Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Gabriella Hauch

Für die "Harmonie der Menschheit". Zum Verhältnis von Revolution und Geschlecht im langen 19. Jahrhundert

1848/49: Ein "Reich der Freiheit" in Geschlechtergerechtigkeit?

Die europäischen Revolutionen 1848/49 zeigten in geschlechtsspezifischer Hinsicht, wie sehr die bürgerliche Geschlechterordnung 50 Jahre nach der Französischen Revolution in die Mentalitäten eingeschrieben war.[25] Geschlecht hatte sich als Strukturkategorie etabliert, die den Ein- und Ausschluss aus den zentralen Institutionen der bürgerlichen Moderne regelte. Wurde die Gruppe der Männer nach sozialer Positionierung, nach Alter oder der Nation differenziert, wurden Frauen als homogene Geschlechtergruppe gefasst. Obwohl die bürgerlichen Freiheiten – das Ziel der europäischen Revolutionen des 19. Jahrhunderts – unbeschränkte Handlungsspielräume eröffnen sollten, blieb das Feld des Politischen von 1848 wie die politischen Vereine, das Wahlrecht und die Parlamente Männern vorbehalten, in Frankreich und der Habsburger Monarchie inklusive der Arbeiter. Diese innergeschlechtliche Differenzierung von Männern zeigt, wie die Kategorie der sozialen Positionierung im Gegensatz zu Geschlecht flexibel gehandhabt wurde. Wiewohl etliche Protagonistinnen der Frauenemanzipation, wie Louise Otto oder Flora Tristan (1803–1844), in ihren Schriften die Gruppe der Frauen und Arbeiter in einem Atemzug nannten,[26] wurde die Praxis der institutionalisierten bürgerlichen Politik männlich gestaltet.

Argumentiert wurde in Rückgriff auf die idealtypischen bürgerlichen Geschlechtscharaktere, die in neue Familienmodelle gegossen und in Gesetzen wie dem Preußischen Landrecht (1794), im Code Civil oder im habsburgischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (1811) kodifiziert wurden. Den Frauen wurde der Raum der Familie zugewiesen. Eine politisch engagierte Frau würde, so ein häufig genutztes Argument, ihre Familie vernachlässigen und dadurch das Funktionieren des Staates gefährden, außerdem störe die Macht der Erotik den vernunftbegabten, rationalen Männerraum des Politischen.[27] Die unter dem Schlagwort "Volksbewaffnung" gegründeten National- und Bürgergarden blieben Männern vorbehalten, auch wenn sich Frauen, vorwiegend der Unterschichten, wie bereits in der Französischen Revolution und in Paris 1830, an den militanten Aufständen 1848/49 aktiv beteiligten. Die in den revolutionären "Volks"-Armeen kämpfenden Frauen betrieben Cross-Dressing (zogen also Männerkleidung an) beziehungsweise verstärkten als einzelne Heldinnen, als Ausnahmen, wie im Falle der Ungarischen Freiheitsarmee, die Hegemonie der wehrhaften Männlichkeit.[28]

Die vielfältigen Forderungen von Frauen 1848/49 nach dem Wahlrecht, dem Recht, Waffen zu tragen, zu studieren, aber auch, des Abends ungestört ohne männliche Begleitung ein Café besuchen zu können, zeugen vom Bewusstsein für den Widerspruch, der der proklamierten Freiheit und Gleichheit in ihrer bürgerlich-liberalen Konzeption innewohnte. "Es wäre falsch, das Stimmrecht allgemein zu nennen, wenn von dessen Ausübung wenigstens die Hälfte der Untertanen ausgeschlossen ist", proklamierten 1848 in Wien einige Bürgersfrauen,[29] ganz in dem Sinne, wie es Louise Otto im selben Jahr in der von Louise Dittmar (1807–1884) herausgegebenen Zeitschrift "Sociale Reform" forderte.[30]

In der Praxis affirmierte der Mainstream der 1848erinnen jedoch die komplementäre Geschlechterpolarität, indem sie spezielle Frauenvereine gründeten. Deren Namen – Club des Femmes oder Demokratische Frauen-Hilfs-Vereine – zeugen von einem selbstgewählten Sonderstatus oder auch vom Androzentrismus des in Gründung befindlichen politischen Raums. Neben dem Demokratischen Verein der unmarkiert gebliebenen Männer entstand der Wiener demokratische Frauen-Verein, der sich explizit als "politischer" Verein definierte und, neben einigen Frauenvereinigungen in Paris, auch mit seinem elaborierten Programm eine europaweite Ausnahme darstellte.[31] Die selbstgewählte und zugeschriebene Geschlechterkomplementarität äußerte sich bereits 1848/49 in der "sozialen Mütterlichkeit": Frauen sammelten Geld, verköstigten die Kämpfer, versorgten Verwundete und stickten Fahnen für die Revolution.

