiedenen frühsozialistischen Strömungen lebendige Diskurse über die Konstituierung von egalitären Geschlechterverhältnissen.

Die Pariser Julirevolution von 1830, als sich das liberale Bürgertum mit protoproletarischen Unterschichten verbündete, motivierte die liberalen Kräfte in verschiedenen Ländern des Deutschen Bundes, in Italien und den Niederlanden sowie die national motivierten Aufständischen in Polen zu neuen Aktivitäten. Als sich der "Bürgerkönig" Louis-Philippe schließlich der vom Metternichschen System geprägten Heiligen Allianz anschloss, kam es im Februar 1848 zu einer weiteren bürgerlich-liberalen Revolution in Frankreich, die – nachdem es bereits im Januar in Italien zu Aufständen gekommen war – am Beginn eines fast europaweiten Flächenbrandes stand.

Fußnoten

18.
Vgl. Dominique Godineau, Töchter der Freiheit und revolutionäre Bürgerinnen, in: Georges Duby/Michelle Perrot (Hrsg.), Geschichte der Frauen, Bd. 4, Frankfurt/M.–New York 1994, S. 25–43.
19.
Vgl. Elisabeth G. Sledziewski, Die Französische Revolution als Wendepunkt, in: ebd., S. 45–61.
20.
Vgl. die Karte Frankreichs in Claudia Opitz, Von der "querelle des femmes" in den Salons zur Frauen-Volksbewegung. Überlegungen zur Politisierung von Frauen während der Französischen Revolution, in: Frauen & Geschichte Baden-Württemberg et al. (Hrsg.), Frauen und Revolution. Strategien weiblicher Emanzipation 1789 bis 1848, Freiburg/Br. 1998, S. 14–32, hier S. 25.
21.
Vgl. Susanne Petersen (Hrsg.), Marktweiber und Amazonen. Frauen in der Französischen Revolution. Dokumente – Kommentare – Bilder, Berlin 1987.
22.
Dominique Godineau, The Women of Paris and Their French Revolution, Stanford 1998, S. 119ff.
23.
Vgl. ebd., S. 158ff., S. 347ff.
24.
Vgl. Dirk Alexander Reder, "…aus reiner Liebe für Gott, für den König und das Vaterland". Die "patriotischen Frauenvereine" in den Freiheitskriegen von 1813–1815, in: Karen Hagemann/Ralf Pröve (Hrsg.), Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel, Frankfurt/M.–New York 1998, S. 199–222.
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