Mit ihrem erweiterten Politikbegriff hat die Frauen- und Geschlechtergeschichte die politische Dimension dieses Engagements und den fließenden Übergang der nur scheinbar an der Geschlechtergrenze definierten Bereiche Öffentlichkeit und Privatheit deutlich gemacht. Abseits der politischen Institutionen wurde europaweit in den Festen der Revolution von 1848/49 das komplementäre Paar gefeiert[32] und gleichzeitig in militanten Auseinandersetzungen das bürgerliche Phantasma der friedfertigen Frau konterkariert. Die Praxis, mit den idealtypischen bürgerlichen Geschlechtscharakteren in einer ganz anderen Hinsicht zu "spielen", war später bei den Akteurinnen der Pariser Commune 1871 zu beobachten: Mit dem Kalkül, dass Soldaten angesichts des "schwachen" Geschlechts den Schießbefehl verweigern würden, traten vor allem Frauen den Regierungstruppen entgegen. Sie organisierten sich gemeinsam mit Männern oder in reinen Frauenkomitees, wie Louise Michels (1830–1905) Gruppe in Montmatre, die einen radikalen Gleichheitsbegriff vertrat.[33]

In den 1848/49 nachfolgenden Jahrzehnten wird international der Beginn oder die Konsolidierung der Frauenbewegungen konstatiert.[34] Als einigendes Band kristallisierte sich die "soziale Mütterlichkeit" vor allem für die großen bürgerlich-liberalen Frauenvereine heraus. Dies passte in die rechtlichen Möglichkeiten für öffentliches Engagement für Frauenrechte, das nicht politisch sein durfte, reproduzierte aber die bürgerlichen Geschlechtscharaktere. Gleichwohl gab es etliche Akteurinnen, darunter auch Louise Otto-Peters, die für gleiche Rechte von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen eintraten.[35]

Die im 19. Jahrhundert mit Jules Michelets "Frauen der Revolution" (1854) einsetzende Historiografie zum Geschlecht der Revolution konstruierte einerseits die aufständischen Massen mit weiblichen Attributen und positioniert sie damit in Opposition zu den rationalen institutionalisierten Männerräumen Politik und Militär. Andererseits, wurde postuliert, seien die an der Revolution beteiligten Frauen beseelt von dem Vorhaben gewesen, den bürgerlichen Idealtypus der liebevollen, opferfreudigen Ehefrau zu reproduzieren, die sich nur aus "unpolitischen" Gründen, etwa Mitleid, engagiert hätten. Und gleichzeitig stiftete Eugène Delacroix’ Bild "Die Freiheit führt das Volk" (La Liberté guidant le peuple, 1830) die Allegorie der die revolutionären Massen anführenden todesmutigen Heldin als Symbol für die Nationsbildung durch die Revolution. Dies galt nicht nur für Frankreich und seine Marianne, sondern auch weiter südlich (Italia), weiter östlich (Slavia oder Bohemia) und in der Mitte Europas (Germania).[36]

Postrevolution: Verhältnisse und Verhinderungen

Die nationale Frage des 19. Jahrhunderts war eine Möglichkeit für Frauen, sich als Teil des heterosexuellen Paares, das für den Bestand der Nation notwendig war, öffentlich zu engagieren. Auch Louise Otto, wiewohl auch in anderer Hinsicht, bewegte die deutsche Einigung. Bereits 1848 wurde sie zur (Mit-)Gründerin von "Vaterlandsvereinen", obwohl sie als Frau von der Mitgliedschaft ausgeschlossen blieb. Gerade das Einstehen für ein geeintes Deutschland war für die Frauenbewegung ein Argument, die notwendige Teilhabe von Frauen an den Staatsgeschäften zu fordern.[37] Die Erfahrung von 1848/49, dass Männer verschiedenster politischer Gesinnungen sich nicht für gleiche Rechte für Frauen einsetzten, goss Louise Otto in die oft zitierte Formulierung, dass es die "Geschichte aller Zeiten (…) und die heutige ganz besonders [lehrt], daß diejenigen, welche selbst an ihre Rechte zu denken vergessen, auch vergessen werden".[38] Die Hoffnungen und Träume der Engagierten des 19. Jahrhunderts zu lesen, die emotionalen Beteuerungen für Freiheit und Gleichheit der 1848er_innen ernst zu nehmen und nicht durch die Brille des historiografischen Wissens als nicht geschichtsmächtig abzutun, ist entscheidend, um den Anliegen dieser Akteur_innen gerecht zu werden.[39]

Geschichtsschreibung zu Geschlecht und Revolution hat eine multiple Funktion: genealogisch im Blick zurück auf die Vergangenheit die Gegenwart verständlich zu machen und – nach Walter Benjamin – zu analysieren, welches "Bild" der Vergangenheit festgehalten wird, da es "ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit [ist], das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte".[40] Um den Bildern der Vergangenheit zu einem stetigeren Dasein zu verhelfen, scheint es sinnvoll, die "unerfüllte Zukunft" in den Visionen der Aktivist_innen des 19. Jahrhunderts zu bedenken, und sie als "mögliche Gegenwart, die nie gegenwärtig werden konnte", zu fassen.[41] Das gilt auch für das Ziel, dem sich die Frauen- und Geschlechtergeschichte verpflichtet sieht: einer geschlechtergerechten Gesellschaft.

Fußnoten

25.
Vgl. Gabriella Hauch, Frauen-Räume in der Männerrevolution, in: Dieter Dowe/Heinz-Gerhard Haupt/Dieter Langewiesche (Hrsg.), Europa 1848. Reform und Revolution, Bonn 1998, S. 841–900.
26.
Louise Otto, Adresse eines Mädchens, zit. nach Schötz (Anm. 9), S. 425; Flora Tristan, Arbeiterunion. Sozialismus und Feminismus im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1988.
27.
Vgl. Gerhard (Anm. 11).
28.
Vgl. Gabriella Hauch, "Bewaffnete Weiber". Kämpfende Frauen in den Kriegen der Revolution von 1848/49, in: Hagemann/Pröve (Anm. 24), S. 223–246.
29.
Zit. nach Gabriella Hauch, Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauen in der Wiener Revolution 1848, Wien 1990, S. 140.
30.
Vgl. Johanna Ludwig, "Auch die Rechte der Frauen bedenken". Louise Otto (1819–1895) in der Revolution von 1848/49, in: Helmut Bleiber/Walter Schmidt/Susanne Schötz (Hrsg.), Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49, Bd. 1, Berlin 2003, S. 493–514, hier S. 504.
31.
Vgl. Hauch (Anm. 29), S. 148ff.
32.
Vgl. dies., "Wir hätten ja gerne die ganze Welt beglückt". Politik und Geschlecht im demokratischen Milieu 1848/49, in: dies. (Anm. 11), S. 61–81.
33.
Vgl. Louise Michel, Memoiren. Erinnerungen einer Kommunardin, hrsg. u. eingel. von Jörn Essig-Gutschmidt, Münster 2017 (1886).
34.
Vgl. Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006, S. 18, S. 41; Kategorisierungen kritisch reflektierend vgl. Gisela Bock, Geschlechtergeschichte auf alten und neuen Wegen: Zeiten und Räume, in: Jürgen Osterhammel/Dieter Langewiesche/Paul Nolte (Hrsg.), Wege der Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2006, S. 45–67.
35.
Vgl. Ute Gerhard, Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Hamburg 1990, S. 123ff.
36.
Vgl. Hauch (Anm. 7), S. 21ff.
37.
Vgl. Ute Planert, Die Nation als "Reich der Freiheit" für Staatsbürgerinnen: Louise Otto zwischen Vormärz und Reichsgründung, in: dies. (Hrsg.), Nation, Politik und Geschlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne, Frankfurt/M.–New York 2000, S. 113–130.
38.
Otto (Anm. 26).
39.
Vgl. Irina Hundt, Eine "wahre" Sozialistin? Louise Otto und ihre österreichischen Freunde im Vormärz, in: Johanna Ludwig/Susanne Schötz/Hannelore Rothenburg (Hrsg.), Louise Otto-Peters Jahrbuch II. Forschung zur Schriftstellerin, Journalistin, Publizistin und Frauenpolitikerin Louise Otto-Peters (1819–1895), Beucha–Markkleeberg 2007, S. 115–133, hier S. 127–132.
40.
Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (1940), in: ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt/M. 1980, S. 357.
41.
Bini Adamczak, Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, Münster 20153, S. 115.
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